Utas Blog – hier schreibt die Mannschaft (fast völlig) unzensiert

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Abschnitt 11    Karibik: Saint Lucia, Martinique, Dominica

Nach drei Wochen, auf das einfachste reduzierte Dasein, empfängt uns die Karibik in Saint Lucia mit ihrer ganzen exotischen Vielfalt. Schwüle, Hitze, fremdartigen Gerüche, üppige Vegetation und die Menschen mit ihrer ungewohnten Sprache und Kultur. Die eigentliche Urbevölkerung ist kaum wahrnehmbar und nur noch an vereinzelten Orten anzutreffen. Hier sind die meisten Menschen Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven.

Noch am Abend unseres Eintreffens geht es auf die ARC-Willkommens-Party. Hier tauchen wir von Null auf Hundert in den Trubel ein, treffen alle unsere Segelfreunde gesund und munter wieder und feiern gebührend unser Ankommen.

Noch haben wir keine Ahnung, wie hier alles so funktioniert. Viele Inselstaaten in der Karibik haben East-Caribbean-Dollar (EC$), im Verhältnis zum Euro ca. 3:1. Die Geldbeschaffung gestaltet sich komplizierter als erwartet, da die Kreditkarte zunächst nicht funktioniert. Erst nach längeren, teuren Telefonaten – so einfach geht das ja nicht mehr – stellt sich heraus, dass sie gesperrt wurde, wegen verdächtigem Abhebungsversuch in der Karibik 😉 und das Kreditinstitut ist so vorsichtig, dass wir auch danach vor jeder Geldabhebung immer recht umständlich wechselnde Sicherheitsfragen beantworten müssen.

So versuchen wir erst einmal mit Euro klar zu kommen und zahlen natürlich wie die meisten naiven Touristen dabei drauf. Dazu kommt, dass hier ohnehin einfach alles super teuer ist. Im Minimarkt am Hafen fallen wir fast nach hinten um. Es gibt fast nichts und was es gibt, ist superteuer. Ein Tüten-Toastbrot kostet  21 EC, also 7€, aber immerhin Multigran, was unserem Vollkorn entfernt ähnlich kommt. Wir fragen uns wie die Einheimischen mit den Lebensmittelpreisen klarkommen. Aber es hilft nichts, wir brauchen etwas zum Essen. In zwei Tagen kommen Michas Mama und unsere Kinder aufs Boot und außerdem ist gleich Weihnachten.

Der hiesige Supermarkt ist einfacher mit dem Dinghi zu erreichen, deshalb fahren Danny (GENTOO) und ich so dort ran, sonst müssten wir uns ein Taxi nehmen. Erleichtert stellen wir fest, dass es hier einiges mehr gibt, wenn auch teuer und sehr amerikanisch, so wie das Brot.

Martinique

Nach zwei Tagen heißt es dann schon wieder Segel hoch um die Familie von Martinique abzuholen, die nächste Insel nördlich, ca. 30 Seemeilen entfernt. Eigentlich ein Katzensprung, wenn es nicht mit 5 -6 Beaufort blasen würde. Jetzt haben wir den Passat nicht mehr von Achtern, sondern seitlich, was wesentlich ungemütlicher ist als bei der Atlantiküberquerung.

Martinique ist wieder etwas europäischer, es gehört schließlich zu Frankreich. Der Supermarkt ist ein Segen im Gegensatz zu Saint Lucia. Freudig bestaunen wir die französischen Produkte, wie seltene Kostbarkeiten. Vor allem – und da sind die Franzosen konsequent – feinstes Baguette. Weihnachten ist gerettet 😉

Saint Lucia

Mit Elke und den Kids fahren wir selig vereint am nächsten Tag wieder zurück nach Saint Lucia um an der ARC Abschlussveranstaltung, inklusive Preisverleihung teilzunehmen. Eigentlich fehlt uns mal eine Erholungszeit und der DAPHNE diverse Instandhaltungsarbeiten. Wir versuchen wenigstens die Segel runter zu holen, um sie überarbeiten zu lassen. Die Genua ist kein Problem aber ein Beschlag des Großsegels hat sich so festgefressen, dass Micha schon wieder am „Jammern“ ist. Auch mit bestem Werkzeug, ist einfach nichts zu machen. Also ziehen wir es wieder hoch und verschieben das Problem auf später.

Die Abschlussveranstaltung  verläuft für uns sehr überraschend. Wir gewinnen den 3. Platz in unserer Gruppe und anschließend sogar noch den 1. Platz bei den 2-Personen-Crews. Micha war erstaunt, dass es nur 7 weitere Zweier-Teams gab. Hatte ich es doch von ihm zuvor so verkauft bekommen, als ob die Mehrzahl so den Atlantik überqueren würden. 😉

Danach ist die ARC nun wirklich vorbei. All die schönen Partys, die vielen Infos so auch das Gefühl der großen Familie. Der Hafen wirkt auf einmal ruhig und verlassen. Viele Büros und Bungalows sind wie ausgestorben, die letzten Boote brechen in verschiedene Richtungen auf. Man kann niemand mehr um Rat fragen, jetzt müssen wir auf eigenen Füßen stehen.

Als Micha für Daphne den Strom bezahlen will staunt er nicht schlecht über die angeblich 60 verbrauchten Kilowattstunden. Nur für einmal kurz Batterien vollladen. Soviel verbrauchen wir zu Hause nicht in einer Woche. Nach längerem Grübeln und hin und her diskutieren, stellt sich heraus, dass beim Zähler ein Komma fehlt. Gleichgültig wird die Rechnung auf ein Zehntel reduziert – die nächsten Boote erwartet vermutlich ähnliches. In diesem Stil ging es bei der Immigration weiter. Die Beamtin dort ließ uns wie überflüssiges Strandgut neben ihrem Schreibtisch stehen und bearbeitete wortkarg unsere Formulare. Neben ihr an der Wand sehen wir zufällig eine bunte Visitenkartensammlung und geben ihr zaghaft unsere Karte von der DAPHNE. Auf einmal erscheint ein bezauberndes Lächeln in ihrem Gesicht und sie ist wie ausgewechselt. Manchmal kann es so einfach sein…. 😉

Als letzte Aktivität in Saint Lucia gehen wir mit der SY ESCAPE noch auf den empfohlenen, legendären „Fridays Jump“, wo Gott und die Welt auf der Straße sein soll. So ist es tatsächlich, man kann es kaum beschreiben. Das sehr einfache Hafenviertel, verwandelt sich in der Dunkelheit zu einer Partymeile. Alle privaten Häuser öffnen ihre Vorgärten, Wohnzimmer usw. und funktionieren sie zu kleinen Bars, Küchen, Tavernen oder ähnlichen kreativen Örtlichkeiten um. Die „Locals“ kochen ihre traditionellen Gerichte, bieten Getränke feil und mischen ihren traditionellen Rum-Punch. Man schiebt und drängelt sich durch die Straße und an die Stände ran. Das alles begleitet von dröhnender Musik, die zur Nacht hin noch lauter und härter wird. Am Ende der Straße stehen riesige Boxen und angeheizt von einem DJs, steht, trinkt und tanzt man sich durch die Menge. Wie wir langsam mitbekommen, ist der Soca die karibische Standardmusik meist begleitet von einem gewöhnungsbedürftigen anzüglichen Tanz. Eine erste Kostprobe davon bekamen wir schon in Las Palmas, als uns eine Delegation aus Saint Lucia besuchte, um uns auf die Karibik einzustimmen. So richtig werden wir ihn aber erst nach dem Karneval in Trinidad verstanden haben. 😉

Dominica

Nun machen wir uns ebenfalls auf den Weg, denn Elke und die Kinder wollen, genauso wie wir, endlich die Karibik sehen. Am 23. Dezember fahren wir nach Dominica hoch, die Insel nördlich über Martinique und landen am 24. 12. gegen 17 Uhr vor Roseau, der Inselhauptstadt. Kolumbus betrat die Insel an einem Sonntag, daher der Name.

Wir kommen Dienstag an, dafür aber Heiligabend.  Anstatt Stall mit Krippe erwartet uns eine Ankerboje. Weihnachtsstimmung will nicht so richtig aufkommen angesichts der Temperaturen und des karibischen Flairs. Das empfohlene „Anchorage-Hotel“, wo wir hofften unser Weihnachtsessen einnehmen zu können, ist wie fast jedes zweite Haus nur noch eine Ruine. Der Hurrikan „Maria“ hatte vor zwei Jahren für schwere Verwüstungen gesorgt, die man bis heute nicht aufgearbeitet bekommen hat. So bleiben wir an Bord, mit meinem Plan B: eingekochtes Gulasch (noch aus Las Palmas), Rotkohl von Aldi aus Portugal und spanischen Kartoffeln. Fast ein richtiges Weihnachtsessen 😉 mit anschließender bescheidener Bescherung.

 

Am ersten Weihnachtsfeiertag machen wir einen Inselausflug mit „Seacat“, einem Local-guide, den wir nur wärmstens empfehlen können. Die beste Gelegenheit in kurzer Zeit möglichst viel kennenzulernen, besteht darin sich einen Guide zu nehmen. Unser erster Ausflug auf Saint Lucia vor einer Woche war eine ziemliche Enttäuschung, da er stark von dem was vorher  besprochen wurde abwich. Wir wurden an alle Souvenirstände herangefahren, die die Insel hergab. Die versprochenen Wasserfälle hat der Fahrer just vergessen und verweigerte uns auch einen kurzen Bummel durch die Inselhauptstadt Castries. Stattdessen hielten wir vor den Schwefelbädern, wo wir ausdrücklich nicht hinwollten. Und auf einmal hatte er es dann total eilig. Aus der vereinbarten Ganztagestour wurde nur ein halber Tag. ☹ So schauen wir jetzt hoffnungsvoll aber doch etwas nervös der Tour mit Seacat entgegen.

Eigentlich gehen wir ja gern auf eigene Faust los. Dazu braucht man dann aber die notwendigen Infos, Was, Wann und Wo. Es dauert hier immer recht lange sich zu orientieren, da es keine oder kaum Touri-Hinweise, Fahrpläne oder sonstige relevanten Informationen gibt. Internet haben wir auch noch nicht wirklich gut verfügbar. Ohne wenigstens ein bisschen Ahnung von irgendetwas zu haben, ist der heutige Reisende ziemlich überfordert. Und das auf jeder Insel wieder neu. 😉 Außerdem bedeutet jeder neue Stopp auf einer Insel, man kommt in einem anderen Land an und ist immer wieder gezwungen neu ein- und auszuklarieren, was manchmal Stunden dauert. Unsere Hoffnungen werden aber diesmal mehr als übertroffen.

„Seacat“ macht mit uns eine super interaktive Tour. Wir kosten Kakao und Kaffeebohnen direkt vom Strauch, Hendrik pflückt mit ihm Sternfrüchte und Pampelmusen vom Baum. Mittags schwimmen wir in einem eiskalten schmalen Canyon zu einem Wasserfall. Danach sind wir eigentlich schon platt, wandern aber noch für ca. 2 Stunden um den größten Süßwassersee der Insel. Und allen voran Elke, mit ihren über 70 Lenzen. Dann dürfen wir entscheiden ob wir zunächst essen oder einen Wasserfall hochklettern wollen. Alle maulen und wollen essen. Ich setze mich durch, weil ich das Koma danach schon voraussehe. Und das war gut so. Der Wasserfall war fantastisch aber auch anstrengend und das Essen danach umso besser.😉 

Martinique

Die Tage mit der Familie plätschern schneller weg als uns lieb ist und so sind wir schon wieder auf dem Weg nach Martinique. Am 30. 12. 19 heißt es für die Drei wieder aufzubrechen nach Deutschland. Wir liegen für einen Tag im Hafen von Le Marin um sie von Bord zu lassen und endlich mit einigen Arbeiten am Boot zu beginnen. Dazu gehören immer noch das Großsegel endlich mit professioneller Hilfe vom Mast zu bekommen und zur Segelmacherin bringen, diverse Verschleißteile überprüfen sowie Ersatzteile, Fett- und Schmierstoffe kaufen.

Dann heißt es, raus in die Bucht zu unseren ARC-Booten, die dort schon einige Zeit vor Anker liegen.  Schließlich ist morgen auch schon Silvester. Es ist geplant, ganz in Ruhe am Strand zu grillen. Eine schöne Runde aus 8 Booten, alle außer wir mit 1 – 2 Kindern. Jeder bringt was mit, so wie zuhause und um 0 gibt es für alle eine Wunderkerze, das war’s. 😊 auf einmal ist 2020.

Wir kommen endlich zur Ruhe, das erste Mal seit zwei Monaten und wollen eine Woche bleiben. Unser Körper merkt das auch und wir werden etwas krank. Also kränkeln wir etwas rum, wobei draußen das pralle Leben weiter geht. Durch die ARC- und Deutschland-Fahnen kommt gefühlt jeden Tag mindestens ein Besucher vorbei und lädt zum Sundowner aufs Boot ein. Apropos: pünktlich um 18 Uhr geht hier die Sonne rasant schnell unter. Wir sind es ja eigentlich gewohnt bei diesen Temperaturen bis 22 Uhr draußen im Hellen zu sitzen. Ein Effekt, der sowohl für Ausflüge, als auch für Ankerplatzsuche nicht zu unterschätzen ist. Wir werden regelmäßig von der schnell einsetzenden Dunkelheit überrascht.

