8. Kopenhagen – Vorbildlicher Radverkehr

Der letzte Reiseabschnitt begann mit einer unangenehmen Überraschung. Bislang war DAPHNE auf dieser Tour von Defekten verschont geblieben. An unserem letzten Ankerplatz in den schwedischen Schären passierte es dann: Das Bugstrahlruder gab seinen Geist auf. Da sich diese Manövrierhilfe nur circa 30 Zentimeter unter der Wasseroberfläche befindet, war der Schaden schnell lokalisiert. Die Propeller-Nut in der ein Mitnahmestift der Antriebsachse sitzt, war ausgebrochen. Ein neues Teil musste her. Glücklicherweise dauerte es nur drei Anrufe um den schwedischen Generalimporteuer herauszufinden und den Ersatzpropeller zu einem Hafen, der auf unserem weiteren Weg lag, zu ordern.

Drei Tage später hielt ich ihn in den Händen. Bei einem immerhin 29 Jahre alten Originalteil war dies nicht zwangsläufig so erwartbar. Dank gut sortiertem Werkzeugkasten und Taucherbrille war die Montage ebenfalls schnell erledigt und DAPHNE in der Folge wieder etwas leichter zu manövrieren. Bei starkem Seitenwind in engen Hafenbecken für den 9,5 Tonnen schweren, gemäßigten Langkieler nicht nur komfort- sondern auch sicherheitsrelevant. Motiviert vom Erfolgserlebnis dieser, unkomplizierter als gedacht verlaufenen Aktion ging es weiter Richtung Süden.

Leider sagte der Wetterbericht für den übernächsten Tag und folgende über 5 Windstärken aus genau dieser Richtung voraus. Wir beschlossen daher die wenige verbleibende Zeit mit günstiger Windrichtung zu gut wie möglich nutzen und so war die Entscheidung für den zweiten Nachtschlag unserer Tour gefallen. Damit kamen wir zwar tatsächlich ordentlich voran, die Reise war aber mehr als ungemütlich. Mondlose Dunkelheit, Wellen von schräg achtern, eine Bö nach der andern. Ich hatte vorsorglich einige Kaugummis gegen Seekrankheit mitgenommen, da ich von meinen jeweiligen Mitseglern ja nicht wusste wie seefest sie waren. Am Ende war ich es dann selbst, der froh war darauf zurückgreifen zu können. Nach einem längeren Reff-Manöver am Mast der wild umhertanzenden DAPHNE kam ich erschöpft zurück ins Cockpit und spürte aufkommende Übelkeit. Der ansonsten in solchen Situationen helfende Blick auf feste Bezugspunkte wie Küste,  Horizont oder Wolken war in dieser Finsternis nicht möglich und angesichts meiner Übermüdung durch die Nachtwache wollte ich das Risiko vermeiden auszufallen. Das Mittel wirkte innerhalb von 15 Minuten und der Spuk war vorbei. Am späten Nachmittag erreichten wir 31 Stunden nach dem „Leinen los“ in Dalarö, die Insel Öland. Kurz darauf drehte der Wind wie angekündigt und zwang uns die nächsten Tage im schmalen Fahrgebiet zwischen Insel und Festland zum ständigen Kreuzen. Jede Wende war so für uns im Nachhinein eine Bestätigung, dass die Entscheidung für den Nachtschlag trotz aller Widrigkeiten die Richtige war.

