Mit dem Lockdown kommt der Hunger

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Die ersten Tage nach unserer Ankunft in Kolumbien, als an eine Ausgangssperre noch nicht zu denken war, erlebten wir die Straßen von Santa Marta voller Leben. Bei unseren Spaziergängen und Restaurantbesuchen fielen uns besonders die vielen Menschen auf, die sich als fliegende Händler, Straßenkünstler oder Transporteure verdingten.

In Kolumbien ist mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung im sogenannten informellen Sektor tätig. Mit dem Lockdown waren diese Menschen von einem Tag auf den anderen plötzlich ohne Einkommen. Sicherlich haben die meisten für einige Tage ausreichend Lebensmittel im Haus. Aber spätestens nach ein bis zwei Wochen bedeuten die Einschränkungen für viele, dass sie die Versorgung ihrer Familie nicht mehr gewährleisten können. An immer mehr Häusern sind rote Stofftücher zu sehen, die auf diese Notlage aufmerksam machen sollen.

Besonders hart trifft es die Obdachlosen, unter denen sich auch viele Flüchtlinge aus dem benachbarten Venezuela befinden. Mehr als vier Millionen sind von dort bereits geflohen. Die dortige Krise ist für die aktuell weltweit zweitgrößte Migrationsbewegung verantwortlich. Für über 1,5 Millionen heißt das Ziel Kolumbien. Ohne staatliche Hilfe oder eine Familie, die für etwas Unterstützung sorgen könnte, folgen auf die Ausgangssperre ganz unmittelbar existenzielle Probleme. Durch die Schließung und weiträumige Absperrung des Marktviertels sind diese Bevölkerungsteile dann auch noch von ihrer Hauptnahrungsquelle, den Abfällen der Händler, abgeschnitten.

Tour 1 (29./30. April)

Wir wollten diese Situation nicht nur tatenlos zur Kenntnis nehmen und organisierten unter uns Langfahrtseglern in der Marina eine Spendensammlung. Es kamen ungefähr 350,– € zusammen.

Marlon, ein hier lebender Deutsch-Spanier, den wir kurz nach unserer Ankunft kennengelernt hatten, brachte uns mit Alfredo und Liliam zusammen. Die beiden kümmern sich in ihrer Freizeit um streunende Hunde und Katzen, haben aber auch schon Erfahrung im Verteilen von Lebensmitteln. Sie erstellten eine Liste von Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln mit denen wir Pakete für 35 Familien packten. Ausreichend um vier Personen für circa eine Woche zu versorgen. Nach dem Einkaufen, Sortieren und Verpacken fuhren wir zum Verteilen in ein Stadtviertel mit einem besonders hohen Anteil von Bedürftigen.

Wir konzentrierten uns dabei auf Familien mit Kindern und Menschen die auf der Straße wohnen. Besonders bei den Frauen war die Freude groß, während die Männer bei der Verteilung meist im Haus blieben oder betont gleichgültig auf ihr Smartphone starrten. Für die Kinder hatten wir zusätzlich noch ein paar Süßigkeiten mitgebracht. Ihre leuchtenden Augen sind ein Bild, das noch lange hängen bleibt.

Später, bei den Obdachlosen hatten wir Gelegenheit mit einigen ins Gespräch zu kommen und etwas mehr über ihre Situation zu erfahren. Die Palette reichte von „gerade erst wegen Arbeitslosigkeit auf der Straße gelandet“ bis hin zu „schon als Kind von der Familie verstoßen“. Viele von Ihnen verstecken sich wegen der Ausgangssperre vor der Polizei, was die Nahrungsbeschaffung neben der Schließung des Marktes noch mehr erschwert.

Während wir uns bei der gesamten Verteilaktion recht sicher fühlten, wurde es bei unserem letzten Stopp ein wenig unangenehm. Wir hielten vor zwei Hütten mit roten Stofftuch. Die Bewohner kamen zunächst recht zögerlich zu unserem Wagen. Nachdem wir aus der geöffneten Heckklappe die ersten Sachen verteilten, kamen dann aber aus entfernteren Gebäuden immer mehr Menschen. Wir waren plötzlich von einer unübersichtlichen Menge umringt. Dank des resoluten Auftretens unserer lokalen Helferin, konnten wir dann aber trotzdem auch die letzten Tüten kontrolliert ausgegeben und uns anschließend auf den Heimweg begeben.