Nach einer Woche können wir dann wieder mitmischen und wollen natürlich auch noch etwas von der Insel sehen. Dafür mieten wir uns für einige Tage ein Auto und machen sehr schöne Touren aber auch Jagd auf Ersatzmaterial, Proviant usw. Wir essen Fischcurry auf der GENTOO, mischen Pina Colada im Thermomix der ESCAPE und treffen uns abends auf der finnischen EA mit der WOLO und GENTOO. Aber auch Dinge die schon länger aufgeschoben wurden, werden abgearbeitet, wie Michas Zahnarzttermin, den er erfolgreich auf Französisch vereinbart und sich ihm auch tapfer unterzieht. Im Hafen fällt uns zufällig eine Karte in die Hände mit einigen eingezeichneten Wanderwegen, von denen wir einige wagen. Dabei geht es durch abenteuerliche Flußläufe, an die schroffe Ostküste mit wilden Mangrovenwäldern, durch Tunnel hin zu Wasserfällen in den Regenwald und das alles ohne Hinweisschilder und deutschen Absicherungen😉. Die Mangrovenwälder haben uns sehr beeindruckt. Sie wachsen bis zum Meer runter und vereinnahmen ganze Strände. Ihnen scheint das Salzwasser nichts auszumachen.

In diesen 4 Tagen sehen wir die verschiedensten Gesichter von Martinique. Wir waren auch im wunderschönen Jardin de Balata, dem botanischen Garten, in einer Rumfabrik und sind in der französischen Hauptstadt Fort-de-France fast in eine Demonstration mit Tränengaseinsatz geraten. Die Unruhen aus Frankreich kommen bis hierher und sorgen sogar für leere Regale in den Supermärkten. Sonntags sind auf allen karibischen Inseln, die wir bisher besucht haben, die Bürgersteige hochgeklappt. Der verwöhnte Europäer wundert sich, wieso nichts aber auch gar nichts geöffnet ist. Man bekommt nicht mal eine Tasse Kaffee. Dafür stehen wir aber auch nicht im Stau so wie an den Wochentagen.

Die SY APHRODITE – auch eine Najad, mit Cordula und Andreas kommt in die Bucht von Saint Anne gefahren und hält neben uns. Sie sind schon seit einigen Jahren in der Karibik, immer für 6 Monate unterwegs und kennen sie in und auswendig. Bei einigen Sundownern bekommen wir zahlreiche gute Tipps und Unterstützung hinsichtlich Bootsausrüstung oder sehenswerten Zielen. So entsteht der Plan nach Trinidad runter zu fahren, weil man dort sehr gut und günstig etwas am Boot bauen kann. Wir haben schon länger zwei Projekte im Kopf; ein festes Sonnensegel (Bimini) und nun doch den viel diskutierten Wassermacher. Man braucht hier einfach einen guten Sonnenschutz und Wasser zu besorgen wird immer komplizierter und teurer.

Wir feiern den Geburtstag von Andreas am Strand mit einem eindrucksvollen Barbecue. Es werden sogar Pommes per portabler Gas-Fritteuse frisch zubereitet. Und wieder neue Leute 😊, unter anderem Yachties die mit ihren Booten aus Kanada, USA und der Türkei hergesegelt sind. Der Einfachheit halber hat man Andreas eine „60“ aus Luftballons gebastelt, die 59 war zu kompliziert zu formen. 😊

Wir genießen die Zeit mit den neuen und alten Freunden und werden nebenbei mit einer Menge Infos versorgt. Ankerplatzbekanntschaften sind die beste Möglichkeit sich über zukünftige Routen und Touren zu informieren. Außerdem gibt es noch Facebookgruppen von Seglern für die einzelnen Inseln, wo man sich viele interessante Tipps holen kann. Von Ausflügen über Reparaturen, Verschenken/Verkaufen, welcher Laden was hat und wo es gute Angebote gibt etc. Dann gibt es noch auf Inseln mit vielen Dauerliegern wie Martinique und Grenada einmal wöchentlich das „Cruisers Radio“, wo man mithören aber sich auch aktiv mit Vorschlägen reinschalten kann. Nach und nach verstehen wir das Prinzip hier und es erleichtert das Zurechtfinden. Zum Beispiel: Je ärmer die Insel, desto besser ist der ÖPNV organisiert. 

Bei so viel Input und Möglichkeiten, sich die Karibik anzuschauen geraten wir wieder in eine kleine Sinnkrise. Sollte man doch länger hierbleiben? Viele von „unseren Yachties“ steigen für immer aus und haben damit alle Zeit der Welt. Jeder fährt hier seinen eigenen Lebensplan und so müssen auch wir abwägen, ob wir vielleicht noch eine Saison hier in der Karibik dranhängen oder doch wie geplant durch den Panamakanal gehen. Diese und ähnliche Überlegungen begleiten uns in den folgenden Wochen noch sehr häufig. Und natürlich auch, dass wir absehbar viele unserer befreundeten Yachten nicht mehr sehen werden. Man wird doch sehr schnell warm mit den meisten und wir fühlen uns beinah schon ein bisschen heimisch in unserem Wasserdorf. Eher Kleinstadt muss man schon sagen – mit uns liegen ca. 500 Boote in der Bucht. Auf jeden Fall, hat man im Dunkeln Probleme sein „Haus“ zu finden. Morgens kommt fast zuverlässig ein Baguette-Boot vorbei. Zwei junge super freundliche Franzosen verkaufen dazu noch Croissants und Pain au Chocolat. Es gibt sogar ein Katamaran der Pizza bäckt und anbietet. In den Genuss sind wir leider nicht gekommen – waren zu viel unterwegs auf Sundownern.  Ganz nebenbei vergehen auf einmal 3 Wochen. Eigentlich könnte man hier ein Jahr verbringen, ohne dass es langweilig wird. Aber wir haben ja Termine. 😉

Auf Martinique ist zwischenzeitlich das Denguefieber ausgebrochen. Überall wird darüber aufgeklärt und gewarnt. Es wird durch Mücken übertragen, die auch am Tage stechen. Leichte Panik bricht aus, weil Martinique, speziell die Bucht Saint Anne, wo wir liegen die Hochburg sein soll. Bei längerem drüber Nachdenken wird aber klar, Martinique ist EU und Denguefieber ist meldepflichtig. Deshalb gibt es vermeintlich mehr Fälle als auf den anderen karibischen Inseln. Für die schwülwarmen Temperaturen gibt es erstaunlich wenig Mücken hier. Dennoch wenn eine sticht, dann juckt es meist 14 Tage. 

Saint Lucia

Es geht schließlich nach drei Wochen weiter Richtung Süden. Mal wieder mit Stopp auf Saint Lucia. Zum dritten Mal hier ein und ausklarieren.  Eigentlich wollten wir nur unseren bei der ARC gewonnenen Gutschein einlösen. Nachdem uns der Taxifahrer aber einen halben Monatslohn abnehmen möchte und das Einlösen dort auch schon wieder kompliziert und mit weiteren Kosten verbunden sein soll, beschließen wir es mit karibischer Gelassenheit zu nehmen und verzichten darauf. Da wir ja nun mit diversen Infos versorgt wurden, entscheiden wir auf eigene Faust los zu gehen.

Die Bushaltestelle haben wir bald gefunden und steigen in einen recht vollen Kleinbus mit 15 Plätzen. Dicht gedrängt fahren wir mit ohrenbetäubenden Soca für insgesamt 3 Euro nach Castries.  Der Ausflug in die Inselhauptstadt ist total schön. Wir streifen durch die Straßen, besuchen die Markthallen und kaufen ein bisschen Gemüse. Die Häuser sind meist zwei/dreigeschossige Stein- aber auch Holzhäuser und ähneln einem kunterbunten Misch verschiedener Baustile. Ihr Zustand ist häufig sehr gewagt. Die deutschen Baubehörde hätte hier arge Bauchschmerzen.  

Überhaupt hatte ich mir die Karibik ganz anders vorgestellt, eben etwas klischeehaft, zugegebenermaßen. Die weißen Sandstrände mit Palmen usw. muss man schon eine Weile suchen. Die Menschen wohnen in einfachen Hütten oder kleinen Bungalows, die häufig sehr ambitioniert angefangen wurden, mit schönen Farben manchmal sogar mit Säulen und Stuck. Dann scheint aber meist Geld oder Zeit ausgegangen zu sein. Die kreolische Küche beschränkt sich oft auf Hühnchen mit Gemüse, was bei den Locals, in ihren Garküchen recht gewöhnungsbedürftig aussieht aber immer ziemlich gut schmeckt. Relaxte Reggaemusik ist eher selten, sondern meist mit harter Soca-Musik vermischt. Sie ist fast überall lautstark zu hören, in Supermärkten, Bussen, Ankerbuchten usw. Die Menschen begegnen uns häufig eher gleichgültig.

Auf Dominica, Martinique sowie den nächsten Inseln empfanden wir die Menschen zugänglicher und freundlicher. Mit Saint Lucia werden wir irgendwie nicht so richtig warm. Warum bleibt uns ein Rätsel. Vielleicht liegt es ja an dem Prinzip der ARC, wo 3.000 Menschen sich innerhalb von 2 Wochen auf die Insel stürzen. Auch wir Segler gehören halt an manchen Stellen schon zum Massentourismus.

 

Abschnitt 10:    Las Palmas – Saint Lucia   (Atlantik-Überquerung)

Sonntag, 24. November 2019

Endlich geht es los: Die ARC 2019 startet. Unser großer Tag ist gekommen. Das Wetter ist wunderbar, inklusive idealem Wind. Der Start für uns Einrumpfboote aus der Cruising Division ist um 12:30 Uhr. Die Racer sowie die Katamarane starten eine halbe Stunde vorher. Sechs Boote aus dem Feld bleiben wegen verschiedenster Probleme im Hafen, darunter leider auch Petra und Alfred von der „MILENA BONATTI“, die wir beim Doppelhand-Seminar kennen gelernt haben. Sie kämpfen noch mit den Nachwirkungen einer heftigen Erkältung und werden wohl erst eine Woche später ablegen.

Für alle anderen gab es am Abend zuvor noch einen letzten Sundowner mit prachtvollem Feuerwerk. Wir sollen Las Palmas schließlich in guter Erinnerung behalten.

Nach dem Start geht es sofort ordentlich los. Zwischen den einzelnen Kanarischen Inseln gibt es einen Düsen-Effekt, welchen die Crews ausnutzen wollen um gleich richtig Strecke zu machen. Wir natürlich auch. In dieser sogenannten „Accelaration Zone“ steigt die Windgeschwindigkeit um 1-2 Bft an. Wir haben jetzt 6 Bft. und machen wenn es die Wellen hinuntergeht 10 Knoten Fahrt. Unsere rechnerische Höchstgeschwindigkeit liegt eigentlich nur bei ca. 7,5 Knoten aber die aktuellen Bedingungen überlisten immer wieder für einen kurzen Moment diese rechnerische Beschränkung die durch die Länge der Wasserlinie von Schiffen gegeben ist.

Die Windstärke hält bis tief in die Nacht an. Was uns zum Vorankommen noch erfreut, wird zum Abendessen dann etwas nervig. Es ist sehr ruppig und die Böen blasen ordentlich von Achtern ins Boot. Unser Essen hatte ich zwar schon vorgekocht, aber an ein gemütliches Dinner zum Sonnenuntergang ist nicht zu denken. Aktuell geht die Sonne ca. 17: 20 Uhr unter und wir wollen aus der Erfahrung der letzten Überfahrten auf jeden Fall noch mit dem Restlicht des Tages essen. Das Auge isst schließlich mit.

Aber es schaukelt und schwankt ohne Unterlass und als die Sonne verschwunden ist, sieht man die Hand vor Augen nicht mehr da wir aktuell Neumond haben. Mit Stirnlampen simulieren wir dann mehr schlecht als recht ein Candlelight Diner.

Drei Wochen sind inzwischen verstrichen, dass wir das letzte Mal gesegelt sind. Auf Las Palmas waren wir wegen des Programms der ARC in einer anderen Welt, jetzt müssen wir uns erst einmal sortieren und wieder an die neue Situation gewöhnen.

Mit der Nachtwache machen wir es wie gehabt, Micha geht also als erster schlafen während ich in der Dunkelheit bei tosenden Wellen und ordentlich Wind draußen aushalten muss. Schön ist anders. Um uns herum sind noch sehr viele Segelboote, so dass man gut Ausschau halten muss. Die meisten sieht man auf dem AIS, was schon mal eine große Hilfe ist, da man dann besser einschätzen kann ob sich eventuell ein Kollisionskurs entwickelt. Es gibt auch einen regen Funkverkehr unter den Booten, der meist aus der Info besteht; ich möchte vor oder hinter dir durchgehen. Von einem Skipper kommt die Info, dass ihm das Ruder gebrochen ist und er umkehren muss.

Ich kämpfe wieder mit meinen Ängsten. Ich weiß aber, dass es anfangs immer schlimmer ist und es sich später dann meist wieder gibt. So auch diesmal. Momentan bin ich ohnehin gut beschäftigt und durch Aufpassen etwas abgelenkt. Direkt vor uns tauchen plötzlich Lichter auf. Auf dem AIS ist nichts zu sehen, aber es gibt natürlich auch noch Schiffe ohne diese sinnvolle Navigationshilfe.

