Manfred, der Schokomann von Ua-Pou

Unsere erste Insel nach der dreiwöchigen Pazifiküberquerung war Nuku Hiva. Taiohae ist pandemiebedingt der einzig mögliche Einklarierungshafen für die Marquesas, was von der Routenplanung ziemlich ungünstig ist. Nuku Hiva liegt im Nordwesten und es wäre wesentlich bequemer, im Südosten beispielsweise Fatu Hiva anzulaufen und dann mit dem Passat auf dem Weg nach Nordwesten die anderen Marquesas zu erkunden.

Nun mussten wir warten, bis der Wind etwas auf Nord drehte um so ohne ständiges Kreuzen nach Fatu Hiva zu kommen. Doch selbst mit halben Wind war dies nicht möglich. Die starke Strömung verhinderte den passenden Kurs und so entschieden wir, zur lediglich 30 Seemeilen entfernten Nachbarinsel Ua-Pou zu fahren.

Die Buchten auf der Westseite sind geschützter als unser momentaner Ankerplatz und die phantastischen Felsformation hatten uns bei guter Sicht schon aus der Ferne Appetit gemacht. Irgendjemand erzählte uns auch von einem deutschen Aussteiger, der sich dort ein kleines Paradies geschaffen hatte und seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung hochwertiger Schokolade bestreitet. Wir waren gespannt.

Wir erreichten Hakahetau am Nachmittag und freuten uns über den relativ ruhigen Ankerplatz. Seit langem mal wieder eine Nacht ohne Geschaukel. Am nächsten Tag ging es auf Inselerkundung. Wir schlenderten zunächst einmal quer durch die Ortschaft und genossen die fantastischen Ausblicke auf die schroffe Küste und das Landesinnere mit seinen bizarren Felsformationen. Da wir nirgendwo einen Hinweis auf den Schokomann sahen, fragten wir im Dorfladen. Die freundliche Besitzerin gab uns nur eine ungefähre Beschreibung, viel Gelegenheiten zum Falschabbiegen gab es aber ohnehin nicht. Wir machten uns auf, „die Hauptstraße Richtung Küste und hinter der Brücke rechts abbiegen“. Ein unbefestigter Weg, gerade breit genug für ein Auto, schlängelte sich das Tal hinein, wir folgten ihm.

Eine Viertelstunde nachdem wir an den letzten Häusern vorbeigekommen waren, wurden wir etwas unsicher, ob wir richtig abgebogen sind. Gerade als wir umkehren wollten, tauchte aus dem dichten Gestrüpp neben uns, ein Mann mit Gummistiefeln und Machete auf. Die Standardausrüstung der Einheimischen wenn sie abseits von Straßen unterwegs sind. Wir fragten ihn nach dem Schokomann, er nickte und deutete uns an, dem Weg weiter zu folgen. Wir setzten unsere Wanderung fort, der Mann lief mit einigem Abstand in die gleiche Richtung. Als er nach einiger Zeit immer noch genau den gleichen Abstand hatte, wurde uns etwas mulmig. Wir wurden in einer ansonsten menschenleeren Gegend von einem Mann mit Machete verfolgt.

Gab es da nicht vor einigen Jahren diesen Überfall auf ein deutsches Segelpärchen? Auf einer Nachbarinsel wurde der Skipper bei einem Jagdausflug mit einem Einheimischen von diesem ermordet, die Leiche zerstückelt und verbrannt. Der Frau gelang nur knapp die Flucht. Bei mir begann das Kopfkino.

Um sich da nicht weiter hineinzusteigern, hielt ich an und begann umständlich an meinem Fotoapparat zu fummeln und wahllos die Umgebung zu fotografieren. Der Mann lief völlig desinteressiert weiter und war nun vor uns. Nach ein paar Hundert Metern tauchte etwas abseits des Weges eine kleine Hütte auf, der Mann verließ uns, die Machete lässig durchs Gestrüpp schwingend. Wir waren wieder alleine und atmeten innerlich auf. Allerdings waren wir inzwischen unsicher, ob der immer schmaler und steiler werdende Pfad uns tatsächlich zu unserem Ziel führen würde. Gerade als wir umkehren wollten, entdeckten wir ein Hinweisschild.

Inzwischen war es schon nach 15 Uhr, nur noch zwei Stunden bis zur Dämmerung und für den Rückweg benötigt man circa 1 Stunde. Also nicht viel Zeit für Manfred. Aber wer weiß, vielleicht würde er uns ja mit seinem Auto zurück fahren falls wir uns festquatschen oder wir könnten uns über Nacht irgendwo auf eine freie Matratze hauen. Auf unserer Tour hatte sich bei solchen Situationen bislang immer irgendetwas ergeben. Meist spontan und immer mit dem gewissen Erlebnisfaktor. Also weiter marschieren.