Während des gesamten Tages haben wir fotografiert und die Aktion anschließend bei Facebook und WhatsApp gepostet, um auf die schlimme Situation hier aufmerksam zu machen. Die Reaktionen waren überwältigend. Ohne explizit um Spenden gebeten zu haben, kamen innerhalb von ein paar Tagen circa 4.700,– € zusammen. Familie, Freunde, Bootsnachbarn – sogar mir bislang persönlich nicht bekannte Facebook-Kontakte boten Unterstützung an.  Dafür ein riesiges Dankeschön an alle betreffenden Personen!

Nun geht das Projekt also in die Verlängerung. Die Regierung hat inzwischen bekannt gegeben, dass die Ausgangsperre mindestens bis zum 31. Mai gilt. Es wird daher wohl noch reichlich Bedarf und Gelegenheit für weitere Verteilungen geben …

Von unserer Tour 2 (7./8. Mai) gibt es jetzt auch bewegte Bilder. Diesmal konnten wir an insgesamt 60 Familien Pakete im Wert von ca. 642,55 € übergeben. Bei der Tour 3 (14./15. Mai) haben wir erneut 60 Pakete zusammengestellt, diesmal im Gesamtwert von  772,49 €.

Bei unserer Tour 4 (20. Mai) konnten wir die Organisation etwas verbessern. Die Waren (790,19 €) wurden vom Supermarkt nun direkt in die Marina zum Verpacken gebracht und die Verteilung fand von einem zentralen Ort aus statt. Im Vorfeld wurden durch unsere lokalen Helferinnen die entsprechenden Familien aufgelistet und dann nacheinander zur Ausgabe aufgerufen. Dadurch war der Ablauf für alle Beteiligten wesentlich entspannter und wir konnten die Tour statt an zwei nun an einem Tag schaffen.

Tour 5 (27./28. Mai) fand diesmal wieder an zwei Tagen (insges. 792,62 €) statt, da wir zwei unterschiedliche Gegenden beliefern wollten. Bei der ersten Verteilstelle  gab es jetzt erstmals etwas Unmut unter den Menschen. Einige beschwerten sich, dass manche schon vergangene Woche etwas abbekamen und andere noch überhaupt nichts. Das passiert eben, wenn man viel improvisieren muss und wir nehmen uns das jetzt auch nicht so zu Herzen. Ein ungutes Gefühl bleibt trotzdem und man würde es natürlich am liebsten allen irgenwie recht machen. Aber angesichts der Massen von Bedürftigen und unseren begrenzten Ressourcen ist das selbstvertsändlich illusorisch. Die größte Freude herrschte immer dann, wenn wir schon auf dem Weg zum Verteilort offensichtlich bedürftige Leute sahen und spontan anhielten um ihnen Pakete zu geben (wie der Familie im Bild unten). Inzwischen wurde der Lockdown bis Ende Juni ausgeweitet. Die Spenden reichen aktuell noch bis Mitte Juni, mal sehen wir es dann weitergeht. Jede Summe hilft (für 50,–€ können wir 4 Familien Lebensmittel und Hygieneartikel für circa 1 Woche geben.)

 

Tour 6  (784,10 €) führte uns im ersten Teil (3. Juni) nach Norden in Richtung Palomino. An dieser Stelle nochmals eine großes Dankeschön an Marlon. Vom Einkauf und Anlieferung der Waren über Organisation der Vereilstationen bis hin zum Ausliefern mit seinem Auto – ohne ihn würden wir das alles niemals so hinbekommen. Um sicher zu sein, dass die Lieferungen auch tatsächlich bei Bedürftigen ankommen, verlassen wir uns auf Menschen, die Marlon persönlich bekannt sind. Und dies führt uns dann auch gelegentlich etwas weiter weg von unserer Marina. Kurz vor Palomino erwartete uns Eliana, eine Schamanin die lange bei den Ureinwohnern lebte und nun deren Heilkunst an andere weitergibt. Sie hatte in ihrem Ort die besonders bedürftige Familien über unser Kommen informiert, so dass auch diesmal die Verteilung sehr geordnet ablief. Als besonderes Mitbringsel hatte uns Marta – eine 14-jährige Potugiesin aus unserer Marina-Gruppe – kleine Armbänder gebastelt. Die Kinder waren begeistert.  