Ich starre konzentriert in die Dunkelheit und tatsächlich: Wir sind ziemlich nahe hinter einem anderen Segler. Mein erster Impuls: Oh mein Gott, Micha wecken, aber ich sammle mich schnell, falle sofort etwas ab und gehe mit ausreichendem Abstand an ihm vorbei. Mit viel Adrenalin im Blut lege ich mich dann endlich gegen 0 Uhr hin und (Ihr ahnt es bestimmt) kann kein Auge zumachen. Mittlerweile habe ich drei Schlafkojen ausprobiert aber es wird einfach nichts.

Im Salon ist es zu eng und man hört die ganzen Funkmeldungen aus der Navigationsecke sowie das rhythmische Klappern des Geschirrs, oder auch Scheppern, Krachen und Rumpeln – je nach Wellen- und Schräglage.

Die Achterkajüte hingegen bietet zwar ordentlich Platz, man wird aber auf der breiten Koje dermaßen hin und her gerollt, dass da für mich jetzt auch nichts geht. Außerdem hört man hier stärker das vorbeiströmende Wasser sowie die Vibrationen unseres Windgenerators. Je nach Windstärke hört sich das ziemlich dramatisch an und das brauche nicht auch noch.

Es hat also alles keinen Sinn: Ich füge mich meinem Schicksal und gehe gegen 4 Uhr wieder hoch um Micha abzulösen. Er freut sich über die verkürzte Wache und liegt 5 Minuten später schnarchend in der Salonkoje.

Bewegte Bilder von der Atlantik-Überquerung

  1. Tag – Montag, 25. November

Jetzt hat der Wind zwar nachgelassen aber leider gleich so, dass nun gar nichts mehr geht.

Wir müssen 1,5 Stunden motoren. Micha ist wieder bedient. Es sind immer noch viele Boote um uns herum. Nach und nach werfen sie alle ihren Motor an. Das beruhigt etwas, weil man ja oftmals denkt, doch nicht alle Möglichkeiten richtig ausgeschöpft zu haben. Dicke Wolken hängen über uns, unsere Laune ist im Keller und wir haben wieder kaum Appetit.

Schließlich geht es aber wieder mit Wind weiter. Diesmal auch nicht mehr so ruppig, was eventuell eine ruhigere Nacht versprechen könnte. Den ganzen Tag über sind wir damit beschäftigt die Segelstellung zu optimieren, um noch besser voran zu kommen. Das ist immer eine ziemliche Aktion und schlaucht ganz schön. Sogar nachts hantieren wir noch herum, um einen besseren Kurs fahren zu können. Nach diesen Manövern lege ich mich hin, diesmal im Salon und schlafe doch tatsächlich drei Stunden am Stück. Gegen ca. 4 Uhr löse ich Micha ab. Daphne läuft jetzt fast wie auf Schienen und ich habe nicht viel zu tun. Daher versuche ich den 20-Minuten-Schlaf, mit mäßigem Erfolg. Aber ich hatte ja nun schon 3 Stunden gehabt. 😊 Die Anzahl der sichtbaren Boote hat sich mittlerweile halbiert. Unser Etmal (Strecke von 12 Uhr bis 12 Uhr des Folgetags) beträgt 139 Seemeilen.

  1. Tag – Dienstag, 26. November

Morgens komme ich hoch und sehe wie Micha quer aus dem Cockpit mit dem Kopf über die Reling liegt. Ich denke, er repariert irgendwas, bis ich mitbekomme, er füttert Fische. Danach ist es bei ihm halbwegs wieder gut. Er ist nicht seekrank, nur scheinbar ist gerade alles ein bisschen viel. Nach einem kleinen Nickerchen geht es ihm wieder einigermaßen. Zum Frühstück gibt’s sicherheitshalber nur Knäckebrot.

In den zwei Tagen seit unserer Abfahrt haben wir inzwischen schon öfter die Segel verstellen müssen, als während der ganzen bisherigen Reise. Dabei sagt man doch über den Passat: Einmal Segel einstellen und dann nur noch geradeaus. Die Wellen sollen auch lang und ruhig sein, von hinten schieben, so dass man kaum etwas merkt. Bei uns sind hingegen noch mindesten, drei Richtungen Welle unterwegs, die uns immer wieder gut durchschütteln. Auf easy-sailing warten wir bisher vergebens. Na, kann ja noch kommen. 😉

Eine gängige Segelstellung über den Atlantik ist Schmetterling. Das heißt, Großsegel auf die eine Seite, Genua auf die andere. Man hat damit circa 20 Grad Spielraum. Wenn der Wind stärker dreht muss die Segelstellung geändert werden. Auf unserer Höhe ist der Passat noch nicht stabil, deshalb soll die Route zunächst Richtung Süden gehen.

Die Boote um uns herum haben sich weiter gelichtet und Micha denkt immer, wenn wir keine Boote mehr sehen, dass wir die letzten sind.  Dabei kommen immer wieder neue in Sichtweite. Einmal am Tag erhalten wir per Mail über Satellit von der ARC den Wetterbericht sowie die Positionen aller Teilnehmenden. Wir schauen dann immer nach unseren befreundeten Booten. Leider fahren die meisten andere Routen und sind weit weg. Wir können nicht auf den übersichtlichen Tracker schauen so wie Ihr zu Hause. Einige der Positionen übertragen wir daher manuell auf unseren Plotter um die Routen zu verfolgen. Und siehe da: Die LAMITYE mit Anja und Ralph befindet sich ganz in unserer Nähe. Wir funken miteinander und tauschen unsere geplanten Kurse aus.

Beim Skipper-Briefing wurde auf größere Flauten-Löcher hingewiesen, die uns auf einem direkten Kurs Richtung Karibik erwarten würden und empfohlen, zunächst möglich weit südlich zu fahren. Aber irgendwie   fährt hier jeder so ein bisschen seinen eigenen Plan und dabei alle, inclusive wir scheinbar etwas unsicher. Es ist jedenfalls sehr angenehm mit mehreren gemeinsam zu segeln und auch manchmal zu schauen was die jetzt machen. 😊 Wir scheinen es halbwegs richtig zu machen – als zweit langsamstes Boot sind wir derzeit im hinteren Mittelfeld. Es entsteht eine Mischung aus Unsicherheit und leicht erwachendem Ehrgeiz. Dem kann man bei einer „Rally“ vermutlich nie ganz entkommen.

Die See ist ruhig, etwas zu wenig Wind, aber wir kommen ohne Motor und bisher mit ca. 4 Knoten voran. Auf jeden Fall kann man heute kochen ohne, dass einem alles um die Ohren fliegt. Ich kann am Vormittag etwas Schlaf nachholen, fühle mich aber abends schnell wieder übermüdet, sodass ich mich diesmal gleich nach dem Essen hinlege und sogar schlafen kann. Micha lässt mich fast die ganze Nacht durchschlafen, weil er den „20-Minuten-Schlaf“ besser beherrscht. Diese Nacht habe ich nur eine Wache für drei Sunden. Der Atlantik ist friedlich, ohne große Wellen und die Segel stehen sehr gut. Wir hatten heute nur ein einziges Segelwechsel-Manöver. Etmal 111

  1. Tag – Mittwoch, 27. November

Es hängen wieder dichte Wolken vor dem Sonnenaufgang aber die Sonne streckt ihre Strahlen sehr schön wie ein Vorhang durch die Wolkendecke. Der Wind könnte sich etwas mehr Mühe geben, die Segel schlagen und ich hoffe, dass ich Micha wenigstens noch zwei Stunden Schlaf gönne. Gegen 8 Uhr kommt er hoch und es gibt Müsli. Inzwischen regnet es sogar, so dass wir mit unserem Kaffee nach unten ziehen müssen. Unten frühstücken gab es fast noch nie bei uns und dabei dachte ich, wir sind hier auf der Barfuß-Route.

Dafür frischt der Wind nun wieder auf und wir fahren ruhig mit fast 6 Knoten. Leider stimmt irgendwann der Kurs nicht mehr so richtig, wir kommen zu weit nach Norden. Mittlerweile sehen wir die LAMITYE wieder und funken miteinander. Wir haben beschlossen, nicht südlich bis zum empfohlenem Wegpunkt zu fahren, sondern schon früher direkt Kurs Saint Lucia zu nehmen. Eigentlich heißt es ja: „So weit in den Süden bis die Butter schmilzt und dann rechts abbiegen“.

Nach unserer morgendlichen Wetterdaten – Auswertung, liegen dort aber auch Flauten-Gebiete, also kann auch man gleich direkten Kurs nehmen. Es ist trotz Wetterbericht immer ein wenig wie Glücksspiel. Nach fast einem halben Tag Hin- und Herüberlegen, beschließen wir die Schmetterling-Stellung der Segel umzudrehen. Wir sind ja mittlerweile ein eingespieltes Team, die Wellen sind nicht zu hoch und so bauen wir in ca. einer halben Stunde alles um. Um dann leider festzustellen, dass der Kurs jetzt auch nicht optimal ist und wir sogar fast einen Knoten langsamer sind. Eine Weile probieren wir hin und her bis Michas Laune nicht einmal mehr von meiner leckeren Suppe aufzuhellen ist. Nach dem Essen bauen wir dann wieder alles zurück. Mittlerweile ist es schon 15 Uhr, nur noch drei Stunden hell, da sollte man sich irgendwann entschieden haben wie die Segel nachts stehen sollen. Nach zwei Stunden ist also alles wieder so wie am Vormittag, aber wir können den Kurs so besser halten.

Heute gibt es die erste Katzendusche für uns. Zweimal die Woche dürfen wir duschen, haben wir uns ausgerechnet. Wir haben einen 320 Liter Frischwassertank und zusätzlich Trinkwasser in Flaschen für 25 Tage je 2 Liter/Person. Das Wasser aus dem Tank könnten wir natürlich auch trinken, Micha hat dafür extra zwei Filtersysteme eingebaut. Dann haben wir noch 3 Reservekanister mit insgesamt 80 Liter. Trotzdem herrscht hier ein strenges Wassermanagement. Zwei Mal die Woche Duschen je ca. 8 Liter, sowie täglich für Kochen, Abspülen, Hände waschen usw. ca. 5 Liter pro Person. Macht bei 20 Tagen ca. 300 Liter. Es müsste also reichen, selbst wenn wir länger brauchen.

In der Nähe der LAMITYE segeln wir in die Nacht hinein. Die Nächte sind noch sehr dunkel, ohne Mond, dafür hat man einen wunderbaren Sternenhimmel. Etmal 114

  1. Tag – Donnerstag, 28. November

Die Nacht war so leidlich. Immerhin kann ich inzwischen auch etappenweise schlafen. Micha versucht etwas Rücksicht auf mich zu nehmen. Und nach Kaffee und Müsli geht es irgendwie immer. Wir haben das Gefühl langsam in unseren Rhythmus rein zu kommen. Mir ist nicht mehr so mulmig, wenn es Abend wird und ich zähle auch nicht mehr wieviel Stunden ich geschlafen habe.

Micha hat endlich nach vier Monaten der Windfahnensteuerung die fehlenden zwei Prozent Restinstallation gegönnt und sie damit in den Betriebnahme-Modus gebracht. Sie ist ein mechanisches Wunderding, welches das Boot immer im gleichen Winkel zum Wind hält. Das nimmt einem die häufige Kurskorrektur ab, vor allem nachts ideal. Erst recht, wenn wir endlich den Passat stabil haben. Sie läuft zwar noch nicht optimal, ist aber trotzdem für uns unverzichtbare Reserve, falls der Autopilot kaputt geht. Da müsste man ansonsten Tag und Nacht Ruder gehen. Das ist natürlich bei mehreren Wochen kaum möglich.

Nach anfänglich gutem Wind landen wir dann heute doch in einem Flauten-Loch und müssen erneut motoren. Ärgerlich, aber die Zeit nutzen wir für einen Rigg-Check. Rigg ist der ganze Aufbau; wie Mast, Wanten, Stagen und der Baum. Alle Befestigungsstellen, die sehr beansprucht werden und das Segel halten, müssen überprüft werden. Nachdem wir zufällig einen Bolzen auf dem Deck haben liegen sehen, der den Baum-Niederholer hält, ist es auch höchste Zeit dafür. Laut ARC Seminar, soll man sich jeden Tag dafür 10 Minuten Zeit nehmen. Macht man natürlich nur wenn Wind und Welle passen. Aber bei jedem Segelwechsel hat man automatisch einen Rundumblick dafür. Dann bekommen wir mal wieder Besuch von einer großen Schule Delfine, die trotz Motorgeräuschen mit DAPHNE spielen. Eine wunderbare Abwechslung, ihren schönen Formationen und kleinen Sprüngen zuzusehen.   

Da wir den Tag nur im Hellen richtig nutzen können, vergeht er immer sehr schnell. Zwischen Sonnenuntergang und Aufgang sind es nur 11 Stunden. Und alle Tätigkeiten die an Bord gemacht werden müssen, gehen nicht so schnell von der Hand wie zuhause. Sie dauern mindestens 3 – 4 Mal solange, und kosten wesentlich mehr Kraft. Alles was man nicht richtig vorher überlegt, festmacht oder sicher hinstellt, purzelt früher oder später durch das ganze Schiff. Wenn es dunkel wird, gibt es nur noch Wache und Schlafen, man muss seine Kräfte schon gut einteilen. Manchmal muss auch am Tag noch Schlaf nachgeholt werden.

