Kolumbianische Kohle für deutschen Strom

Die letzte Passage bevor Covid-19 unsere Segeltour unerwartet stoppte, führte uns von den ABC-Inseln knapp 350 Seemeilen auf den südamerikanischen Kontinent. Ursprünglich wollten wir auf dem Weg von Curaçao nach Panama nur einige Tage in Kolumbien verbringen. Einerseits um nicht so lange durchsegeln zu müssen, zum anderen natürlich um Cartagena und einige andere interessante Orte zu besichtigen und da Segelfreunde von uns schon seit ein paar Wochen in Santa Marta lagen, beschlossen wir ebenfalls dort Halt zu machen.

Knapp ein Viertel Jahrhundert nach dem Alonso de Ojeda und Amerigo Vespucci Kolumbien entdeckt hatten (Namensgeber Kolumbus betrat dieses Land nie), siedelten die Spanier in dieser Bucht mit geschütztem Naturhafen und gründeten am 29. Juli 1525 die Stadt Santa Marta. Sie ist damit eine der ersten, heute noch existierenden spanischen Städte in der neuen Welt.

Für die Ureinwohner war die Kolonialisierung eine Katastrophe. Neben Massakern, Zwangsarbeit und Ausbeutung waren es auch die eingeschleppten Krankheiten welche die Urbevölkerung in einem erheblichen Umfang dezimierten. Vielleicht war es das historische Gedächtnis diese Seuchen aus der alten Welt betreffend, welches die Regierung als Reaktion auf Corona zur schnellen Grenzschließung veranlasste. Für uns war eine Weiterfahrt jedenfalls nun erstmal in weite Ferne gerückt.

Und wie es der Zufall so will, strandete ich als ehemaliger energiepolitischer Sprecher unserer Landtagsfraktion ausgerechnet in direkter Nachbarschaft zu den größten Kohlehäfen des Kontinents.

Auch in Sichtweite zu unserem Liegeplatz werden fast täglich Tausende Tonnen Kohle verladen um von hier über den Atlantik transportiert zu werden. Nach Deutschland kommt die Steinkohle über die niederländischen Hochseehäfen von wo sie dann den Rhein hinauf zu Kraftwerken im Ruhrgebiet und in Süddeutschland verschifft wird.

In Deutschland war der Abbau von Steinkohle schon seit den 60-er Jahren nur mit staatlichen Hilfen wirtschaftlich. Die Subventionen wurden vor allem mit der Unabhängigkeit der Energieversorgung sowie dem Erhalt von Arbeitsplätzen gerechtfertigt. 2002 wurden die Zechen mit fast 3 Milliarden Euro aus Steuergeldern subventioniert. Das entsprach 80.000,– € für jeden Arbeitsplatz pro Jahr. 2010 lag der Marktpreis je Tonne bei ca. 85,– €, die Kosten hingegen bei ca. 160,–€.

Die Wettbewerbshüter in der EU drängten jahrelang auf ein Ende der Subventionen. Ab dem 8. November 2007 war der Ausstieg aus der Steinkohleförderung dann beschlossene Sache. Der Bundestag verabschiedete das Steinkohlefinanzierungsgesetz  nach langen gesellschaftlichen und parlamentarischen Debatten mit den Stimmen der damaligen Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD sowie der FDP. Ab 2009 sollten innerhalb eines Jahrzehnts die Subventionen von jährlich 1,7 Mrd. € auf 794 Mio. gesenkt werden. Damit stand fest, dass Ende 2018 die letzte Zeche schließen würde.

Das Ende der Zechen bedeutet aber noch lange nicht das Aus für die Kraftwerke. Von den über 80 Kohlekraftwerken die sich aktuell in Deutschland in Betrieb oder Bereitschaft befinden, läuft nach wie vor circa die Hälfte mit Steinkohle. Trotz Ausstiegs aus dem Bergbau im eigenen Land hat die Steinkohle bei uns noch immer einen Anteil von circa 14% an der Bruttostromerzeugung.

Und auch für die Zukunft setzen Politik und Energiewirtschaft auf Steinkohle. Kurz bevor wir in der Bucht von Santa Marta den Anker warfen, ging im nordrhein-westfälischen Datteln der Kraftwerks-Block 4 mit einer Leistung von 1.100-Megawatt in den Probebetrieb.

