6. Helsinki – Selbstfahrende Busse

Nach Riga und Tallinn nun auch Helsinki: Ich schaffe es mit Daphne leider erneut nicht, das eigentliche Ziel anzulaufen. Mit dem vorhergesagten Wind lässt sich die skandinavische Metropole bei der Überfahrt von Estland nicht ohne umständliches Kreuzen ansteuern. Wir beschließen daher den kürzesten Weg durch den finnischen Meerbusen zu nehmen und Kurs auf Hanko zu setzen. Eine gute Entscheidung. Bei herrlichen Sonnenschein und 4 Windstärken läuft Daphne wie auf Schienen. Da der Wind erst zu Vormittag auffrischte, konnte sich noch keine Dünung aufbauen – beste Segelbedingung also.

 

Nach nur 6 Stunden erreichen wir den 35 Seemeilen entfernten Hafen und machen Daphne an einem der vielen freien Liegeplätze fest. Da am Wochenende im Rahmen des jährlichen „Poker Run“ zahlreiche Speedboote mit Höchstgeschwindigkeiten von 35 -100(!) Knoten hier eintreffen, hatten sich viele Dauerlieger bereits verabschiedet. Unser Glück, auch wenn die Ankunft der ersten Höllenmaschinen gelegentlich das gemütliche Abendessen an Bord unterbrach.

 

Um etwas gemächlichere Geschwindigkeiten sollte es bei meinem hiesigen Sommertour-Termin gehen. Ich wollte mich über ein Projekt mit selbstfahrenden Bussen informieren und war hierzu mit dem Projektleiter von „RobobusLine“ Eetu Rutanen verabredet. Da meine beiden aktuellen Crewmitglieder ebenfalls einen Abstecher nach Helsinki unternehmen wollten, nahmen wir uns für die 120-Kilometer-Strecke einen Mietwagen. Ich setzte meine Mitsegler für ihre Sightseeingtour an einer S-Bahn Richtung City ab und fuhr in ein Gewerbegebiet nahe der finnischen Hauptstadt wo ich mit Eetu und seinen Kollegen verabredet war.

 

Das Besondere an dem Projekt ist, dass RoboBus mit dem Linienkürzel 94R seit Mai 2018 in das normale Liniensystem der Verkehrsbetriebe von Helsinki HSL integriert ist – anders als beispielsweise in Berlin wo ein ähnliches System auf dem Campus der Charite seine Proberunden dreht.

 

Der selbstfahrende Elektro-Minibus des französischen Herstellers NAVYA soll den wirtschaftlichen automatisierten Busbetrieb in Helsinki vorbereiten. Dieser soll in drei Jahren beginnen.Dafür wird RoboBus zunächst sechs Monate lang werktags drei- bis sechsmal pro Stunde Passagiere von einer Haltestelle einer regulären Helsinki-Buslinie zu einem Sportpark befördern.

 

Die Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke beträgt aus Sicherheitsgründen 18 km/h und liegt damit deutlich unter der theoretischen Höchstgeschwindigkeit des Kleinbusses von 45 km/h.Bei günstigen Bedingungen ist der Bus zwei Tage ohne Laden unterwegs. Bei Temperaturen jenseits des Durchschnitts ist durch den Einsatz von Klimaanlage bzw. Heizung die Kapazität allerdings so eingeschränkt, dass die Ladung nicht einmal für einen Tag ausreicht.

 

Eetu und sein Team von der „Metropolia University of Applied Sciences“ untersuchen im Rahmen des Projekts die langfristige Nutzbarkeit der automatisierten Kleinbustechnologie unter realen Verkehrsbedingungen. Unterstützt werden sie dabei auch von der Stadtverwaltung Helsinki und EU-Fördermitteln. Ein Schwerpunkt ihrer Untersuchungen ist das Nutzerverhalten. Zum Beispiel wie wahrscheinlich es ist, dass sich Menschen für öffentliche Verkehrsmittel entscheiden, wenn es für die letzte Meile eine entsprechende Option gibt. Meistens sind nämlich die langen Entfernungen zu öffentlichen Verkehrsmitteln der Hauptgrund zur Entscheidung für ein Privatfahrzeug.

Hauptziel des Projektes ist daher auch, eine Innovationsplattform für Unternehmen zu schaffen, um den automatisierten Busbetrieb im Last-Mile-Service zu einer wirtschaftlich tragfähigen Option für den Verkehr in der Region Helsinki zu entwickeln. Oftmals kann gerade die „Letzte Meile“ mit herkömmlichen Bussen schlecht realisiert werden. Fahrerlose Busse könnten hier eine wirtschaftliche Alternative sein.

 

Das RobobusLine Projekt ist eines von mehreren, von der EU kofinanzierten „Smart Mobility“ Projekte in Helsinki, die darauf abzielen, den Kohlendioxidausstoß im Verkehr zu reduzieren und die Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel zu erhöhen. Helsinki hat angekündigt, bis 2035 klimaneutral zu werden und will im Bereich Transport sogar ab 2021 auf fossile Brennstoffe verzichten. Und mit der Einführung der Helsinki RobobusLine vollzieht sich nun der Wechsel von der Experimentalphase zum Regelbetrieb. Es ist das erste Langstreckenprojekt in Finnland, das einen automatisierten Elektro-Kleinbus auf einer festen Strecke betreibt.

 

Der Robobus vertritt die neueste Generation automatisierter elektrischer Kleinbusse. Die eingesetzte „Deep-Learning-Sotfware“ kann Daten von Sensoren, Kameras, GPS und Navigationssystemen so zusammenführen und interpretieren, dass unter allen Bedingungen ein sicherer Betrieb gewährleistet wird.

 

Allerdings hat das System aktuell noch zahlreiche Kinderkrankheiten die ich bei meiner vierzig-minütigen Fahrt in dem Bus live miterleben durfte. Ohne sichtbaren Anlass machten wir bei freier Strecke plötzlich eine Vollbremsung – gut dass ich mich kurz zuvor hingesetzt hatte. Der Bus hatte unter einer Brücke das GPS-Signal verloren und ist in solch einem Fall auf Vollbremsung programmiert.

Ebenso konsequent stoppt das System wenn andere Fahrzeuge nach dem Überholen sich zu dicht vor den Bus setzen. Bislang ist das System auch nicht dazu in der Lage unerwarteten Hindernissen auszuweichen. Hier muss der mitfahrende Operator übernehmen. Ein Kollege von Eetu bedient hierfür den umfunktionierten Controller einer Spielekonsole um die Weiterfahrt dann manuell zu steuern. Kinder der Playstation – und X-Box-Generation sind hier eindeutig im Vorteil.

 

Trotz allem ist es erstaunlich, wie gut die Technik bereits im Alltagbetrieb funktioniert. Deshalb auch nachvollziehbar, dass bei meiner Testfahrt neben den normalen Fahrgästen auch viele Mitfahrer dazu stiegen die extra wegen des Busses angereist waren. Nicht wenige davon so wie ich aus dem Ausland.

 

Ich wünsche Eetu und seinem Team auch weiterhin viele nützliche Erkenntnisse aus dieser Testphase und der anschließenden Datenanalyse. Vor allem aber natürlich dem ganzen Projekt viel Erfolg bei der Umsetzung in den Regelbetrieb. Ich gehe davon aus, dass wir auch in Brandenburg von diesen Erkenntnissen lernen können, da wir in der Konstellation Hauptstadt und Umland eine ähnliche Situation wie Helsinki haben. Ein großes Dankeschön an Eetu für diesen interessanten Termin.

 

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