Den zweiten Teil der Tour 6  (10. Juni) lieferten wir in Palomino aus. Mara, die vor vielen Jahren aus Deutschland auswanderte, führt dort ein sehr gemütliches Hotel direkt am Strand und bot uns an, bei der Verteilung zu unterstützen. Der Hotelbetrieb ist derzeit eingestellt und die meisten MitarbeiterInnen ohne Beschäftigung. Der Lockdown ist für die gesamten Tourismusbranche hier eine wirtschaftliche Katastrophe. An ihrer Hilfsbereitschaft ändert dies aber nichts. Die eingeladenen Familien wurden auf dem Hotelgelände empfangen und der Reihe nach aufgerufen. Während der Wartezeit versorgte Mara sie mit kühlem Saft und leckerem Gebäck. Wieder einmal war es ein gutes Gefühl, die vielen Menschen für eine Weile versorgt zu wissen.

Auf unserer Tour 7  (25./26. Juni; 799,46) ging es erneut Richtung Palomino. Uns kam zu Ohren, dass die Verteilaktionen in der Umgebung von Santa Marta bereits zu Nachfragen von Leuten geführt hatten, mit denen man besser nicht zu tun haben möchte. Wir entschieden daher, sicherheitshalber zukünftig besser etwas weiter weg zu verteilen.

Am ersten Tag ging es zu Eliana, bei der wir bereits bei der Tour 6 waren. Am zweiten Tag ging es noch etwas weiter östlich nach Dibulla. Wir hielten an einigen Hütten von denen unsere lokale Ansprechpartnerin wusste, dass dort bedürftige Familien leben. Eine davon war die über 80-jährige Maria die alleine in einer einfachen Hütte lebt und alles Lebensnotwendige auf ihrem Grundstück selbst anbaut. Das wenige Geld was sie zusätzlich benötigt, verdient sie mit dem Verkauf von Mangos. Sie machte einen absolut fitten Eindruck und klettert sogar noch per Leiter auf die Bäume um an die Früchte zu gelangen.

Anschließend wurde es für uns dann kompliziert. Wir gerieten in eine Polizeikontrolle. Leider hatten wir inzwischen das Gebiet der Gültigkeit unseres Schreibens verlassen, worauf die Polizisten uns zur Umkehr aufforderten. Nach ewig langer Diskussion ergab es sich allerdings, dass unsere Begleitung eine Freundin herbeitelefonierte, die ihrerseits eine Freundin der Gouverneurs-Gattin war. Diese wiederum, saß zufälligerweise in einem Restaurant in Sichtweite der Polizeikontrolle und hatte die Szene von Anfang an beobachtet. Im Ergebnis dieser beiden Zufälle durften wir dann schließlich weiterfahren und die restlichen Lebensmittel ebenfalls verteilen. Bei der Freundin bedankten wir uns mit einem Lebensmittelpaket. Natürlich fehlte das dann bei der Verteilung, da die Familien ja immer abgezählt hinbestellt werden. Die Gesichter der leer ausgegangen Familie waren so traurig, dass ich ihnen meine letzten Pesos gab.

Wegen der Polizeikontrolle hatten wir so viel Zeit verloren, dass wir fast den letzten Bus nach Santa Marta (wir passten nicht alle ins Auto) verpassten. Wir erreichten ihn nur deshalb noch rechtzeitig, weil 1. Marlon uns mit völlig überhöhter Geschwindigkeit dorthin chauffierte und 2. der Bus sich 15 Minuten verspätete. Dummerweise hatte aber niemand von uns Geld dabei – meinen Notgroschen war ich ja gerade losgeworden. So saßen Mareike und ich also ohne Geld, ohne Handy-Empfang und ohne besondere Sprachkenntnisse in einem kolumbianischen Bus und hofften, dass alles gut ausgehen würde. Tat es dann natürlich auch. Erstens saß im Bus zufällig eine Deutsche die uns ihrer Hilfe anbot und zweitens kam der Ticketverkäufer erst nach der Haltestelle an der Thomas zustieg an unserer Sitzreihe. Thomas war während der Verteilaktion im Hotel geblieben, wusste in welchem Bus wir sitzen und hatte glücklicherweise ausreichend Pesos dabei.

