Besuch auf einem Frachtensegler

Auch wenn wir mit unserer „Daphne“ weitgehend schadstofffrei unterwegs sind – weltweit ist die Schifffahrt für ca. 15 % der Stickoxid- sowie 13 % aller Schwefeldioxidemissionen verantwortlich.  Dies liegt vor allem daran, dass die Motoren fast aller Großschiffe Schweröl verbrennen, das Abfallprodukt aus der Erdölverarbeitung. Lediglich in den wenigen ausgewiesenen Schutzgebieten müssen die Schiffsmotoren auf Diesel umgeschaltet werden. Manche bezeichnen sie als schwimmende Müllverbrennungsanlagen und Schweröl ist meist billiger als Rohöl. Die schwarze Substanz ist so zähflüssig, dass sie auf 50 Grad erhitzt werden muss um fließfähig und so erst nutzbar zu sein. Der Verbrauch eines mittelgroßen Schiffes liegt bei täglich circa 200.000 Liter. Weltweit gibt es circa 55.000 Handelsschiffe.

Steigen die Preise für Schweröl über die Schmerzgrenze der Reedereien wird eine Verringerung der Geschwindigkeit verordnet. Eine Reduzierung von 25 auf 20  Knoten bringt ungefähr 50% Einsparung. Sinkt der Preis wieder, wird erneut Normaltempo gefahren. Auch Zeit ist schließlich Geld. Bei solchen Größenordnungen von Kosten und Umweltbelastungen verwundert nicht, dass es immer wieder Überlegungen gibt, den auf See reichlich vorhandenen Wind als Antrieb zu nutzen. Schließlich hat dies zuvor jahrhundertelang gut funktioniert.

Die Firma SkySails beispielsweise will Hochseefrachter mit einem 1.000-Quadratmeter großen Lenkdrachen ausrüsten. Dieser wird vollautomatisch ein- und ausgefahren und kann bei Windstärken von 3 bis 7 Beaufort bis zu 20% des Vortriebs übernehmen. Pro Schiff würden damit jährlich für 1-2 Millionen Dollar Kraftstoff eingespart werden. Die CO2-Emmisionen sinken um circa 8.000 Tonnen und der Ausstoß von Schwefeldioxid, Stickoxid, Ruß etc. reduziert sich ebenfalls.

Hingegen setzen die Eigner der „Tres Hombres“ auf altbewährte Technik und zu 100 Prozent auf Windkraft. Zufällig lagen wir bei unserem Aufenthalt in Grenada in direkter Nachbarschaft zu dem beeindruckenden Frachtsegler Baujahr 1943 und hatten so die Gelegenheit einer Schiffsbesichtigung. Nach einem kurzen Klönschnack an der Kaimauer lud uns Schiffsmaat Lenno Visser zu einer ausführlichen Führung auf dem ehemaligen Kriegsfischkutter ein und schilderte uns detailliert die Geschäftsidee sowie den Alltag an Bord.

Seit 2009 transportiert die 32 Meter lange und über 6 Meter breite „Tres Hombres“ auf den alten Handelsrouten klimaneutral Waren über den Nordatlantik. Nach fairtrade nun auch fairtransport. So kommt Wein aus Frankreich ebenso wie Olivenöl aus Portugal über die Passatroute in die Karibik. Dieselbe Strecke auf der auch wir den Atlantik überquerten. Die Hinfahrt erfolgt ab Oktober oder November. Mit karibischem Rum sowie fair gehandelten Kaffee- und Kakaobohnen oder Muskatnüssen geht es dann im März mit der Westwinddrift über die Azoren wieder zurück Richtung Europa. Der Laderaum misst insgesamt 55 Kubikmeter (circa 20 Europaletten) und trägt 35 Tonnen Fracht.

Um bei Flaute nicht der Versuchung zu erliegen den Motor zu starten, wurde der vorhandene Antrieb bei den Umbaumaßnahmen ersatzlos demontiert. Das brachte nebenbei auch geringfügig mehr Stauraum sowie eine etwas höhere Geschwindigkeit, denn die sonst während des Segelns leicht bremsende Schiffsschraube entfiel damit ja ebenfalls. Ganz ohne Motor geht es dann aber doch nicht über die Meere. Unterstützung bei Hafenmanövern bringt ein 50 PS Außenborder am Beiboot. Und sollten die Windräder und Solarmodule an Bord zu wenig Strom liefern, wird der mit recyceltem Frittierfett betriebene Generator gestartet.