Um kurz vor 16 Uhr stehen wir schließlich vor einem Torbogen mit der Aufschrift „Manfred Ville TUKUA“. Wir sind gespannt, was uns in dieser „Stadt“ erwartet, wegen eines Schildes „STOP prive“ zögern wir jedoch ein wenig. Dann entdecken wir ein große Bratpfanne nebst Schlagholz, offensichtlich die Türglocke. Sofort nach dem ersten Gong ertönt lautes Hundegebell, das sich schnell nähert. Wir rechnen schon mit großen bösen Wachhunden, es erscheinen dann aber glücklicherweise nur drei niedliche Promenadenmischungen um neugierig zwischen unseren Füßen herumzuwuseln. Kurz darauf erscheint auch Manfred der uns mit knapper, freundlicher Geste in seine Stadt bittet.

Schon bei der Begrüßung erfahren wir Interessantes aus seinem Leben. Zum Beispiel hat die Hand, die wir gerade schütteln, schon Zehntausend Frauen berührt. Natürlich auch Männer fährt er fort, er hat nämlich lange Zeit als Saunameister gearbeitet. Nachdem er uns sein Alter verraten hat, soll Antonia erst seinen Bizeps fühlen, anschließend seine Bauchmuskeln. Es folgt der trockene Hinweis, dass weiter unten alles genauso hart sei. Ich schwanke zwischen Lachen und Entrüstung.

Offenbar erkennt er an unserer Reaktion, dass wir uns weniger für seine Lenden als für seine Lebensgeschichte interessieren. Er verschwindet kurz in einer der kleinen Hütten, die sich auf der gerodeten Fläche der “Manfred-Stadt” verteilen, um drei reichlich abgegriffene Fotoalben zu holen. Geduldig blättert er diese durch und berichtet uns an Hand der Fotos und Zeitungsausschnitte umfassend aus seinem wechselhaften und spannenden Leben. Und das hat es wirklich in sich. Manfred hat beruflich schon so ziemlich alles gemacht – offensichtlich ein echter Superman.

1987, ein Jahr nachdem seine Cousine, Heike Drechsler als Sportlerin des Jahres geehrt wurde, verließ Manfred mit 34 Jahren die DDR. Der Arbeiter- und Bauernstaat wurde ihm zu eng. Seine beiden Kinder, der Sohn dreizehn, die Tochter zwölf blieben bei der Mutter. Manfred jobbte in verschiedenen Bereichen und brachte es schließlich zu einem eigenen Saunabetrieb in der Nähe von Münster. Aber auch im goldenen Westen hielt es ihn nicht lange. Irgendwann hatte er wieder „die Schnauze voll“ und sah im Fernsehen zufällig einen Bericht über Französisch-Polynesien. Ohne Englisch- oder Französisch-Kenntnisse machte er sich mit 38 Jahren auf den Weg in ein neues Leben.

Bis er beide Fremdsprachen ausreichend beherrschte, arbeitete er als Fliesenleger und baute Häuser. Dann machte er den Pilotenschein für Kleinflugzeuge und Helikopter. Er flog Hubschraubereinsätze zum Bau von Kabeltrassen oder chauffierte Kamerateams und wohlhabende Touristen durch die Luft. Einmal sogar den späteren US-Präsident Donald Trump.

Seit 1997 lebt er mit seiner Ehefrau (natürlich eine polynesische Prinzessin) auf Ua-Pou. Als er beschloss, sich in der heutigen „Manfred-Ville“ niederzulassen, war dort nichts als Urwald. Mit einfachsten Geräten rodete er zunächst eine kleine Fläche Wildnis für eine Hütte und einige Palmen. Wie viele Menschen in Französisch-Polynesien, lebte er eine Zeitlang vom Verkauf getrockneter Kokosnüsse. Nach und nach kamen verschiedene Obstbäume dazu und die Anbaufläche wuchs stetig. Irgendwann folgten die ersten Kakaopflanzen und er setzte es sich in den Kopf, die weltbeste Schokolade herzustellen.

Während Manfred plaudert, stellt er eine kleine Schale mit Kostproben auf den Küchentresen. Jahrelang tüftelte er an Rezepten und Gerätschaften. Nach unserem Geschmack ist er seinem Ziel schon recht nah gekommen. Er produziert circa zehn verschiedene Geschmacksrichtungen, eine köstlicher als die andere und die umgerechnet vier Euro pro 100 Gramm Tafel erschienen uns absolut angemessen. Wir kauften sechs Tafeln, die nicht lange an Bord von Daphne überlebten. Dazu waren sie zu lecker, was vermutlich auch daran liegt, dass Manfred auf zugesetztes Palmenöl verzichtet. Eine weitere Spezialität vom Schokomann sind riesige gefüllte Pralinen. Und natürlich gibt es auch dazu einen echten Manfred-Witz. Er würde den Damen, die ihn besuchen, stets anbieten, dass sie eine Praline der Sorte „Ladykiller“geschenkt bekommen, wenn sie es schaffen, die Hälfte davon in den Mund zu nehmen. Gelingt es ihnen, die ganze Praline in den Mund zu stecken, dürften sie bleiben.