Wir motoren leider noch bis 21:30 Uhr, dann kommt endlich Wind. Im Dunkeln holen wir wieder die Segel raus und gleiten mit halbem Wind in eine wunderbare Nacht. Der Mond lässt sich für drei Stunden blicken. Danach ist alles wieder ziemlich dunkel aber sternenklar und sehr ruhig ohne Wellen. DAPHNE läuft wie auf Schienen durch die Nacht. Etmal 115

  1. Tag – Freitag, 29. November

Nach einer fast schon entspannten Nacht empfängt uns heute ein wunderschöner Morgen. DAPHNE läuft immer noch wunderbar ruhig, schnell und auf geradem Kurs. Ein weiteres ARC Boot, die SUNRISE von gestern ist auch wieder auf dem AIS zu sehen, in fast gleichem Abstand, das gibt immer ein ganz beruhigendes Gefühl. Zum Einem ist man nicht ganz allein, zum Anderen das Gefühl, mit seinem Kurs nicht völlig falsch zu liegen. Ich mache meinen täglichen Obst- und Gemüse-Check, Micha wirft eine Angelschnur mit Köder ins Wasser.

Angel-Equipment wird ja schon seit Jahren angeschafft, zuletzt noch schnell im Hafen von Gran Canaria „für nur 90,–€ das ganz sichere Anfängerset“. Michas Angelerfolge waren bisher sehr bescheiden.

Heute nun wird das Anfängerset getestet und kaum im Wasser zuckt es schon. Wir können es nicht fassen. Tatsächlich sehe ich ganz weit weg etwas großes Gelbes. Zuerst denken wir, bei unserem Glück vermutlich eine Plastiktüte, so einfach geht das doch gar nicht. Mir wird ganz mulmig zumute, eigentlich bin ich noch gar nicht bereit – zu spät. Ich sammle mich und hole Gummistiefel, Handschuhe und ein Messer. Nun wird es ernst, Micha holt einen 75 cm großen gelb schimmernd Fisch raus, mit hübschen Punkten. Oh mein Gott und nun? Wir stellen fest, dass uns bei all den schönen Büchern ein Fischerkennungsbuch fehlt. 😉

Das Fangen ist ja das eine, jetzt müssen wir ihn auch töten, ausnehmen usw. und dass bei der Größe. Wir beschließen ihn im Cockpit zu zerlegen, stellen uns aber auch ganz schön an. Wird nicht ganz unblutig und erfordert eine Menge Wasser hinterher. Mit unserem gemeinsamen Halbwissen darüber schaffen wir es und zerteilen den armen Fisch. Es hilft nichts, ich lege ihn in Zitrone, Knoblauch und Salbei ein und verstaue ihn im Kühlschrank. Wir sind aber nicht in der Lage ihn gleich zu essen. Uns, vor allem Micha beschäftigt es doch ziemlich, so ein Tier zu töten um es dann zu essen. Diese Situation kennt man ja sonst nicht in unserem „zivilisierten“ Leben. 

Als wir abends mit der LAMITYE schreiben, erfahren wir, dass es sich um eine Goldmakrele oder Mahi Mahi handelt. Als wir mit dem Fisch fertig sind, ist auch der Wind wieder ausreichend, so dass wir gut vorankommen. Etmal 108 Seemeilen

  1. Tag – Samstag, 30. November

Und das geht dann die ganze Nacht hindurch so weiter. Gestern Abend sind wir sogar beide zusammen etwas länger in die sternenklare Nacht mit schöner Musik reingefahren.

Heute Morgen, gibt es schon wieder Fisch. Ein fliegender Fisch hat sich auf unserem Deck verirrt. Das passiert auf dem Atlantik wohl ständig. Sie sind sogar recht schmackhaft. Jetzt geben wir ihn aber dem Meer als Fischfutter zurück, da findet sich bestimmt jemand. Heute wartet ja schließlich unser gestriger Fang auf uns.

Es gibt es Goldmakrele mit Couscous, Möhren und Paprika. Sie schmeckt ausgezeichnet und es reicht alles noch für morgen. Kochen ist nicht immer so ein Spaß und nicht ganz ungefährlich auf See. Daher versuche ich es etwas unkompliziert zu machen, z.B. nur einen Topf zu verwenden. Jeder Handgriff muss vorher gut überlegt sein und alles muss gleich gesichert werden.Einfach Teller rausstellen und nur nochmal im Topf rühren kann schon mitunter zu viel sein, es sei denn man hat zwei Hände mehr, die ich mir dann manchmal von Micha borgen muss.  

Die SUNRISE begleitet uns jetzt schon den 3. Tag in ca. 10 sm Abstand auf dem AIS. Das ist ein gutes Gefühl und an deren Kurs kann man auch schon mal abschätzen was sie gerade für eine Besegelung fahren. Die LAMITYE ist ca. 40 sm nördlich von uns und die GENTOO ca. 80 sm südlich von uns. Ich habe mal wieder ein Buch angefangen und Micha übt Gitarre.

Etmal 131 sm

  1. Tag – Sonntag, 01. Dezember

Heute ist erster Advent. Micha macht zur Feier des Tages Rührei und es gibt Stollengebäck von ALDI aus Lagos. Die SUNRISE ist nun endlich an uns vorbei, dafür sehen wir wieder die LAMITEY fast auf uns zukommen. Die Freude ist groß, natürlich funken wir miteinander und es gibt schöne Bilder. Bei Ihnen ist gleich am Anfang der Impeller vom Stromgenerator kaputtgegangen. Nun haben sie ein eingeschränktes Stromangebot was unter anderem den Wassermacher betrifft. Sie behelfen sich damit gelegentlich den Motor laufen zu lassen um die Batterien zu laden.

Wir konnten uns bisher noch nicht für einen Wassermacher entscheiden. Erstens aus Kostengründen, zweitens sind sie je nach Bauart wohl auch recht störungsanfällig und drittens ist es ein gewisser Aufwand sie bei längerer Nichtbenutzung, wie beispielsweise im Hafen, außer beziehungsweise wieder in Betrieb zu nehmen (konservieren/spülen). Ansonsten ist es natürlich schon eine praktisch, aus Salzwasser Trinkwasser herzustellen und wie bei so manch anderen Ausrüstungsartikeln gilt: Wer sie hat lobt sie, wer sie nicht hat kritisiert. Ähnliches gilt übrigens auch für Gegenden die man unbedingt beziehungsweise auf keinen Fall besuchen sollte 😉

Ich mache wieder meinen täglichen Obst- und Gemüse-Check und sortiere aus was gleich gegessen werden muss. Die Reifung geht leider schneller als wir essen können bzw. wollen, weil es ja noch zwei Wochen reichen sollte. Im Moment stehen Unmengen von Bananen und Kaktusfrüchte auf dem Speiseplan. Anfangs faulten einige Apfelsinen gleich, die ich eigentlich für dreiwochentauglich hielt weg. Die übrigen scheinen jetzt tapfer durchzuhalten. Dann steht heute auch Brotbacken auf meiner To-do-Liste, weil auch das gekaufte Brot schneller schimmelt, als wir essen können. Und da Backen mit sehr viel Energieverbrauch einhergeht, gibt es noch ein Früchtebrot dazu. Damit werde ich auch eine Banane los. Das dauert alles seine Zeit und es ist schon wieder 14 Uhr.

Langeweile kommt hier nicht auf. Alles ist irgendwie viel zeitintensiver und anstrengender als zu Hause. Dazu kommt der andauernde leichte Schlafmangel. Und ständig muss man die Bootsbewegung ausgleichen, sogar im Schlaf. Und das Gehirn muss auch ständig vorausschauend mitdenken. Zwei Sachen gleichzeitig erledigen geht gar nicht. Ist besonders für mich noch schlimm nicht Multitasking arbeiten zu können. 😉 Manöver, Toilettengänge, Kochen, Abwaschen, Decksarbeiten, Lesen – alles erschwert durch permanente Schiffsbewegung. Davon gibt es viele wie beispielsweise Schaukeln, Rollen, Stampfen, Drehen, Pendeln, Neigen, Schwanken, Ruckeln die jeweils sanft, kräftig, fließend, ruppig, vorhersehbar oder plötzlich sein können. Wenn man unachtsam ist, wird jeder Fehler mit einem blauen Fleck bestraft, von denen wir schon einige haben. An Deck mit Blick auf den Horizont geht es einigermaßen, unter Deck ist es schon unangenehmer. Das Auge meldet dem Gehirn keine Bewegung, das Gleichgewichtsgefühl aber ständig das Gegenteil. Irgendwann gewöhnt man sich aber auch daran. Insgesamt scheinen wir recht seefest zu sein. Bis auf die kleinen Ausrutscher anfangs, hatten wir bislang keine Probleme.

Zwischenbilanz unser Flotte nach eine Woche: Wegen technischer Probleme mussten schon 6 Boote umkehren. Zwei davon haben endgültig aufgegeben, die anderen hatten vorwiegend Ruder- und Rigg-Probleme und starten wieder neu. Außerdem gibt es bei weiteren 7 Yachten gravierende Probleme, wie Elektrik-Ausfall, Propeller verloren, Fäkalientank undicht oder Probleme mit der Crew. Aus diesen Gründen laufen einige ungeplant die Kapverden an. Unser letztes Doppelhandpärchen, die MILENA BURNATTI ist heute Mittag als letztes Boot mit einer Woche Verspätung los. Die DAPHNE hält sich glücklicherweise tapfer mit ihrer Crew. Etmal 130

  1. Tag – Montag, 02. Dezember

 Die Nacht heute war eher bescheiden, es hat wieder ganz schön geruckelt und es war furchtbar laut unten in der DAPHNE. Heute Morgen, als der Wind nachließ, fingen wieder die Segel an zu schlagen. Das passiert, wenn zu wenig Wind rein geht und sie einfallen, vor allem wenn die Wellen von der Nacht noch nachlaufen.  Daher setzen wir heute Morgen kurz vor Sonnenaufgang schon gegen 5 Uhr die Segel wieder auf Schmetterling um. Es ist immer noch etwas frisch, vor allem nachts, aber auch tagsüber, wenn die Sonne nicht scheint, jedenfalls dafür, dass wir schon ungefähr auf der Breite von Saint Lucia sind.

Die LAMITYE kommt wieder auf uns zu und wir machen eine kleine Funkrunde. Ansonsten gammeln wir rum. Essen ist noch etwas von gestern da. Ich muss mich nachher nur um eine Mango kümmern, die schon ziemlich überreif ist. Die restlichen Bananen sind fast schwarz, evtl. kann man sie noch unter irgendwas mischen oder nochmal zum Backen nehmen. Micha ist jetzt ziemlich im Rallye-Fieber. Nachdem die DAPHNE doch nicht so langsam ist wie ihr Ranking, kann er wieder diverse Excel Tabellen aufstellen mit entsprechenden Wahrscheinlichkeiten; wann, wer, wie schnell ins Ziel kommt. Also alles wie zuhause, er sitzt Unterdeck und listet und ich oben. Ein bisschen ist ihm natürlich auch langweilig im Kopf. 😉

Zum Abwaschen gibt es kein warmes Wasser mehr, da wir lange nicht motort sind und eigentlich zum Erhitzen kein Gas verschwenden wollen. Normalerweise läuft der Motor ja zwischendurch immer mal lange genug, dass das Kühlwasser unseren Warmwasserspeicher erhitzen kann. 3o Minuten Hafen- oder Ankermanöver reichen da völlig aus. Aber das liegt momentan für uns noch in weiter Ferne. Jetzt behelfe ich mir mit einem schwarzen Dusch-Sack. 20 Liter werden in die Sonne gelegt und sind nach ca. 3 -4 Stunden heiß.

Heute gibt es auch mal ein ernstes Gespräch über Stimmung und Laune beim Segeln. Wenn alles läuft; ist Mann „himmel-hoch-jauchzend“; aber sobald etwas (was auch immer) mal nicht passt, – der Wind zu stark, zu schwach oder zu falsch ist, kommt schnell der Blues mit „zu-tode-betrübt“.  Unser easy-sailing-Wohlfühlfenster ist sehr eng. Aber bei einem Projekt wie dem unsrigen, läuft nun einmal nicht immer alles perfekt. Und überhaupt: Eigentlich ist es ja mein Part zu klagen. Mach ich auch, ich beantrage schon mal, dass der Atlantik genug ist und wir unsere Zeit lieber in der Karibik ausgiebig verbringen sollten. Ende noch offen.

Bei der GENTOO sind auch schon zwei Kleinigkeiten passiert, glücklicherweise haben sie ja ein drittes Crewmitglied dabei, so müssen Danny oder Mathilda nicht in den Mast. 😉 Etmal 137

  1. Tag – Dienstag, 03. Dezember

Richtig schlafen ist anders, aber irgendwie scheint es mein Körper gut wegzustecken. Ist so ähnlich wie mit einem Säugling in den ersten drei Monaten. Inzwischen sind wir auf die Idee gekommen, uns bei der Wache jeweils für 20 Minuten unten auf die Salonbank zu legen. Das ist schon wesentlich angenehmer, man ist nicht mehr so allein zwischen den tosenden Wellen und manchmal schlafe ich sogar ein wenig.

Schön ist, dass wir die ganze Nacht und eigentlich auch den ganzen Tag schon sehr flott unterwegs sind. Dabei haben wir noch nicht einmal etwas an den Segeln machen müssen. Wir haben scheinbar endlich den Passatwind erreicht und wir fahren im Moment Highspeed von 7 – 8 Knoten, in Böen 9. Die Genua, das große Vorsegel, haben wir etwas gerefft.