Aber Nerven hatte es uns trotzdem, gekostet 😉

Da unsere britischen Freunde Fizzy und Jack ebenfalls ordentlich Werbung für das Projekt machen, ist die Spendenkasse wieder etwas gefüllt worden. Über 1.200,– £ haben die beiden schon gesammelt und damit unseren nächsten Einkauf gesichert. Ziel unserer Tour 8 (4. Juli; 787,01 €) war ein Dorf mit Angehörigen der Wayuu, einer indigenen Volksgruppe die in dem Grenzgebiet von Kolumbien und Venezuela beheimatet ist. Die circa 250 BewohnerInnen von Wepiapaa wurden vor 14 Jahren wie viele andere Wayuu aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben. Der Boden hier ist weniger fruchtbar als ihr altes Land und so haben sie sich mit der Fertigung und dem Verkauf von traditionellen Taschen und anderen Handarbeiten an Touristen einen Nebenerwerb geschaffen. Doch mit dem Lockdown ist diese Versorgungsmöglichkeit weggefallen und unsere Lieferung daher sehr willkommen. Da die Wayuu nur wenig Spanisch sprechen, waren wir diesmal auf zwei Übersetzer angewiesen. Nach der Verteilung boten sie uns noch eine ausführliche Dorfbesichtigung an und wir konnten einiges über ihren Alltag erfahren. Sicherlich ein Highlight unseres bisherigen Aufenhaltes hier und ausreichend Stoff für einen eigenen kleinen bebilderten Bericht  (folgt in Kürze).

Auf unserer Rückfahrt gerieten wir erneut zweimal in eine Polizeikontrolle. Dank der offiziellen Genehmigung für die Verteilaktion konnten wir zwar unbehelligt weiterfahren, ein ungutes Gefühl ist es jedoch trotzdem jedes Mal wenn die Uniformierten einen zu Halten herauswinken.

Auch unsere Tour 9  (25./26. Juli; 864,020 €) führte uns wieder in die Region nahe Palomino. Wir hatten diesmal für 100 Pakete eingekauft. Mara, die vor Ort die Verteilung organisierte, hatte uns darum gebeten, weil dort einfach zu viele Menschen auf Hilfe warteten, um mit unseren üblichen 60 Paketen auszukommen. Um das Budget nicht zu sehr zu überschreiten, reduzierten wir etwas den Inhalt. Die Verteilung der ersten Hälfte fand am Samstag bei Mara auf dem Grundstück statt, wo sie 45 Familien hinbestellt hatte. Obwohl wir noch fünf Pakete in Reserve hatten, reichte es natürlich mal wieder nicht. So eine Aktion spricht sich schnell im Dorf herum und natürlich kommen dann immer mehr, als eingeladen sind. Es ist äußerst bedrückend diejenigen, die leer ausgehen wieder weg zu schicken. Um sie nicht mit völlig leeren Händen abzuweisen, nahmen wir ein paar Sachen aus dem zweiten Teil der Lieferung und Mara fand auch noch einiges in ihrer eigenen Speisekammer zum Abgeben. Es ist immer wieder frustrierend beim Verteilen: Einerseits weiß man, dass man etwas Gutes tut, andererseits wird mit man mit dem Geben auch immer damit konfrontiert, dass es nie genug ist.