Antonia und ich überlegten, wie man die Augen verdreht ohne, dass es unser Gegenüber bemerkt. Irgendwie erinnern mich Manfreds Erzählungen an diese Filme, wo die Protagonisten wahlweise eingefroren oder ins Koma versetzt werden und einige Jahrzehnte später, völlig unvorbereitet auf eine veränderte Gesellschaft treffen. Ich vermute allerdings, dass die meisten seiner Witze schon schlecht waren, als er Deutschland verlassen hatte.

Im Gegensatz hierzu ist seine Schokolade exzellent. Das spricht sich herum und er verkauft seine Ware sogar auf dem über 1.300 km entfernten entfernten Tahiti. Sämtliche Zutaten stammen aus ökologischer Produktion. Sogar bei der Energieerzeugung setzt Manfred auf Öko. In das Gehäuse eines ausgedienten Kühlschranks montierte er einen selbstgebauten Stromgenerator, der über eine Schlauchleitung mit dem Wasser aus den nahen Berghängen angetrieben wird. Ein Dutzend alter Autobatterien übernimmt die Speicherung und „Netzstabilität“ der 2.000-Watt-Anlage. Das Ganze sieht ziemlich abenteuerlich aus und ein deutscher Elektriker würde das Weite suchen aber die Konstruktion scheint sich bewährt zu haben. So auskunftsfreudig Manfred auch ist, bei seinem Heiligtum, der Schokoladenproduktion ist dann Schluss mit der Transparenz. Wir müssen uns mit dem Genuss des Ergebnisses zufrieden geben. Diese Tür bleibt verschlossen.

Aber auf dem restlichen Gelände gibt es genug zu sehen. Neben den drei Hunden, die uns begrüßten, tummeln sich dort noch zwei weitere sowie zwölf Pferde sowie zahlreiche Enten und Hühner und über vierzig Katzen. Ratten und Mäuse haben hier keine Chance. Für uns unvorstellbar, dass er die gesamte Fläche weitgehend alleine urbar gemacht hat. Über die Jahre ist es ein richtiges kleines Paradies geworden, das inzwischen auch regelmäßig Besucher anlockt. Sogar eine Klettergruppe des deutschen Alpenvereins fand den Weg zu ihm. Sie waren unterwegs, um die spektakulären Felsformationen in der fußläufigen Umgebung zu erschließen. So kam es, dass „Manfred-Ville“ nun in einem deutschen Kletterführer als Klettergebiet ausgewiesen ist. Auf einem großen Tarp über seinem Hof finden sich die Namen vieler seiner Besucher und auch wir verewigen uns dort inklusive Bootsnamen.

Probleme mit der Einsamkeit hat er scheinbar nicht. Und Angst schon gar nicht. Er macht seit seinem elftem Lebensjahr Judo und hat sogar jahrelang Polizeibeamte in Jiu-Jitsu trainiert. Wenn ihn hier jemals jemand angreifen würde, macht er keine Gefangenen. Er kann schließlich nur mit seinen Muskeln töten und um Stress mit den Behörden zu vermeiden, würde der Angreifer anschließend einfach spurlos verschwinden. Er lacht kurz über diesen Witz, wir sind unsicher, ob es tatsächlich ein Witz war.

Manfred liebt jedenfalls dieses Leben in der Natur fernab der meisten zivilisatorischen Errungenschaften. Auch wenn es ihn schon fast das Leben gekostet hätte. Bereits zweimal musste er per Hubschrauber zur Not-OP ins Krankenhaus. Erst ein Magengeschwür, dann der Blinddarm. Bei Letzterem war es so knapp, dass die Ärzte noch nicht einmal Zeit hatten, die OP-Stelle zu rasieren. Aber einen „Superman“ kann natürlich auch das nicht umhauen. Trotz oder gerade wegen der gewissen Skurilität hätten wir Manfred sicherlich noch eine Weile lauschen können, jedoch rückte der Sonnenuntergang langsam näher und wir hatten noch circa eine Stunde Rückmarsch vor uns. Also machten wir uns mit unserer Schokolade auf den Weg. Als wir wieder an Bord stiegen, war es bereits dunkel. Am nächsten Tag ging es für uns zurück nach Nuku Hiva. Ua Pou behalten wirauf jeden Fall  in toller Erinnerung.

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