Ein ganz spezielles Thema unterwegs war unsere Gasversorgung. Bevor wir DAPHNE gekauft hatten, lag ihr Heimathafen für viele Jahre in Dänemark. Daher war der Ventilanschluss für das dänische System ausgelegt und der Stauraum für die Gasflaschen so dimensioniert, dass zwei 6-kg-Aluflaschen des skandinavischen Anbieters AGA perfekt hinein passten. Bei der Übernahme waren beide gut gefüllt, so dass ich mir in der letzten Saison keine Gedanken über Nachschub machen musste. Kurz vor der Abfahrt zur Ostseerunde war es dann aber soweit. Ich begann herum zu telefonieren um mich mit neuem Gas zu versorgen. Leider fand ich aber weder passende Austauschflaschen noch eine Möglichkeit die vorhandenen Flaschen aufzufüllen. Erstens war der TÜV seit Jahren abgelaufen, zweitens passten die Ventile nicht und drittens hatten die Flaschen einen ungewöhnlich hohen Schutzkranz, dass selbst bei passenden Ventilen oder entsprechenden Adaptern der Aufsatz zum Befüllen nicht auf die Flasche passte. Da der Abfahrtermin immer näher rückte, lies ich bei der ohnehin fälligen Abnahme der Gasanlage neue Anschlüsse montieren und besorgte mir eine, der in Deutschland üblichen 5kg-Flaschen. Die Nachteile: Sie hatte 20% weniger Inhalt, schlingerte bei Seegang in dem, für sie etwas zu großen Staufach und war statt aus korrosionsbeständigen Aluminium nur in Stahl erhältlich. Mangels Alternativen fuhr ich mit dieser Notvariante los und spekulierte darauf, in Skandinavien eine bessere Lösung zu finden. Die 5 kg hielten bis zu den schwedischen Schären – also circa 7 Wochen – wobei wir ungefähr jeden zweiten Tag gekocht hatten plus zweimal täglich Kaffeekochen und gelegentliches Brötchenaufbacken. Umgerechnet auf 2×6 kg würden wir damit auf unserer großen Tour also ungefähr 16 Wochen auskommen.

Jetzt musste ich aber erst einmal an zwei neue Alu-Flaschen kommen, deren letzter TÜV nicht im vorherigen Jahrtausend lag. Nach drei kochfreien Tagen wurden wir auf Öland fündig. In Borgholm ergatterte ich an einer Tankstelle die letzte, dort noch verfügbare. Dank eines Fahrradverleihs im Hafen war es kein Problem, dass sich die Tankstelle am anderen Ende des Ortes befand. Die Leute wunderten sich nur über den Anblick des, vorne unten hinten mit jeweils einer großen Gasflasche beladenen Fahrrads. Vom Weiten sahen sie aus wie eine Mischung zwischen Fliegerbombe und Torpedo. In Kalmar, unserem nächsten Hafen bekam ich dann auch die zweite 6kg-Flasche und konnte außerdem meine leere Stahlflasche gegen eine volle tauschen. Glücklicherweise hatte der Laden sogar die passenden Druckregler, so dass ich unserer Anlage wieder auf die Aluflaschen umbauen konnte. Sicherheitshalber deckte ich mich zusätzlich mit allen erdenklichen Adaptern ein, um zukünftig für ein Nachfüllen weltweit gerüstet zu sein.

Die Überfahrt nach Bornholm schafften wir Dank erneuter Winddrehung mit einem Hart-am-Wind-Kurs. Unterwegs begegneten uns nicht viele Schiffe, umso überraschter waren wir dann beim Anblick eines riesigen Arbeitsschiffes, das mit seinen prägnanten Aufbauten einen ziemlich bedrohlichen Eindruck machte. Vermutlich fanden hier die ersten vorbereitenden Arbeiten für die Verlegung der Nordstream2-Rohre statt. Die geostrategisch wie auch energiepolitisch äußerst fragwürdige Gas-Pipeline zwischen Russland und Deutschland. Da wir uns laut AIS dem Ungetüm nicht weiter nähern durften, hielten wir mittels einer leichten Kurve den geforderten Abstand um anschließend wieder hart am Wind Kurs Bornholm anzulegen. Wir hatten reichlich Schräglage und ziemlichen Druck auf den Segeln als es plötzlich einen Knall gab und das Vorsegel heftig zu flattern begann. Die Schlaufe, die unsere Genua mit der Rollanlage verband, war gerissen. Kurzfristig konnten wir das Problem beheben, indem wir das Tuch etwas einrollten und so den Druck von der unteren Befestigung nahmen. Im nächsten Hafen habe ich die Schlaufe dann zwar notdürftig vernäht, den Rest der Tour haben wir aber vorsichtshalber vermieden bei Winden jenseits von 2 Beaufort die 135%-Genua voll zu setzen. Als es am nächsten Tag in Richtung schwedische Südküste weitergehen sollte, verließ uns das Glück mit dem Wind erneut. Böen bis zur Stärke 9 genau von vorne zwangen uns bereits nach kurzer Zeit wieder zum Einholen der Segel. Nach nur 5 Seemeilen landeten wir unter Motor im nächsten Bornholmer Hafen und da sich das Wetter nicht groß änderte, blieben wir auch noch den nächsten Tag in Tejn. Die Weiterfahrt durch den Falsterbokanal, und anschließend über Dragör und Malmö nach Kopenhagen verlief bei besten Segelbedingungen problemlos.

