Mit dem Lockdown kommt der Hunger

Die ersten Tage nach unserer Ankunft in Kolumbien, als an eine Ausgangssperre noch nicht zu denken war, erlebten wir die Straßen von Santa Marta voller Leben. Bei unseren Spaziergängen und Restaurantbesuchen fielen uns besonders die vielen Menschen auf, die sich als fliegende Händler, Straßenkünstler oder Transporteure verdingten.

In Kolumbien ist mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung im sogenannten informellen Sektor tätig. Mit dem Lockdown waren diese Menschen von einem Tag auf den anderen plötzlich ohne Einkommen. Sicherlich haben die meisten für einige Tage ausreichend Lebensmittel im Haus. Aber spätestens nach ein bis zwei Wochen bedeuten die Einschränkungen für viele, dass sie die Versorgung ihrer Familie nicht mehr gewährleisten können. An immer mehr Häusern sind rote Stofftücher zu sehen, die auf diese Notlage aufmerksam machen sollen.

Besonders hart trifft es die Obdachlosen, unter denen sich auch viele Flüchtlinge aus dem benachbarten Venezuela befinden. Mehr als vier Millionen sind von dort bereits geflohen. Die dortige Krise ist für die aktuell weltweit zweitgrößte Migrationsbewegung verantwortlich. Für über 1,5 Millionen heißt das Ziel Kolumbien. Ohne staatliche Hilfe oder eine Familie, die für etwas Unterstützung sorgen könnte, folgen auf die Ausgangssperre ganz unmittelbar existenzielle Probleme. Durch die Schließung und weiträumige Absperrung des Marktviertels sind diese Bevölkerungsteile dann auch noch von ihrer Hauptnahrungsquelle, den Abfällen der Händler, abgeschnitten.

Tour 1 (29./30. April)

Wir wollten diese Situation nicht nur tatenlos zur Kenntnis nehmen und organisierten unter uns Langfahrtseglern in der Marina eine Spendensammlung. Es kamen ungefähr 350,– € zusammen.

Marlon, ein hier lebender Deutsch-Spanier, den wir kurz nach unserer Ankunft kennengelernt hatten, brachte uns mit Alfredo und Liliam zusammen. Die beiden kümmern sich in ihrer Freizeit um streunende Hunde und Katzen, haben aber auch schon Erfahrung im Verteilen von Lebensmitteln. Sie erstellten eine Liste von Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln mit denen wir Pakete für 35 Familien packten. Ausreichend um vier Personen für circa eine Woche zu versorgen. Nach dem Einkaufen, Sortieren und Verpacken fuhren wir zum Verteilen in ein Stadtviertel mit einem besonders hohen Anteil von Bedürftigen.

Wir konzentrierten uns dabei auf Familien mit Kindern und Menschen die auf der Straße wohnen. Besonders bei den Frauen war die Freude groß, während die Männer bei der Verteilung meist im Haus blieben oder betont gleichgültig auf ihr Smartphone starrten. Für die Kinder hatten wir zusätzlich noch ein paar Süßigkeiten mitgebracht. Ihre leuchtenden Augen sind ein Bild, das noch lange hängen bleibt.

Später, bei den Obdachlosen hatten wir Gelegenheit mit einigen ins Gespräch zu kommen und etwas mehr über ihre Situation zu erfahren. Die Palette reichte von „gerade erst wegen Arbeitslosigkeit auf der Straße gelandet“ bis hin zu „schon als Kind von der Familie verstoßen“. Viele von Ihnen verstecken sich wegen der Ausgangssperre vor der Polizei, was die Nahrungsbeschaffung neben der Schließung des Marktes noch mehr erschwert.

Während wir uns bei der gesamten Verteilaktion recht sicher fühlten, wurde es bei unserem letzten Stopp ein wenig unangenehm. Wir hielten vor zwei Hütten mit roten Stofftuch. Die Bewohner kamen zunächst recht zögerlich zu unserem Wagen. Nachdem wir aus der geöffneten Heckklappe die ersten Sachen verteilten, kamen dann aber aus entfernteren Gebäuden immer mehr Menschen. Wir waren plötzlich von einer unübersichtlichen Menge umringt. Dank des resoluten Auftretens unserer lokalen Helferin, konnten wir dann aber trotzdem auch die letzten Tüten kontrolliert ausgegeben und uns anschließend auf den Heimweg begeben.

Während des gesamten Tages haben wir fotografiert und die Aktion anschließend bei Facebook und WhatsApp gepostet, um auf die schlimme Situation hier aufmerksam zu machen. Die Reaktionen waren überwältigend. Ohne explizit um Spenden gebeten zu haben, kamen innerhalb von ein paar Tagen circa 4.700,– € zusammen. Familie, Freunde, Bootsnachbarn – sogar mir bislang persönlich nicht bekannte Facebook-Kontakte boten Unterstützung an.  Dafür ein riesiges Dankeschön an alle betreffenden Personen!

Nun geht das Projekt also in die Verlängerung. Die Regierung hat inzwischen bekannt gegeben, dass die Ausgangsperre mindestens bis zum 31. Mai gilt. Es wird daher wohl noch reichlich Bedarf und Gelegenheit für weitere Verteilungen geben …

Von unserer Tour 2 (7./8. Mai) gibt es jetzt auch bewegte Bilder. Diesmal konnten wir an insgesamt 60 Familien Pakete im Wert von ca. 640,–€ übergeben. Bei der Tour 3 (14./15. Mai) haben wir erneut 60 Pakete zusammengestellt, diesmal im Gesamtwert von ca. 770,–€.

Bei unserer Tour 4 (20. Mai) konnten wir die Organisation etwas verbessern. Die Waren (776,– €) wurden vom Supermarkt nun direkt in die Marina zum Verpacken gebracht und die Verteilung fand von einem zentralen Ort aus statt. Im Vorfeld wurden durch unsere lokalen Helferinnen die entsprechenden Familien aufgelistet und dann nacheinander zur Ausgabe aufgerufen. Dadurch war der Ablauf für alle Beteiligten wesentlich entspannter und wir konnten die Tour statt an zwei nun an einem Tag schaffen.

Zur besseren Transparenz hier eine Übersicht der bisherigen Einnahmen und Ausgaben sowie unsere aktuelle “Bestell-Liste” (spanisch/deutsch)

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