Heute ist der Fäkalientank kurz in die falsche Richtung gelaufen, weil irgendetwas am Ventil falsch gestellt war. Gottseidank war er fast leer aber eine kleine Sauerei war es dann trotzdem, die Micha beseitigen musste. Immer wieder neue Überraschungen.

Ansonsten habe ich heute wieder gekocht, das reicht für zwei Tage. Nudeln mit Bolognese-Soße. Insgesamt habe ich vermutlich etwas übertrieben mit unserem Proviant. Wir bekommen den Kühlschrank einfach nicht leerer. Und mit dem frischen Fisch hatte ich auch noch nicht so schnell, wenn überhaupt gerechnet. Im Moment hat Micha Angelverbot (darüber ist er sehr stolz 😊). Ich quäle uns immer noch mit Bananen und Kaktusfrüchten, die dann morgen endlich alle sind. Das Gemüse hält sich besser als das Obst, wobei die Äpfel und Apfelsinen jetzt aufgehört haben zu faulen. Heute Morgen waren schon wieder drei fliegende Fische auf unserem Boot. Ich glaube heute habe ich mich den ersten Tag mal etwas gelangweilt. 😉 Etmal 142

  1. Tag – Mittwoch, 04. Dezember

Wenn ich gestern geschrieben habe, die Nacht war nicht besonders erquickend: Diese war es ganz und gar nicht. Nach einem wunderschönen Abend mit viel Geschwindigkeit in die Nacht hinein, versuche ich gegen 0 Uhr zu schlafen. Da fängt es an fürchterlich zu schaukeln. Dazu kommt, dass der Kurs immer weiter nördlich abweicht. Alles was bisher noch nicht geklappert hat, setzt sich jetzt in Bewegung und die Geräuschkulisse unter Deck ist schrecklich. Wir stopfen Kissen, Handtücher etc. in die Schränke und finden trotzdem keine Ruhe. Hinzu kommt, dass wir hin und her rollen und langsam den Kanal voll haben. (morgen werde ich das Karibikthema noch einmal anschneiden) Leicht verzweifelt laufen wir uns zum x-ten Mal in der Nacht über den Weg und müssen dann wegen der ganzen Absurdität der Situation plötzlich kichern.

Schließlich versuchen wir uns wieder hin zu legen. Michas Timer meldet sich 20 Minuten später, ohne dass er wach wird. Er scheint es geschafft zu haben und ist in der REM-Phase, also stehe ich noch einige Male auf bis er wieder fit ist. Gegen vier schlafe ich dann doch und werde von starken Windgeräuschen geweckt. Micha hantiert und versucht die Steckschotts in den Niedergang zu bekommen. Wir haben unseren ersten Squall. Dies sind kleine Regengebiete am deren Rändern es starke Winde gibt. Die Genua hat Micha schnell reingeholt und schon setzt starker Regen mit Wind ein. Nach 15 Minuten ist der Spaß dann wieder vorbei. Der Himmel sieht trotzdem immer noch sehr dramatisch aus und wird von einem riesigen Regenbogen geziert.

Während des Frühstücks besprechen wir, wie wir jetzt mit dem Kurs verfahren und wie die entsprechende Beseglung aussieht. Da der Wind sich scheinbar gerade verausgabt hat, ist es jetzt windstill und wir motoren für ca. eine Stunde. Der Vorteil ist, die Batterien werden wieder geladen und es gibt für zwei Tage heißes Wasser. Anschließend müssen wir wieder unsere Schmetterling-Besegelung umdrehen. Das bedeutet immer mindestens eine halbe Stunde Aktion. Micha muss dazu aufs Vorschiff um den Spinnackerbaum zunächst einzuholen. Alle vier Leinen (nach oben, unten, vorne und achtern) der Fixierung kommen dann auf die andere Seite. Anschließend wird der Baum erneut fixiert. Die Reihenfolge muss genau beachtet werden, sonst verheddern sich die Leinen untereinander und mit den Schoten. Meine Aufgabe ist es, vom Cockpit die Leinen lösen, halten, dichtholen bzw. zur anderen Seite wieder durchfädeln und fixieren. Bis auch noch Segeltrimmung und Kurs wieder optimal stimmen, ist meist eine ganze Stunde vergangen. Danach ist man erst einmal geschafft und hofft, dass sich die Anstrengung auch gelohnt hat.

Gottseidank ist von gestern noch Essen da. In den letzten Tagen hatten wir das Gefühl langsam in den Atlantikmodus zu kommen, von dem alle so geschwärmt haben, doch im Moment ist mir eher wieder wie „mal-kurz-rechts-ranfahren“.

Etmal 146 Seemeilen

  1. Tag – Donnerstag, 05. Dezember

Heute feiern wir Bergfest – und das mitten auf dem Wasser. 😊 Das heißt, von den 2.800 Seemeilen haben wir heute Vormittag schon 1.400 hinter uns gebracht. Der Wind wird stabiler und etwas stärker, eben Passatwind. Die Wellen sind häufig noch sehr kabbelig und machen es DAPHNE schwer in ruhiger Fahrt zu bleiben. Sie schlägt sich aber tapfer, und trotz unseres Handicaps sind Momentan noch über 40 Boote hinter uns.

Heute gab es wieder frisches Brot und einen kleinen Apfel/ Bananenkuchen. Zum Mittag dann eines von meinen eingekochten Gläsern: Falsche Kohlrouladen, gleich mit Kartoffeln usw. drin. Das erste Glas konnten wir direkt an die Fische weiterreichen, der Deckel ging ohne Plopp auf (verdorben), aber das zweite von den dreien hat sehr lecker geschmeckt.

Micha hat sich heute endlich zu 80 % um seinen Bart gekümmert, zumindest den unteren Teil. Habe ihn kaum wiedererkannt 😉 ist mindestens 10 Jahre jünger. Jetzt steht oben noch etwas befremdliches, sieht auch nicht wirklich gut aus, erinnert verdammt an die 70er mit Starsky & Hutch. Ich hoffe, er bekommt den Rest auch noch hin. Etmal 159 Seemeilen

  1. Tag – Freitag, 6. Dezember

Leider wurde es in dieser Nacht wieder so ungemütlich, dass wir kaum schlafen konnten. Der Wind dreht immer weiter nördlich, sodass es bei unserem Kurs an Rigg und Segel zerrt. Nachts vermeiden wir möglichst jegliche Segelmanöver. Um Frühstück zuzubereiten brauchen wir vier Hände und trotzdem kleckert es noch. Der Nikolaus kommt auch nicht, traut sich wohl nicht so weit auf See. Kann ich gut verstehen. Wir buchen mal wieder eine Psychostunde und bauen uns gegenseitig auf. Glückicherweise, währt nichts ewig, die See wird ruhiger, trotzdem fahren wir zwischen 5 und 6 Knoten. So schnell ändert sich die Welt, wenn man nur Geduld hat. 😉

Wir haben heute ein merkwürdiges Phänomen angesprochen und sind erleichtert, dass wir es beide wahrnehmen. Hier sind so viele Geräusche an Bord, dass wir manchmal Stimmen hören. Halt! Nein! Es ist noch alles okay mit uns! Wir sind noch nicht verrückt. Das haben wir uns gegenseitig mit einigen Test bestätigt. Gelegentlich gibt es Geräusche an Bord, die wie Radio oder Teile einer Unterhaltung klingen. Auch Seufzen, Ächzen und Stöhnen sind zu vernehmen. Das kommt bestimmt von der DAPHNE, die sich bei uns beschwert. 😉 Nun sind wir fast schon 2 Wochen auf See. Etmal 155 Seemeilen

  1. Tag Samstag, 07. Dezember

Diese Nacht war die reinste Erholung obwohl wir relativ flott unterwegs sind. Dafür drehte der Wind so, dass wir morgens fast Kurs auf Kuba haben. Und, wie schon einige Morgen davor, werden wir von einem Squall geweckt. Ich habe Wache und sehe, dass sich am Himmel etwas zusammenbraut, möchte aber Micha noch nicht wecken.

Die Reihenfolge beim Ausschau halten ist bei uns: 1. Rundumblick 2. AIS-Kontrolle und 3. die Suche nach Anzeichen möglicher Wetterveränderungen.  Nach einer halben Stunde bemerke ich, dass der Wind stärker dreht und es unruhiger wird – alles Anzeichen, dass es bald los geht. Micha scheint es auch zu spüren und kommt an Deck. Mit Gummistiefeln und Regenjacke geht er sofort ans Ruder und fährt uns sicher durch den Squall.

Nach dem Frühstück wechseln wir mal wieder unsere Schmetterlingsstellung und haben dann Kurs fast direkt Richtung Saint Lucia. Wir versuchen uns abermals mit der Windfahnensteuerung und für einige Stunden klappt es auch sehr gut. Bei passendem Wind probieren wir immer mal wieder ihren Einsatz, damit sich der Autopilot mal ausruht und die Batterien geschont werden. Kühlschrank und Autopilot verbrauchen bei uns den meisten Strom.

Zwei Kleinigkeiten müssen heute noch in Ordnung gebracht werden. Am Baum-Niederholer ist der Block (eine Art Flaschenzug) gebrochen und muss provisorisch fixiert werden. Außerdem hat sich unsere Badeleiter selbständig gemacht und möchte wieder eingeholt werden.

In den drei Wochen der Atlantiküberquerung haben wir insgesamt eine Zeitverschiebung von 5 Stunden. Bislang haben wir unsere Uhren aber nicht umgestellt, sondern orientieren uns weiterhin an UTC. Was praktisch ist, da Verabredungen, Wettervorhersagen, Emails usw. auch in Greenwich Zeit (UTC) abgewickelt werden. Wenn man in unterschiedlichen Zeitzonen unterwegs ist, braucht man eine einheitliche Zeit. Tatsächlich sieht es bei uns daher so aus, dass jeden Tag die Sonne ca. 10 min später auf und unter geht. Unser Sonnenaufgang hat sich so bislang von 6:10 auf 9:20 verschoben. Wir passen uns diesem langsam verändernden Rhythmus an. Das Sonnenlicht bestimmt den Tagesablauf. Etmal 150

  1. Tag – Sonntag, 08. Dezember

Wir haben jetzt die zweite Nacht hintereinander gut geschlafen und werden heute mal nicht von einem Squall geweckt. Die Nachtwachen sind bei uns inzwischen völlig unregelmäßig. Wir verfahren schon seit einer Woche danach: Wer müde ist, legt sich hin und sei es nur für eine Stunde. Das klappt wesentlich besser. Seit wir uns meistens unten in den Salon legen und den Timer auf 20 Minuten einstellen, schlafen wir deutlich mehr.

Heute müssen wir zum wiederholten Male den Motor für eine Stunde mitlaufen lassen, weil der Autopilot sehr viel Strom verbraucht hat. Aber auch Kühlschrank, Kommunikation/Navigationsgeräte usw. wollen ständig versorgt werden. Der schöne Nebeneffekt ist, dass es warmes Wasser gibt. Heute ist nämlich wieder Duschtag.

Ohne Autopilot hätten wir mehr Energie als wir brauchen. Noch ein Grund, dass endlich die Windfahnensteuerung richtig funktioniert. Micha versucht immer wieder die Segel optimal zu trimmen (Segelgröße und -einstellung) sowie den Kurs anzupassen.  Mit mehr oder weniger Erfolg. Heute macht er es solange, bis er einen „Windfahnenkoller“ bekommt um anschließend frustriert auf den bewährten Autopiloten zurückzugreifen. Unser bekanntes Problem: Wenn alles gut läuft, ist man im Paradies, sobald etwas nicht stimmt oder auch nur der Himmel sich verdüstert, kann die Stimmung sehr schnell kippen. Vielleicht ja deshalb, weil man hier so unmittelbar von den Elementen abhängig ist und Ihnen schlecht aus dem Weg gehen kann. Gegen Nachmittag versucht er es dann noch einmal mit der Windfahne und alles läuft wunderbar. 😊 Die Segel mussten wir jedenfalls heute nicht mehr umstellen, also bis auf die kleine Krise „Easy Sailing“. Etmal 156 Seemeilen

  1. Tag – Montag, 09. Dezember

Micha hat fast die ganze Nacht Wache gehalten, daher bin ich heute super ausgeschlafen. Er ist auch nicht wirklich müde, mit zwei kleinen Tagesschläfchen hält er sich wacker, hat sogar morgens schon wieder einen Squall abgewettert und ist mit dem Radar zwei weiteren ausgewichen.

Wieder kein Boot ringsum oder auf dem AIS, also ganz allein auf weitem Feld. Aber wir fühlen uns sehr gut, fast schon ein bisschen euphorisiert. Micha meint, heute wäre für ihn der erste richtige Urlaubstag hier auf See. Es ist mittlerweile wärmer geworden, wir schlafen meist nur noch unter Bettbezügen. Sind tatsächlich schon seit einigen Tagen barfuß. Die Nächte sind mild und angenehm.

Heute war wieder Brotbacktag. Mein letztes ist nicht richtig aufgegangen und erinnerte daher an Form und Festigkeit eines Ziegelsteines. Geschmacklich nicht schlecht aber da Micha gestern fast schon das Abendbrot verweigert hatte, muss heute etwas Neues ran. Ich möchte schließlich keine „Meuterei auf der DAPHNE“ riskieren. Das nächste sieht besser schon aus, etwas aufgegangen, eher wie ein Brot eben.

Der heutige Rigg-Check hat wieder eine Kleinigkeit zum Vorschein gebracht, was unter Umständen größere Schäden verursachen könnte. Der Splint vom Bolzen der Spi-Baum-Aufhängung war fast rausgerutscht. Das Auswechseln ist unkompliziert.