Die letzten Kabellängen zum Liegeplatz wurden es noch einmal richtig aufregend. Das gesamte Hafengebiet war voll mit allen möglichen Arten von Wasserfahrzeugen. Von Ausflugsdampfern über Segelyachten, Motorboote, Ruderkähnen, Kajaks bis hin zu Standup-Paddler und Flößen mit Außenborder war alles vertreten. Grund für dieses Gewimmel war das, von einem bekannten Energydrink-Hersteller gesponserte „Cliff –Diving“. Die 28 Meter hohe Dachkante des Opernhauses diente als Klippenersatz. Eine spektakuläre Veranstaltung vor sensationeller Kulisse. An Backbord die artistischen Turmspringer, an Steuerbord ein tobendes Publikum und rings um uns herum Dutzende von Booten mit laut feierndem Partyvolk. Wir hingegen tuckerten recht entspannt in Richtung Klappbrücke um die nächste Öffnung für die Passage in die „Wilders Plads Marina“ zu nutzen. Der einzige  Liegeplatz der Tour den wir im Voraus reserviert hatten – ohne Voranmeldung ist es während der Saison aussichtlos dort unterzukommen. Dafür liegt man dort mitten in der City mit  herrlicher Atmosphäre und kurzen Wegen. Einzig die, im Minutentakt vorbeituckernden Ausflugsboote nervten ein wenig. Ein gemütliches Beisammensitzen im Cockpit fand immer unter den interessierten Augen von Touristen aus aller Welt statt – inklusive permanent klickender Fotoapparate.

Kurz bevor die eigenwillige Brückenkonstruktion emporschwang und Hunderte Radfahrer zu einer Pause zwang, setzte ein heftiger Platzregen ein. Voraus und Achtern wenig Sicht, schoben wir uns langsam auf der Suche nach unserem Liegeplatz in das enge Hafenbecken. Leider lagen genau gegenüber unserer Box drei Boote im Päckchen, so dass wir es nur unter mehrfachen Hin- und Her hinein schafften. Zusätzlich erschwert durch starke Böen und im Minutentakt durchfahrenden Ausflugsbarkassen. Unsere Mühe wurde am Ende aber belohnt mit einem herrlichen Plätzchen direkt mit Blick auf die „Vor Frelsers Kirke“ – das barocke Prachtstück einer Kirche mit dem markanten korkenzieherförmigen Turm.

An Bord wurde es bei uns inzwischen ziemlich voll. Neben Uta, die mich wie schon in Stockholm auch hier wieder für ein verlängertes Wochenende besuchte, gesellte sich noch unser Sohn Hendrik mit einem Kumpel zu uns. Und da ich am nächsten Tag wieder zu einem Informationstermin verabredet war, hatte ich auch Janina, meine Fachreferentin aus dem Landtag für zwei Tage auf DAPHNE eingeladen. Wir wollten uns für eine politische Radtour mit Henriette Vamberg von Gehl Architects treffen um von der Fahrradstadt Kopenhagen Anregungen und Ideen nach Brandenburg zu bringen. Der Bürogründer und Ausnahmearchitekt Jan Gehl hat großen Anteil daran, dass Kopenhagen regelmäßig an der Spitze der lebenswertesten Städte der Welt steht und zum Mekka der Radfahrer und Fußgänger wurde. Allerdings nicht durch aufsehenerregende Bauten, sondern durch seine Forschung über das, was zwischen den Gebäuden passiert. Und dies geht weit über mehr und bessere Radwege hinaus. „Macht Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger, und zwar schönen und sicheren Platz, dann bewegen sie sich auch“, so seine simple Forderung. Nach einer interessanten Power-Point-Präsentation in ihrem Büro zeigte uns Henriette dann auf den Straßen der dänischen Hauptstadt ganz konkret was Gehl damit meint.