Am Sonntag fuhren wir dann nach Los Achotes, ein naheliegendes Dorf mit circa 65 Familien. Die Menschen leben dort vorwiegend von Landwirtschaft und versorgen sich daher zum großen Teil selbst. Was sie zusätzlich benötigen, kaufen sie von dem Geld, das sie durch Fischfang verdienen. Da wegen des Lockdowns alle Hotels und Restaurants geschlossen sind, entfällt diese Einnahmequelle. Das Dorf ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und die Wasserversorgung ist nur in der Regenzeit gesichert. Als Quelle dient der naheliegende Fluss und das Wasser kann nur per Generator und Pumpe an alle verteilt werden, wenn er einen ausreichenden Pegel hat. Ohne Regen, keine Ernte. Der Ortsvorsitzende Uliseys hatte die Verteilung perfekt organisiert und die BewohnerInnen der weit verstreut liegenden Häusern zum Gemeindehaus bestellt. Nach einer kurzen Ansprache, las seine Mitarbeiterin aus einem imposant wirkendem Dorfbuch die Namen der EmpfängerInnen einzeln auf und innerhalb kurzer Zeit war unsere Ladefläche leer. Anschließend hatten wir noch die Möglichkeit, eines der im Wald liegenden Gehöfte zu besuchen. Dort lebt die 84-jährige Señora Bernarda in einfachsten Verhältnissen. Seit ihrem Schlaganfall wird sie von dem 67-jährigen Tonio und einer Nachbarin unterstützt. Mit dem Wagen konnten wir nur die halbe Strecke fahren, danach folgte ein Fußmarsch über holprige Wege und ein Flussbett. Ein Rätsel, wie Bernarda diese Strecke bei entsprechendem Bedarf immer bewältigt. Trotz ihres hohen Alters erschien sie aber recht rüstig und war zu allerlei Scherzen aufgelegt. Insgesamt war diese Tour wieder ein absolut spannender und interessanter Einblick in das Leben hier doch viele Dinge erscheinen uns Wohlstands-Europäer weiterhin wie aus einer anderen Welt.

Unser Spendenprojekt hat ein kleines Jubiläum: Wir sind inzwischen bei Tour 10 (18. August; 821,50 €) angekommen. Ende April begannen wir mit einer kleinen Sammlung in unserer Marina mit ungefähr 350,–€. Inzwischen sind daraus Dank 74 Spenden über 10.000,- € geworden. Noch einmal ein herzliches Dankeschön dafür.

Der erste Teil der Tour führte uns seit langem mal wieder nach Taganga. Lucie Lacaf, eine Hotelbetreiberin dort, hatte von unserem Projekt erfahren und uns um Hilfe gebeten. Alle ihre Angestellten sind seit dem Lockdown weitgehend ohne Einkommen. Mit unserer Unterstützung ist nun bei ihnen und ihren Familien für eine Weile die Versorgung gesichert. Natürlich ist dies nur eine kurzfristige Lösung. Um bis Ende September über die Runden zu kommen hat Lucie eine Spendenaktion initiiert – jede Hilfe ist willkommen!

Am nächsten Tag fuhren wir circa 15 Kilometer östlich nach Bonda. Die kleine Nachbarstadt von Santa Marta war bei der Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert eine von fünf indigenen Siedlungen der Region. Hierher kommen im Ggensatz zum Küstenstreifen eher die Touristen aus dem Inland. Doch auch dieser Tourismus ist derzeit völlig zum Erliegen gekommen. Hotels, Pensionen, Bars, Cafés, Restaurant – alles außer Betrieb. Für unsere Verteilung hier, hatten die Inhaber eines derzeit geschlossenen Restaurants besonders bedürftige Familien aus der Nachbarschaft eingeladen.

Für die letzten sechs Pakete unserer Tour 10 mussten wir nicht weit fahren. In der Nähe unserer Marina steht inmitten der schicken Hochhäuser eine trostlose Baracke. Dort wohnen auf circa 100 qm ungefähr 30 Menschen aus Venezuela. In Kolumbien leben über 1,8 Mio. Flüchtlinge aus dem Nachbarland. Die meisten haben keine Papiere und sind seit dem Lockdown ohne Verdienstmöglichkeiten. Viele sind deswegen schon in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Mehrheit aber versucht irgendwie durchzuhalten. Nachdem wir den Kofferraum geöffnet hatten wurden wir sofort umringt. Es war etwas hektischer und lautstärker als bei den vorab organisierten Verteilungen aber trotzdem noch relativ geordnet.

Und last but not least haben wir auch wieder unserer Marina ein paar Pakete überlassen. Wie in anderen touristischen Betrieben wurden viele der Mitarbeiter entlassen, da nur noch ein Bruchteil des Umsatzes erwirtschaftet wird und Juan, der Marina-Manager, hatte uns bereits kurz nach dem Lockdown um Hilfe für diese “freigestellten” Kollegen gebeten. Er selbst würde auch gerne mehr helfen. Doch auch die verbleibenden Mitarbeiter trifft der Lockdown hart, da ihre Vergütung zu einem Großteil umsatzabhängig ist.