Der Mond scheint gerade in unser Cockpit und leuchtet uns wie eine Wohnzimmerlampe zum Abendbrot. Wir hören mit voller Lautstärke abwechselnd unsere Lieblingslieder gönnen uns ein Radler. Zu „Careless Memories“ Duran Duran, „Wild is the Wind“ Bon Jovi und „Dancing in the Moonlight“ van Morrison surfen wir mit bester Laune über die Wellen.

DAPHNE fährt schnell aber ruhig wie auf Schienen.Etmal    150 Seemeilen

  1. Tag – Dienstag, 10. Dezember

Die Wettervorhersage kündigte gestern für die nächsten Tage mehr Wind an. Während unseres Musikprogramms am Abend war davon aber noch nichts zu spüren. Daher hatten wir uns entschlossen, noch nicht das 2. Reff reinzusetzen. Das war ein Fehler, der Wind frischte natürlich schon in der Nacht auf und es wurde sehr, sehr unruhig. Da wir nachts immer versuchen, Segelmanöver bei denen man aus dem Cockpit muss zu vermeiden und es bislang nur ungemütlich aber nicht sicherheitsrelevant ist, halten wir es aus, bis der Morgen anbricht. Wir haben 20–25 Knoten Wind und jagen mit ziemlichem Tempo die Wellenberge hoch und runter. Alles an DAPHNE ist in Bewegung. Unter Deck ist es wie meist bei solchen Verhältnissen lauter und dramatischer als oben. In der Nacht gab es, seit wir los sind das erste Mal wieder einen Berufsschiff auf dem AIS.  Und noch ein Boot taucht auf: Die „EA“, ein 60-Fuß-Boot ebenfalls von der ARC. Sie hatten gleich am Anfang Ruder-Probleme, mussten noch einmal umkehren und sind neu gestartet. Wir genießen es, den ganzen Tag wieder ein kleines weißes Segel am Horizont zu sehen.

Am Nachmittag gehen dann doch einige Squalls durch, die wir abwettern müssen. Die Genua wird dann schnell eingeholt und meist geht Micha dann manuell Ruder. Zum Abend gab es wieder selbstgemachte Bolognese aus dem Glas, mit Zwiebeln und einer Paprika verfeinert, dazu Pasta. Heute ist endlich richtig Vollmond und man kann weit schauen.

Gegen Abend kommt die EA immer dichter an uns heran. Durch die Schmetterling-Segel haben wir kaum Spielraum auszuweichen. Als sie eine halbe Seemeile backbord von uns entfernt sind und wir eindeutig Kollisionskurs haben, rufen wir sie über Kanal 16. Der muss von der gesamten Schifffahrt abgehört werden, der sogenannte Notruf und Anrufkanal. Wir kennen die Crew von den Sundowner-Abenden, es ist eine finnische Familie. Er fährt auch Schmetterling und hat ebenfalls nicht viel Spiel. Laut Schifffahrtsregel muss der Überholende ausweichen, was die EA dann auch unverzüglich macht. Es ist nun schon dunkel und wir wollen langsam auf Schlaf-Wach-Modus gehen, da müssen solche Sachen vorher geklärt werden.

Micha hat schon seit 2 -3 Tagen ein komisches Gefühl an einer Zahnfüllung und heute beim Abendessen ist sie rausgefallen. Glücklicherweise ist noch nichts besonders empfindlich aber ärgerlich ist es schon. Das heißt, als erstes können wir uns in Saint Lucia um einen Zahnarzt bemühen. Da kommen natürlich wieder so Empfindungen hoch, wie ist es, wenn es wirklich mal Ernst ist und man hat noch eine Woche oder mehr vor sich hat. Wir wollen gar nicht so ins Detail gehen, trotz Medico-Koffer und Seminar möchten wir möglichst nichts erleben, was diese Investition rechtfertigt. Etmal    156 Seemeilen

  1. Tag – Mittwoch, 11. Dezember

 Morgens wurde ich mal wieder von einem Squall geweckt. Ich konnte nur noch die Schot-Bretter reinschieben und die Luke zu machen, da prasselte schon der Regen und es ging eine Weile wie auf der Achterbahn. Micha kam auch langsam aus dem Tiefschlaf als der Wind wieder abflaute. Ich meinte dann zu ihm, der Squall ist gerade vorbei, als es schon wieder losgeht. Also springt er hoch, in Unterhose, Regenjacke und Sicherheitsweste ans Steuer und steuerte uns durch. Der Windmesser zeigte kurzeitig über 40 Knoten Wind.

Heute gibt es die letzte Routine-Meldung an die Familie. Immer sonntags und mittwochs schreiben wir Antonia, die die Nachricht dann in unsere „Family-Gruppe“ bei WhatsApp weiterleitet. Der Tag ist ziemlich bewölkt, daher laden die Batterien nicht genug auf. Das macht Micha etwas unruhig wegen des Autopiloten. Wir müssten wieder den Motor für ca. 1 -2 Stunden mitlaufen lassen damit sie ausreichend voll werden. Gerade rechtzeitig zum Duschen. 😊 Die Anzeige vom Wassertank geht, nachdem sie sich fast zwei Wochen gar nicht bewegt hat, heute dramatisch gegen 0. Na, wir haben ja noch unsere Reservekanister.

Zum Mittag probieren wir das eingekochte Gulasch und ich mach den Rest grüne Bohnen mit einer Möhre dazu sowie den Rest Nudeln von gestern. Genau als wir essen wollen, kommt ein Squall. Also alles wieder in den Topf und abwettern. 

Zwei Segelboote sind heute mal wieder auf dem AIS zu sehen. Sie fahren nicht mit der ARC aber scheinbar auch mit dem Ziel Karibik. Außerdem haben wir einen Frachter in Sichtweite. Es ist seit der Atlantiküberquerung bisher erst das dritte Berufsschiff. Das ist wesentlich weniger Verkehr als wir gedacht hatten. Der Atlantik ist eben verdammt groß.

Gerade hat die SY EA über Kanal 16 gefunkt, dass sie schlecht ausweichen können, weil sie Ruderprobleme haben. Jetzt kommt auch von der ARC eine Satelliten-Mail mit der Bitte, vorsichtig zu navigieren an alle Boote in der Nähe. Sie sind 16 sm von uns entfernt und Micha schreibt ihm, unsere Position und bietet ihm unseren Treibanker als Steuerhilfe an. Er will aber lieber das Tageslicht abwarten und dann den Ruderschaden abtauchen. Mit dem Angebot uns jederzeit um Unterstützung anfunken zu können, segeln wir weiter auf unserem Kurs. In der endlosen Weite die uns hier umgibt, hilft es manchmal alleine schon, wenn man weiß, dass da draußen noch jemand anderes ist.

Seit dem späten Nachmittag haben wir die vorhergesagten 25 Knoten Wind, in Böen über 30. Wir und das ganze Boot sind wieder in Bewegung. Wenn die Wellen genau von achtern kommen, ist es relativ ruhig, sobald sie uns etwas seitlich treffen, heißt es: Gut festhalten. Wir haben alles gerefft was geht und fahren trotzdem mit DAPHNE-Höchstgeschwindigkeit von 7 – 8 Knoten. Etmal    155 Seemeilen

  1. Tag – Donnerstag, 12. Dezember

Wenn du morgens aufstehst und beim Müsli zubereiten alles auf dem Boden landet, wünschst Du Dir mehr und mehr endlich anzukommen. Nicht, dass es das erste Mal wäre, aber diesmal haben sich die krümeligen Flocken schon selbstständig gemacht und besonders böse in sämtlichen Ritzen verteilt, bevor ich auch nur die Chance hatte die Milch hinzuzugeben.

Vorsichtshalber füllen wir jetzt doch einmal 20 Liter aus den Kanistern in den Wassertank nach. Unsere Anzeige steht schon seit Tagen auf leer. Nachdem sie sich die ersten zwei Wochen so gut wie gar nicht bewegt hatte, rutschte sie dann innerhalb von drei Tagen auf 0. Micha hat sich gestern schon nicht mehr getraut nach mir zu duschen. Er befürchtete eingeseift ohne Wasser dazustehen. Etmal    145 Seemeilen

  1. Tag – Freitag, 13. Dezember

Ich komme an Deck, gegen 7 Uhr. Bei herrlichem Wetter begrüßt mich wie die letzten 19 Tage, der wunderschön blaue Atlantik. Nun wo es fast geschafft ist, muss ich sagen; der Atlantik war sehr friedlich mit uns, der Wind hat uns nicht zu viel zugemutet, und die DAPHNE war wirklich sehr geduldig mit uns. Wir haben alles, abgesehen von ein paar blauen Flecken, heil überstanden. Das war für uns immer das Wichtigste. Unsere 2er-Crew war sehr harmonisch, auch wenn ich zur Sicherheit gern noch jemand 3. an Bord gehabt hätte. Es war tatsächlich etwas Besonderes, im positiven Sinne – sogar für mich. Jetzt sind es nur noch 199 Seemeilen. Wir werden also tatsächlich morgen Nachmittag ankommen. Irgendwie macht sich eine euphorische Anspannung breit, dass wir es gewagt und tatsächlich bald geschafft haben.

Nach dem Frühstück nehmen wir das Reff raus und fahren seit Tagen mal wieder mit Vollzeug. Micha rechnet (eigentlich schon seit wir los sind zum 100. Mal) unsere genaue ETA aus. Die Batterien sind jetzt ziemlich leer – also wieder für eine Stunde den Motor im Leerlauf mitlaufen lassen. Dadurch, dass der Wind von hinten kommt läuft der Windgenerator nicht ganz so stark und die letzten Tage war es häufig dicht bewölkt, sodass der Solarstrom auch etwas schwächer ausfiel.

Die letzten Tage ist es schwül warm geworden, wir schwitzen so richtig. Vor allem unten im Boot wird es schnell stickig, da wir die Luken wegen Spritzwasser nicht aufmachen können. Ich bin gespannt, wie wir mit der Hitze bald klarkommen werden. Wir befassen uns schon gedanklich mit der Ankunft in Saint Lucia und lesen noch einmal nach was im ARC-Ordner hierzu steht. Schließlich wollen wir korrekt über die Ziellinie kommen 😉

Momentan sind noch 36 Boote hinter uns, einige nicht sehr weit entfernt, obwohl wir wieder keines sehen, auch nicht auf dem AIS. Etmal    152 Seemeilen

  1. Tag – Samstag, 14. Dezember

Oh mein Gott, heute soll es geschafft sein??? Aktuell nur noch 90 Seemeilen. Ist doch ein Katzensprung 😉

Die Nacht ist nochmal etwas beunruhigend, so wie auch der Tag. Micha ruft mich gegen 3 Uhr hoch; komm mal hoch, ich brauch deinen Rat? Okay das klang schon mal nicht gut. Hinter ihm türmt sich eine riesige Wolke auf, die an der Spitze in einen Frosch endet mit weit ausschweifenden Greifarmen. Sah schon mal nicht vertrauenserweckend aus. Das Ganze entwickelte sich noch und wuchs über sich und uns hinaus, der Wind wird merkwürdig und Daphne schaukelt von einer Seite auf die andere.

Wir versuchen auf dem Radar zu erkennen in welche Richtung dieses Ungetüm nun ziehen würde, damit wir ihm ausweichen können. Lange Zeit bewegt es sich weder nach links noch nach rechts, sondern einfach nur auf uns zu. Etwas besorgt versuchen wir die Zugbahn zu erkennen und schauen abwechselnd aufs Radar und peilten den Wolkenfrosch. Plötzlich, als würde das hier alles nicht ausreichen, erscheint ein schwarzer Vogel und fliegt grotesk munter zwischen Wolkenwand und Boot hin und her. Ich denke, was ist das jetzt für ein Hitchcock hier? Langsam driftet der Frosch weg und wir haben uns glücklicherweise für die richtige Seite entschieden.

Es dauert aber noch eine Weile bis sich, Wind, DAPHNE und ich wieder richtig gefasst haben.

Der letzte Tag hat es irgendwie noch einmal in sich. Ein Squall nach dem anderen. Wir versuchen auszuweichen und fahren schon wieder in den nächsten hinein. Obwohl wir kurz vor Saint Lucia sind und dort auch hohe Berge sind, ist noch nichts zu erkennen. Seit gestern sehen wir wieder einige Boote. Ist ja klar, sie wollen alle ins Ziel und spätestens jetzt packt uns ein wenig der Ehrgeiz. Am wichtigsten aber ist, dass wir noch im Hellen reinkommen, damit es schöne Fotos gibt 😊 Ja, die lange Zeit auf dem Atlantik reduziert die Gedanken auf das Unwesentliche.

Nun ist es aber wirklich soweit, wir haben Land in Sicht und melden uns bei der ARC-Finishline-Control an. Die Ziellinie ist in 2 sm zwischen zwei Booten. Die letzte kleine Herausforderung war, die Segel noch einmal schnell vom Vor-Wind-Kurs auf Hart-am-Wind zu ändern. Außerdem noch schnell „Klar Schiff“ machen, weil der Fotograf schon lauert. Wir können es kaum glauben, es ist 17:00 Uhr und wir fahren durchs Ziel. 😊 Micha ist stolz wie Bolle, da er schon vor einer Woche an die GENTOO (scherzhaft) geschrieben hatte, dass wir am 14.12. um 17:15 ankommen.