Gegen die Empfehlungen der, von der Bundesregierung eingesetzten Kohlekommission. Mit Datteln erhöht sich die installierte Leistung des deutschen Steinkohle-Kraftwerkparks auf einen Schlag um circa 7%. Dank moderner Technik ist es zwar effizienter als ältere Kraftwerke (lt. Betreiber Uniper und Bundesumweltministerium eine Verbesserung um 13 %). Allerdings ist ein effizienteres Kraftwerk am europäischen Strommarkt auch wettbewerbsfähiger als alte Kraftwerke und wird daher auch mehr Stunden im Jahr betrieben.

Die alten Steinkohlekraftwerke hatten in den vergangenen Jahren eine durchschnittliche Vollauslastung von unter 35 Prozent. Datteln wird wesentlich mehr Stunden laufen und damit auch einen höheren CO2-Ausstoß haben (lt. Bundesregierung bis 2038 ca. 10 Millionen Tonnen zusätzlich). Trotz besserer Effizienz bringt Datteln also die Bundesregierung bei der Erfüllung der Klimaschutzziele nicht einen Schritt weiter – im Gegenteil.

Als Folge des Abschmelzens der Subventionen wuchs Deutschland zur, mit Abstand größten Steinkohleimportnation Europas und steht nach China, Indien, Japan, Südkorea und Taiwan weltweit auf Platz 6 (Stand 2016). 2017 wurden etwas über 51 Millionen Tonnen Steinkohle importiert, 36 Millionen davon für die Nutzung in Kraftwerken (Kesselkohle). Knapp die Hälfte davon kam aus Russland, unser derzeitiges Gastland Kolumbien folgte mit 18% auf Platz 2.

Kolumbien ist weltweit eines der größten Exportländer für Steinkohle. Seit Jahren steht es im Ländervergleich immer auf den Plätzen vier bis sechs. Insgesamt machen Rohstoffe circa 60 % der kolumbianischen Exporte aus. Der Großteil entfällt davon auf die Steinkohle. 2017 führte Kolumbien über 105 Millionen Tonnen des Brennstoffes im Wert von 7,4 Milliarden US-Dollar aus. Der populäre Exportschlager Kaffee bringt es hingegen nur auf 0,7 Millionen Tonnen im Wert von etwas über 2,5 Milliarden US-Dollar.

Deutschland ist ein wichtiger Partner für Kolumbien. Von den 88,6 Mio. Tonnen Steinkohle (Kesselkohle) die Kolumbien 2016 exportierte, kamen 8,05 Mio Tonnen (9%) nach Deutschland. Das entspricht circa 50 – 130 Schiffe pro Jahr je nach Größe (ein Bulk Carrier mit 200 Meter Länge fasst ca. 60.000 Tonnen, größere Modelle mit 290 Meter Länge fassen ca. 180.000 Tonnen).

Der Vorteil kolumbianischer Steinkohle aus wirtschaftlicher Sicht:

Die Einkommen liegen dort im Durchschnitt um 80-90% unter denen deutscher Arbeitnehmer und während man in Deutschland die Schächte in bis zu 1.750 Meter Teufe bringen musste, wird die Steinkohle in Kolumbien im Tagebau gewonnen. Allerdings bedeuten die Tagebaue für die Menschen in den Regionen auch Zwangsumsiedelungen sowie massive Menschenrechtsverletzungen.

Der Deutschlandfunk berichtete am 23.6.2015: „Drohungen, Vertreibung, Morde – jahrelang haben paramilitärische Einheiten Platz für den lukrativen Kohleabbau im Nordosten Kolumbiens geschaffen. Zwischen 1996 und 2006 wurden fast 60.000 Menschen vertrieben und 2.600 Menschen ermordet. Profiteure der Menschenrechtsverletzungen sind auch deutsche Energieversorger.

Als deutscher Stromkunde darf einem das nicht egal sein!

 

Interview mit einer Betroffenen

Der Gastbeitrag zu diesem Thema stammt von Annalena Baerbock, MdB (Bundesvorsitzende Bündnis90/Die Grünen)

 

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