  Wie schon bei einigen anderen Touren, mussten wir auch die 11. Tour (8./10. September; 970,02 €) auf zwei Tage verteilen. Diesmal lag allerdings auch noch ein Tag dazwischen, so dass wir einen Teil der Pakete irgendwo zwischenlagern mussten. Das Parkhaus bei Marlon ist einerseits nicht voll belegt und andererseits sehr sicher, also haben wir die Pakete dort kurzerhand schön ordentlich in einer freien Parkfläche platziert.

Mit den restlichen machten wir uns auf den Weg nach Taganga. Dort hatten wir zu einem, ebenfalls recht aktiven Spendenprojekt Kontakt bekommen. Doch bevor wir dort mit unserer üblichen Menge hinfahren, wollten wir die Akteure zunächst einmal kennenlernen und uns von deren Zuverlässigkeit überzeugen. Und so trafen wir auf Pierine Yolieh Peñaranda. Sie hatte einmal in einer Fernsehshow gewonnen und ist hier offenbar eine Berühmtheit mit zig-tausend Social-Media-Followern. Sie ist aber auch bei „Taganga Solidaria“ engagiert und nutzt ihre Bekanntheit dort für das Einwerben von Spendengeldern.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde führte Pierine uns zu einem weitläufigen Schulgebäude. Seit dem Beginn des Lockdowns sind die Lehrer dort ohne Beschäftigung und Einkommen. Da die Schule sich in einem schlechten Zustand befinden und sie nun unfreiwillig viel Zeit haben, begannen sie ehrenamtlich mit umfangreichen Renovierungsarbeiten. Das benötigte Material wird mit staatlichen Mitteln finanziert, die Lehrer bekommen keine Entlohnung. Eine Angehörige der Armada National überwacht regelmäßig, dass kein Material “verschwindet”. Als Pierine uns vorstellte und wir die Spenden übergaben, sagten sie völlig ergriffen, dass wir genau zur richtigen Zeit gekommen wären und uns wohl der Himmel geschickt habe. Voller Stolz führten sie uns anschließend über das Gelände und informierten uns über den Stand der Arbeiten. Auf dem Rückweg zum Wagen kam uns noch einer der Lehrer hinterher um uns zu fragen, ob wir auch etwas Kleingeld für Wasser haben. Man kann sich in etwa vorstellen, wie schlecht es ihnen geht. Genug Grund für uns um dort später noch einmal hinzufahren.

Zwei Tage nach dem ersten Teil der Tour fuhren wir nach Minca. Unsere britischen Segelfreunde Fizzy und Jack hatten dort Kontakt zu Jay, einem Hostel-Betreiber, der die Verteilung für uns organisieren konnte. Wir hatten dies schon länger geplant aber während des Lockdowns bekamen wir dafür leider nie Genehmigung. Die Region ist ein sehr beliebtes Reiseziel, daher leiden die Menschen hier ebenfalls sehr unter dem völligen Einbruch des Tourismus.

Minca liegt in der Sierra Nevada, dem weltweit höchsten Küstengebirge und so waren wir schon 15 km vom Hafen entfernt auf 900 Meter. Nach der Verteilaktion begaben wir uns in das urige Hostel Casa Loma von Jay und seiner deutschen Frau Anne, die uns herzlichst bewirteten. Vor unserer Rückkehr in die Marina nutzten wir natürlich auch  die Gelegenheit zu einer Wandertour duch den Regenwald in der Umgebung mit tollen Eindrücken und interessanten Begegnungen. Die Heimreise nach Santa Marta hielt dann noch eine Überraschung für uns bereit. Der letzte Bus war entgegen der Ankündigung schon eine Stunde früher losgefahren und Taxis sind in Minca nicht so einfach aufzutreiben, da außer auf den Hauptstraßen ein Vorankommen nur mit Mopeds möglich ist. Eine Stunde im Dunkeln und Regen auf dem Sozius eines Moped-Taxis, wollten wir uns nun allerdings nicht unbedingt antun. Während ich mich bereits damit abgefunden hatte, noch eine weitere Nacht zu bleiben, erblickte Uta in der einsetzenden Dämmerung zufällig ein gerade ankommendes Taxi. Und so landeten wir dann schließlich doch noch am selben Abend wohlbehalten auf unserer Daphne.

Zur Transparenz hier eine Übersicht der bisherigen Einnahmen und Ausgaben sowie unsere aktuelle “Bestell-Liste” (spanisch/deutsch)

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