Es ist geschafft, wir sind durch und fahren in den Hafen von Saint Lucia, Rodney Bay und werden am Steg von der ARC mit einem Rumpunsch und einem Obstkorb empfangen. Dann kommen die Glückwünsche von den anderen Booten und so geht es noch den ganzen Abend weiter. Die GENTOO ist am Morgen angekommen und überredet uns, gleich auf die ARC-Willkommensparty zu gehen. Ausruhen und Schlafen können wir später. Und so stehen wir knapp eine Stunde nach dem Anlegen schon zu Reggae-Rhythmen am Strand beim Barbecue. 😊 Etmal 149 Seemeilen

Gesamtstrecke: 2.854 Seemeilen (davon 2.797 gesegelt)

Dauer: 20 Tage, 8 Stunden, 30 Minuten

Zum Abschnitt 11

Abschnitt 09: Lagos – Madeira – Las Palmas

Sonntag – Donnerstag, 20./24. Oktober       – Überfahrt Lagos nach Madeira –

Es geht mal wieder an einem wunderbar sonnigen Sonntag los. Wir haben ungefähr 500 Seemeilen vor uns und werden ca. vier Tage brauchen. Die Wetterprognosen für die Tage sehen gut aus, bis auf den letzten Tag, dort ist etwas wenig Wind vorausgesagt. Als erstes mussten wir wieder ein Verkehrstrennungsgebiet kreuzen, was recht anspruchsvoll war. Es ist wie in Berlin 17 Uhr durch den Berufsverkehr zu kommen, trotz Sonntag. Die Schwierigkeit ist wieder direkt im rechten Winkel durchzukommen, egal wie der Wind steht.

Diesmal habe ich mir vorgenommen, mich nicht so anzustellen mit dem Schlafen usw. aber als langsam die Dämmerung einsetzt, und zwar schon gegen 18:30 Uhr wird mir doch wieder etwas mulmig zumute. Wir haben jetzt nur noch ca. 12 Stunden Licht. Nach meinem leckeren vorgekochten Chili, was sich ja auf der Biskaya schon bestens bewährt hatte, legt sich Micha als erster hin und ich versuche wieder so lange durchzuhalten wie es geht. Bis ca. 0 Uhr plage ich mich dann wach zu bleiben, damit er wenigstens drei Stunden Schlaf bekommt. Schließlich soll er schon gut ausgeruht sein, damit ich dann nicht so unter Druck stehe, schnell einzuschlafen. Ich fasse kurz zusammen: Meine erste Nacht war nicht gerade erquickend aber ich versuche es sportlich zu nehmen. 😉

Am nächsten Tag, wechseln dann schlafen, essen und schlafen einander ab. Der Wind ist uns meistens hold, sodass wir wenig zu tun haben und gut vorankommen. Partielle Regengebiete hängen hier und da, wir hoffen trockenen Bootes durch zu kommen. Das Wetter sieht also nicht so freundlich aus wie gestern. Trotzdem bekommen wir Besuch, ein kleiner grüner Vogel, so groß wie ein Spatz, kommt ins Cockpit geflogen und begutachtet das ganze Schiff. Wie wir später erfahren, begrüßt uns schon hier der Madeirafink. Springt hier auf die Leine, da aufs Steuerrad um dann vorn weiter zu inspizieren bis zum Bug, sagt noch kurz Tschüss und ist wieder weg. Die zweite Nacht bricht herein und wir machen es wie gestern. Die See nimmt zu und ich sehe überall Wetterleuchten. Wir sind uns nicht ganz sicher ob es Gewitter sein könnten aber es ist weit weg, an verschiedenen Stellen und Donner ist nicht zu hören. Ich bin gerade mit einem Dampfer beschäftigt, der laut AIS auf Kollisionskurs ist, da sehe ich am Horizont ein kleines helles Dreieck was langsam größer wird. Es erhebt sich aus dem dunklen Meer wie ein Theatervorhang. Langsam dämmert es auch mir, es muss der Mond sein. Er war bisher nicht zu sehen. Und dann geht er tatsächlich auf, rötlich, riesig aus dem Meer heraus und steigt als Halbmond zum Himmel empor, wo er dann in normaler Größe seine Bahn zieht.

Mittlerweile ist der Dampfer ziemlich dicht und durch unsere ständige Kurskorrektur und Segelstellung bin ich mir unsicher ob er uns auch richtig ausweicht und wecke doch schon Micha. Das AIS springt ständig und sagt manchmal schon in 5 min nur noch 0,5 sm Abstand, das ist mir zu heikel. Er muss wieder einmal die Situation retten und kommt in Schlafsachen gleich mal ans Steuer. Es ist mir wirklich ein Rätsel, das Meer ist so groß aber wenn man ein Boot auf dem Schirm hat, ist es gefühlt bei 50 % auf Kollisionskurs. Viel Schlaf finde ich leider in dieser Nacht auch nicht, weil die See rauer wird und es sich unten schlimmer anhört als es ist.

Als ich morgens von Micha nach oben gerufen werde, schaue ich im Niedergang stehend nach oben und sehe wie er in einem strammen Wind am Steuer steht und mir zuruft; wir müssen die Segel reffen. Ein Alptraum, Wind mit 24 Knoten, ich muss das Boot in den Wind steuern bis aus dem Segel der Druck raus geht und es leicht flattert damit es ein Stück eingeholt werden kann. Er muss nach vorn und es etwas runterlassen um das Reff einhaken damit sich die Segelfläche verkleinert.  Normalerweise ein eingespieltes Manöver aber jetzt bei diesem Wind? Es hilft nichts, ich habe ja gesagt mit ihm zu segeln also gehe ich tapfer ans Steuer. Es geht leichter als ich dachte, Micha ist angeleint und wir bekommen es so wie immer gut hin. Jetzt ist es gleich etwas ruhiger aber der Wind bläst weiter mit Böen bis 6 Bft. Trotzdem es macht sich bemerkbar wenig Schlaf, dann die Anspannung, Micha muss zum zweiten Mal auf dieser Reise Superpepp gegen Übelkeit nehmen. Er hat nachts ein Gewitter umfahren, merkwürdige Blitztonnen standen auch irgendwo herum, alles ganz seltsame Sachen, die wir so noch nicht kannten…

Uns geht es psychisch wie physisch nicht besonders gut. Wir haben beide dieselben Symptome; kein Appetit, einen trockenen Mund und müssen ständig aufs Klo. Mich überrascht und beunruhigt auch etwas, das es ihn auch etwas mitnimmt. Hätte ich heute die Wahl auszusteigen, ich hätte es getan. Wir quälen uns über den ganzen Tag mit einen Apfel, einem Knäckebrot und abends dann wenigstens etwas Kartoffelbrei mit Ei. Und das obwohl uns eine Welle einen Calamares ins Boot geschleudert hat.  Zum Abend wird es immer ruhiger, wir schließlich auch und unsere Welt rückt wieder gerade. Ich schlafe das erste Mal fast fünf Stunden am Stück und fühle mich am nächsten Tag wie neu geboren.

Eigentlich ein schöner Tag aber ohne Wind. Micha hat nachts das Reff aus der Genua rausgenommen, das geht auch allein aus dem Cockpit heraus. Nachts herrscht die Regel, niemand verlässt allein das Cockpit und ist trotzdem angeleint. Wenn es irgendetwas zu machen geben sollte, wird der andere geweckt. Also nehmen wir morgens dann zusammen das Reff aus dem Großsegel raus. Der Wind ist jetzt fast weg, die See ist spiegelglatt und wir müssen leider Motoren. Trotzdem ist unsere Laune wieder bestens und es meldet sich der Appetit zurück. Wir schlafen abwechselnd und planen Porto Santo zulaufen, das ist die kleine Insel ca. 40 sm vor Madeira. Dann hätten wir nur noch eine halbe Nacht vor uns und könnten uns beide hinlegen. Jetzt kommt aber nach Stunden wieder Wind auf und wir machen richtig Fahrt, so dass wir entscheiden doch durchzufahren.

Ich probiere zum ersten Mal den 20 Min. Schlaf. Das ist die Zeit nach der ein Rundumblick notwendig ist, um eine Kollision zu verhindern. Was natürlich nur geht, wenn man nicht wie die beiden ersten Nächte ständig den Kurs korrigieren muss, weil die Segel sonst anfangen zu schlagen. Auch davon wird man dann automatisch wach. Diese Nacht läuft es aber super, ich stelle mir den Timer und mache es mir etwas bequem mit Kissen und Decken und oh Wunder ich schlafe tatsächlich drei Mal ein. Dadurch vergeht die Zeit wie im Fluge. Dann wird es auch schon langsam hell und ich werde mit einem wunderbaren Sonnenaufgang belohnt. Ich freue mich jetzt auf Madeira, das mit seinen kleinen Nachbarinseln noch ganz verschlafen daliegt.

Sonntag 10 Uhr sind wir losgefahren und Donnerstag 10 Uhr kommen wir an, nach genau 485 Seemeilen. Wir sind zwar völlig durch aber auch total aufgedreht, daher gönnen wir uns nach vier Tagen ein kleines Frühstück im Hafen Café. anschließend stürzen wir uns aufs Boot, um alles innen und außen sauber zu machen. Vor allem das Salz ist lästig, man kann nichts mehr anfassen ohne krümlige, ölige Hände davon zu bekommen. Erst am Abend kommen wir zur Ruhe und können endlich richtig schlafen in einer ruhigen Koje.

Madeira            24. – 31. Oktober

Da wir etwas außerhalb von der Hauptstadt Funchal liegen, mieten wir uns ein Auto um hier etwas unternehmen zu können. Auch, eigentlich am Wichtigsten, um mal wieder ein Versuch mit unserer Gasflasche zu unternehmen. Bis nach Funchal, was übrigens Fenchel heißt, sind es mit dem Bus 1,5 Stunden und Gasflaschen dürfen da sowieso nicht mit.

Morgen um 10 Uhr wird der Wagen zum Hafen gebracht. Gesagt getan, Micha geht nach vorn, nennt Schiffsnamen usw. um das Vertragliche zu regeln und der Mitarbeiter erwartet ihn schon ungeduldig seit 9:30 Uhr. Wir waren uns eigentlich sicher das 10 Uhr verabredet war. Merkwürdigerweise ist der Wagen 25 % günstiger als wie gestern besprochen, schön warum nicht. Meist ist es ja umgekehrt. 😉 Der bestellte Fiat Panda wurde uns mit allem notwendigen Formularen übergeben.  Kurz bevor wir losfahren wollen, es ist jetzt 10 Uhr, spricht mich die Mitarbeiterin an, mit der ich tags zuvor alles verabredet hatte, dass unser Auto jetzt da ist. Wir sind etwas irritiert und teilen ihr mit das ihr Kollege schon alles geregelt hätten. Woraufhin sie noch verwunderter ist, weil sie hat keinen Kollegen. Wir brauchten alle eine Weile um zu verstehen das hier etwas schiefgelaufen ist. Mittlerweile sehen wir unseren Mietwagenvermieter wild am Telefon gestikulieren, offenbar wurde er auch ihm gerade alles klar. Dank der freundlichen Hafenmeisterin, die für uns alles zu klären versprach, können wir trotz falschem Mietwagen losfahren. 😊

Als erstes kümmern wir uns um unsere Gasflasche, angeblich soll es hier klappen. Und tatsächlich, es scheint zum ersten Mal seit Schweden zu funktionieren. In drei Werktagen können wir sie abholen. Juhu

Wir unternehmen wunderschöne Wandertouren auf Madeira. Die Insel ist so grün und fruchtbar, überall läuft Wasser die Berge hinunter. Sie mutet wie ein kleines Paradies an. Manche Wälder sehen wie verzaubert aus. Eine Woche lassen wir es uns gut gehen. Die Straßen sind hier teilweise so steil, dass unser kleiner Panda große Schwierigkeiten hat uns auf die Berge zu bringen, teilweise geht es nur im ersten Gang.

Wir lernen beim Wandern ein Paar aus Würzburg kennen und kommen ins Gespräch. Micha kann sich gar nicht vorstellen, dass sie nicht mit dem Boot da sind. Wir sind schon so im Segelmodus drin, dass wir ihnen ganz selbstverständlich erzählen, wie wir vorgestern bei gutem Wind aus Lagos gekommen sind. Sie sind natürlich wie normale Menschen mit dem Flieger hergekommen, witzeln aber mit uns mit und fragen höflich nach, bis sie merken, okay wirklich mit Segelboot??? (ja klar, ihr nicht?) 😉

Am nächsten Abend sitzen wir dann doch noch bei „normalen“ Menschen, auf deren Boot, bei Kath and Bill, living near by Little Hampton. Ich mache mir etwas Sorgen ob ich dem Gespräch wirklich folgen kann, es geht aber nach jedem Glas etwas besser. Sie haben auch vor den Atlantik zu überqueren, nur nicht mit der ARC, richten sich aber zeitmäßig danach, um dann doch nicht ganz allein rüberzugehen.

Micha geht noch tauchen und versucht mich zu überreden mitzumachen. Mir ist es aber genug Aufregung hier auf der Reise und ich bin froh, nur kurz als Fotografin zu agieren, ansonsten auch mal einen halben Tag allein zu sein. 😉Wir müssen uns ja auch schon wieder gedanklich auf die nächste Überfahrt nach Gran Canaria, vorbereiten. Es sind zwar bloß zwei Nächte und ich merke wie ich nicht mehr ganz so angespannt drauf schaue, aber etwas schon noch.