In den über neun Wochen der Tour hatte ich nur sechs Tage Regen – und einer davon musste natürlich auf meinen Kopenhagen-Termin fallen. Da ich per Segelboot unterwegs war, hatten wir für Janina und mich ausreichend Regensachen dabei. Unsere Stadtführerin war hingegen in dünnen Strumpfhosen unterwegs. Tapfer radelte sie, unbeeindruckt vom strömenden Regen, mit uns durch die dänische Metropole und erläuterte uns unterwegs sämtliche radtechnischen Sehenswürdigkeiten. Meine Regenhose, die ich ihr höflicherweise anbot, lehnte sie selbstredend ab. Offenbar war man hier sonst noch ganz andere wetterbedingten Widrigkeiten gewohnt. Da die Politik in Kopenhagen bei der gesamten Stadtplanung den Themen Transparenz und Beteiligung einen hohen Stellenwert gibt, läuft der Transformationsprozess weg von der Autostadt hin zu umweltfreundlichen Verkehrsmitteln relativ konfliktfrei ab.

An einem gelungenem Beispiel dafür machten wir etwas länger Halt: Die „Dronning Louise’s Bro“ (Königin Luise Brücke) mitten in der City. Eigentlich für Autos schon vor dem Umbau ein Nadelöhr, fielen zu Gunsten breiterer Rad- und Fußwege bei der Sanierung der Fahrbahn noch weitere Autospuren weg. 36.000 Radfahrer fahren hier nun täglich zwischen 7 Uhr und 21 Uhr entlang: Das ist Weltrekord! Natürlich führte dies zu einem deutlich reduzierten Autoverkehr, aber der Umbau betraf nicht nur Autos und Fahrräder: Die breiteren Gehwege machten die Brücke auch zu einem angesagten und beliebten Treffpunkt für Kopenhagener und Touristen. So, dass am Ende viel mehr Bänke als ursprünglich geplant aufgestellt werden mussten, da die Menschen mehr und mehr die dortige Atmosphäre genießen wollen. Außerdem standen auf unserem Tourenplan noch das riesige Fahrrad-Parkhaus eines Einkaufcenters, die innovativen Rad-Abstellmöglichkeiten am Hauptbahnhof sowie zahllose kluge Einzellösungen für Radwegeführungen an vielbefahrenen Kreuzungsbereichen. Und an den kurzen Ampelstopps gab es immer wieder kleinteilige Tipps zu Lastenfahrrädern, Radler-Apps oder Sicherheitsfragen.

Der Kopenhagen-Termin war jedenfalls trotz des heftigen Regens ein Highlight meiner Terminreihe rund um die Ostsee. Einige Wochen später brachten wir einen umfangreichen Antrag zum Thema Radverkehr in den Landtag ein. Die Erkenntnisse aus Kopenhagen sind so unmittelbar in meine parlamentarische Arbeit eingeflossen.

Wegen eines nicht verschiebbaren Termins musste ich am Tag nach unserer geführten Radtour nach Potsdam und begleitete deshalb Janina auf dem Rückflug nach Berlin, was mir neben einem schlechten Gewissen bezüglich der Öko-Bilanz auch eine wunderbare Aussicht auf das, kurz zuvor durchsegelte Fahrtgebiet bescherte – inklusive Blick auf die Öresund-Brücke. Abends war ich wieder an Bord von DAPHNE und traf mit Hendrik die Vorbereitungen für die letzte Etappe unserer Tour – der Rückreise nach Stralsund.

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