Der eigentliche Warentransport erfolgt zu 100% per Windkraft. Immer mehr Kunden die beim Einkauf bereits auf Öko- und Fairtrade-Siegel achten, sehen inzwischen auch die umweltschädlichen Transporte sehr kritisch. Für Waren wie Kaffee oder Kakao bei denen man nicht auf regionale Produkte zurückgreifen kann, ist der Transport per Segler daher die passende Lösung. Um ein wenig mehr von der Wertschöpfung zu profitieren, bieten die Eigner des Zweimasters inzwischen auch verschiedene Produkte unter eigenem Label an. Von hochwertiger Schokolade bis zum 23 Jahre altem Rum findet man im Webshop der Reederei zahlreiche Artikel mit Logo des Frachtensegler auf dem Etikett.

Die drei Initiatoren denken aber noch weiter. Als Andreas Lackner, Arjen van der Veen und Jorne Langelaan im Dezember 1990 ihre „Tres Hombres“ auf Jungfernfahrt schickten, geschah dies vor allem um die Wirtschaftlichkeit des Frachtensegelns darzustellen. Ein Pilotprojekt nach dessen erfolgreicher Umsetzung man dann weitere Schiffe einsetzen wollte. Auch Neubauten waren geplant. Parallel dazu setzen sich die drei gegenüber der Politik dafür ein, die Rahmenbedingungen für einen umweltfreundlicheren Seetransport zu verbessern. Die beiden Hauptforderungen sind:

  1. Schiffe müssen genau wie jeder andere Industriesektor für ihre Klimaverschmutzung bezahlen (dabei können die vorhandenen Instrumente zur Überwachung, Berichterstattung und Überprüfung genutzt werden).
  2. Einnahmen aus diesem Emissionshandel sollten in Entwicklung und Bau neuer Zero-Emissionsschiffe investiert werden (viele Unternehmen arbeiten bereits an der Entwicklung neuer Kraftstoffe und Antriebssysteme, benötigen aber eine finanzielle Unterstützung)

Als ehemaliger Verkehrspolitiker finde ich diese Forderungen absolut unterstützenswert. Während wir in den Bereichen Strom, Wärme und Industrie mit großen Anstrengungen die Emissionen mehr oder weniger erfolgreich verringern, geht die Kurve im Mobilitäts- und Transportsektor weiterhin nach oben. Die Schifffahrt ist dabei besonders schmutzig. Hier braucht es international dringend strengere Regeln und Grenzwerte. Zwar müssen Schiffe seit Anfang 2020 bei Schweröl nun eine Abgasreinigungsanlage einsetzen die den Schwefel aus den Abgasen extrahiert oder auf schwefelärmeren Schiffsdiesel umstellen. Das ist jedoch immer noch das über Hundertfache als im Autoverkehr erlaubt. Nun wird nicht der gesamte Welthandel mit Windkraft abgewickelt werden können; mit Erdgas, Elektromotoren oder Brennstoffzellen stehen aber bereits heute schon wesentlich umweltfreundlichere Techniken zur Verfügung.

Nach unserer Atlantiküberquerung als Zweier-Crew auf der „Daphne“ hat uns neben dem Warentransport natürlich auch stark interessiert, wie viele Personen man braucht um solch eine Schonerbrigg (Segler mit je einem Fock- und Großmast sowie Rah- und Schratsegel) wie die „Tres Hombres“ ordentlich zu bedienen. Laut Lenno besteht die Mannschaft neben dem Kapitän und zwei Steuermännern aus je einem Bootsmann und Koch sowie zwei Matrosen. Bei unserem Besuch waren außerdem sechs Trainees an Bord.

Diese bezahlen je nach Dauer der Etappe zwischen 20,– und 90,– Euro pro Tag. Alle Trainees werden voll mit in die Aufgaben an Bord eingebunden. Am Ende des Törns haben sie dann einen guten Eindruck über die umfangreichen Tätigkeiten auf einem Segelschiff. Außerdem lernen sie interessante Regionen und viele Gleichgesinnte kennen. Mit Sicherheit eine tolle Erfahrung. Neben den Kojen für die Besatzung und der großen Vorschiffkabine der Trainees, gibt es noch eine Kabine für zwei Passagiere. Wir bleiben natürlich lieber unserer „Daphne“ treu. Nach zwei Stunden voller spannender Einblicke in die Welt der Frachtsegler kehrten wir zurück auf unser schwimmendes Zuhause.

Einige Tage später, als der Wind für die Weiterfahrt günstig blies, sahen wir die „Tres Hombres“ dann noch ein letztes Mal wie sie an uns vorbei Richtung Westen segelte. Ein schöner Abschied – hoffentlich mit Wiedersehen. Den drei Männern und Ihren Mannschaften wünschen wir für ihre weitere Arbeit, kaufmännisch wie auch politisch maximalen Erfolg und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

Link zur Webseite der “Tres Hombres”

 

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