Donnerstag – Samstag, 31.Oktober/02. November – Überfahrt nach Gran Canaria –

Es geht bei bestem Wetter los und wir nutzen noch die Zeit die wir haben um Freunden und Familie wie auch schon beim letzten Mal zu schreiben, solange wir Netz haben. Die Nacht kommt nun noch früher rein als sonst und wir essen wie gewohnt gegen 19:30 Uhr bei schon stockfinsterer Nacht. Außerdem ist es bewölkt und nicht mal der Mond leuchtet uns etwas. Der hat hier überhaupt komische Zeiten, ging er bei der letzten Überfahrt erst gegen 1:30 auf, so ist er hier schon den ganzen Tag zu sehen. Wir kommen zwar schnell voran, aber die Geräusche sowohl draußen als auch unter Deck sind für mich echt noch gewöhnungsbedürftig. Es knallt und kracht, strömt und klappert, so dass ich schon wieder denke, ich muss nicht bei Sinnen gewesen sein, mich auf diese Reise einzulassen. Kurz um, die zwei Tage waren bei mir mit sehr sparsamen Schlafenszeiten gesegnet. Trotzdem war ich entspannter als davor. Micha beruhigt mich, der Atlantik ist ganz anders, weil der Passatwind immer nur von hinten schiebt und nicht wie hier die Wellen noch vom Wind gestern laufen und der Wind heute seine Wellen in entgegengesetzter Richtung schiebt. Dadurch entsteht häufig ein ganz unruhiges Wasserbild.

In Grand Canaria angekommen sehen wir Marc und Danny wieder, die am Familysteg liegen, wo es wie auf dem Dorf zugeht. Die Kinder, alle mit Schwimmwesten, rennen draußen rum und spielen auf dem Steg, wie auf der Straße zusammen. Eltern verabreden sich zum abendlichen Barbecue, als ob es nie anders war oder sein wird. Für sie hat es sich also gelohnt den Zwischenstopp in Madeira auszulassen.

Samstag, 02.  – 24. November             – Gran Canaria –

Wir sind also endlich da. Es ist kaum zu glauben, seit vier Monaten sind wir unterwegs und haben auf dieses Ziel hingearbeitet. Ich konnte mir schon kaum den englischen Kanal bzw. die Biskaya vorstellen und nun sind wir hier. 2700 Seemeilen haben wir hinter uns gebracht.  Irgendwie befällt uns anstatt Freude eine merkwürdige Stimmung. Aber wie schon so oft auf der Reise haben wir nicht wirklich Zeit, dem auf den Grund zu gehen. Gran Canaria nimmt uns sofort ein. Als erstes werden wir sehr herzlich von unseren Stegnachbarn in Empfang genommen und mit den wichtigsten Infos versorgt. Ein nettes Pärchen; deutsch/holländisch, laden uns gleich ein, morgen mit zum deutschensprachigen Stammtisch zu kommen, da erfährt man vieles. Sie sind seit einigen Jahren in Rente und leben seitdem hier auf einem Katamaran im Hafen von (Gran Canaria) GC. Oder Reinhard, gebürtiger Österreicher, aufgewachsen in Slowenien, geflüchtet über vier Länder nach Deutschland, später wohnhaft in Kanada, lebt jetzt 74-jährig in seinem Boot, mit Hund und Mofa. Hier ist immer was los, man ist nie alleine, sagt er und übergibt uns gleich einen Wanderführer sowie seine selbst geschriebene Autobiographie, in Form eines Segeltörns, Einhand von Puerto Rico in seine Heimat nach Slowenien. (15 €) Wir nehmen es, na klar, schon weil wir ja auch kaum Bücher an Bord 😉 haben. Und es ist tatsächlich so, man kommt kaum vom Steg runter ohne einen kleine Schnack.

Der Stammtisch ist in der Tat sehr interessant, hier gibt es eine komplette deutschsprachige Community, die hier seit Jahren auf ihren Booten leben. Alles ehemalige, kaum noch aktive Segler, sehr unterschiedlichsten Alters. Sie haben sich hier eingerichtet, kennen sich in Las Palmas bestens aus mit allen Dingen die man so zum Leben braucht und verkehren rege untereinander. Wir erfahren unter anderem, dass es an diesem Wochenende ein Musikfestival in Las Palmas gibt und immer donnerstags in der Altstadt Tapas Abend ist, wo man sehr günstig in vielen Restaurants leckere Kleinigkeiten bekommt.

Von diesem Hafen in Las Palmas startet jedes Jahr die ARC (Atlantik Rally for Cruisers). Sie organisiert seit über 30 Jahren eine gemeinsame Atlantiküberquerung und bieten damit eine sichere Variante für viele, die so eine Unternehmung sonst allein oder gar nicht erst wagen würden. Dabei geht es weniger um eine Rally als um Kontakte, Sicherheit und gutes Ankommen. Aus diesen Gründen haben auch wir uns dazu entschieden dort mitzumachen, damit unsere erste große Überfahrt mit möglichst vielen Gleichgesinnten startet und vor allem ich habe ein gutes und sicheres Gefühl.

Einige von den Hafenbewohnern müssen für die Zeit wo die ARC stattfindet ihren Liegeplatz räumen, bis wir losgefahren sind. Das gibt natürlich wie überall auf der Welt, hier ebenfalls etwas Unmut. Gleichzeitig freuen sie sich auch sehr über uns als willkommene Abwechslung. Die Organisation ist auch schon in vollem Gange, weil nächsten Sonntag die erste Runde mit der ARC+ startet. Sie fahren über die Kapverden und machen dort für eine Woche Zwischenstopp. Dann überqueren sie auch den Atlantik, haben also erst eine und danach zwei Wochen am Stück und nicht wie bei uns drei Wochen. Das wird vor allem viel von Familien genutzt.

Jetzt kommt aber erst mal Friederike zu uns an Bord. Sie bringt uns wieder eine Menge Dinge mit, die noch fehlen oder die wir hier vermissen und natürlich auch ein Stück Heimat. 😊Das Wetter ist leider oder gottseidank nicht so heiß und es regnet häufig am Tag für nur 5 Minuten. Daher lassen wir uns hier im Hafenalltag etwas treiben und genießen einfach nur unser Zusammensein. Der Hafen ist sehr groß und es gibt fast alles was man braucht auf dem Gelände. Zwei Minimärkte, vier Restaurants, diverse Boots -und Segelausrüster, wo fast alle Männer täglich für mindestens eine Stunde mal kurz rein müssen. Und für die Segel-Frauen, Bekleidung und andere wichtige Dinge für die Bootsinnenausstattung.

Leider ist der Wind zu stark, 5-6 Beaufort, daher wollen wir mit Friederike nicht rausfahren. So verbringen wir die Woche gemütlich mit dem empfohlenen Tapas Abend, kochen an Bord, besuchen die GENTOO und klönen bis in die Nacht hinein. Wir verabschieden die ARC+, was schon mal einen kleinen Vorgeschmack gibt und ein beeindruckendes Ereignis ist. Ca 100 Boote versammeln sich vor dem Hafen und fahren fast gemeinsam los, so wie wir auch 14 Tage später. Halb Las Palmas ist auf den Beinen und säumt mit uns die Küstenstraße.

Für eine Woche mieten wir uns ein Auto und dank Reinis Reiseführer machen wir wenigstens eine kleine Wandertour damit wir mal rauskommen. Wir suchen uns einen herrlichen Wanderweg raus mit wunderbarer Aussicht. Anfangs begleitet uns noch ein Kater, der meist Micha immer um die Beine streift und gar nicht von ihm lassen kann. Je höher wir kommen umso kälter wird es und die Sicht wird immer schlechter. Sogar dem Kater wird es jetzt zu ungemütlich und er dreht um. Schließlich wandern wir schon in den Wolken, die heute sehr tief hängen. Dazu ein eisiger Wind mit heftigen Böen, so dass wir alles anziehen was wir mitgenommen haben und teilweise sogar frieren. Also ein voller Erfolg. 😊 Wir amüsieren uns aber köstlich über unsere Naivität mit der wir los sind und blättern immer wieder im Reiseführer, um die geniale „Aussicht“ zu ergänzen. Unsere Canaria-Deutschen schütteln nur lachend den Kopf, als wir es ihnen abends erzählen. Im Süden der Insel hätten wir wohl bestes Wetter gehabt. Leider geht auch mal die schönste Woche zu Ende und für uns beginnt mit Friederickes Abreise der Ernst der ARC- Formalia.

Dienstag, 12.November          ARC – Atlantik Rally for Cruisers

Nach der Anmeldung bekommen wir ein Programm, was bis zur Abfahrt täglich mit Seminaren, Sicherheitschecks, täglichen Sundownern und weiteren Terminen sowie Willkommens- und Abschiedsparty gespickt ist. Die Seminare und die offizielle Kommunikation sind in Englisch. Alles dient einem gut durchdachten Zweck, wir lernen sehr schnell viele Leute kennen, vor allem auch Paare, die so wie wir zu zweit unterwegs sind. Es gibt extra ein Seminar für die DoppelhandSegler mit anschließendem gemeinsamem Mittagessen zum Austauschen. Es ist alles super gut durchorganisiert und spätestens jetzt haben wir kaum noch freie Zeit. Nebenbei gehen auch die Vorbereitungen am und im Boot los. Während mich eher die Versorgung und das Wasser- bzw. Platzmanagement vereinnahmen, hat Micha doch noch einiges am Boot zu basteln. Natürlich mehr als anfangs vermutet, sodass die letzte Dichtung am Samstagabend vor Abfahrt verbaut wird. Für mich wieder eine persönliche Herausforderung damit klar zu kommen, vor der sowieso anstehenden großen Herausforderung, Unsere verschiedenen Ansichten darüber bleiben auch nicht ganz konfliktfrei. Der Sicherheitscheck geht fast ohne große Nachrüstung durch, nur noch drei Mal kurz zum Bootsausrüster und alles ist nach Vorschrift. Wir wollen außerdem noch so einiges wie einen Wasserfilter anbauen, Gasflasche auffüllen; obwohl noch halb voll, usw. Das heißt doch noch einmal in den Baumarkt für mal wieder 120 €.  Man glaubt es kaum aber es ist ziemlicher Stress. 😉

Dennoch schaffen wir noch zwei kleinere Wanderungen, diesmal bei bestem Wetter, nicht ohne davor bzw. danach noch schnell irgendwo zum Großeinkauf oder Baumarkt ranzufahren. Beim Warten auf die Gasflasche, lernen wir Martin und Gerli aus Estland kennen. Sie leben immer für ein halbes Jahr hier im Süden von GC im Wohnmobil. Er schreibt als Redakteur für die estnischen Nachrichten und sie begleitet in einer deutschen Kirchengemeinde mit dem Klavier.  Den Sommer verbringen sie zu Hause in Estland. Glücklicherweise sprechen beide sehr gut Deutsch, sodass wir uns sehr angeregt unterhalten können.  Da sie so wie wir auch noch zum Baumarkt müssen, verabreden wir uns noch gemeinsam zum Essen danach. Wenn die Zeit nicht so knapp wäre, hätten wir noch Stunden zusammensitzen können. Bei der nächsten Ostseeumrundung versprechen wir nach Estland zu kommen, oder sie mal nach Berlin.

Langsam füllen sich die Stege mit weiteren ARC Booten und der Hafen ist wie ein Dorf, man kommt an fast niemanden mehr vorbei ohne einen kurzen Austausch. Unsere Aufnahmefähigkeit für neue Leute kommt langsam an seine Grenzen. Am Sonntag den 17. November ist dann offizielle Eröffnungsfeier mit Umzug und Landesfahnen.  Von allen Nationen werden die Fahnen aufgestellt und jeder läuft unter seiner Nation mit. Spätestens jetzt kennst du die letzten Deutschen. Eine sehr beeindruckende Feierstunde mit über 35 Nationen.

Merkwürdig mutet hier die Weihnachtsvorbereitung in den Straßen aber auch im Hafen an. Es sind ja immer noch ca. 22 Grad am Tag. Während wir uns wie in einem nicht enden wollenden Sommer fühlen, erinnern uns spätestens jetzt die Geschäfte daran, dass es ja schon Mitte November ist und Weihnachten nicht mehr weit. Die Canaris kaufen wie wir Deutschen fleißig Weihnachtsschmuck und tragen Elche in festlichen Tüten durch die Sonne. Bei uns wird sich diese Stimmung dieses Jahr nicht wirklich einstellen. Wir haben ja jetzt auch anderes zu tun. Mittlerweile habe ich Gulasch, Kohl und Tomatensuppe eingekocht. Langsam weiß ich auch nicht mehr wo das alles noch hin soll. Micha bastelt immer noch am Boot und an digitaler Kommunikation. Rigg-Check steht auch noch einmal ganz oben und wir lassen es noch einmal von den Profis durchsehen. Immerhin haben wir es beide noch geschafft zum Friseur zu gehen. Ich bin ganz zufrieden, bei ihm haben sie wieder den Bart vergessen. 😉

Heute, drei Tage bevor es losgeht, gehe ich noch einmal in die Stadt zum Wäschewaschen. Leider sieht das Boot immer noch furchtbar aus, ich kann noch nichts räumen, bzw. sauber machen. so beziehe ich wenigstens schon mal die Betten neu und mache den Kühlschrank sauber. Morgen kommt die Obst- und Gemüselieferung, die ich mit Danny in einem kleinen Gemüseladen aufgegeben habe. Der Händler ist alles mit uns durchgegangen und hat uns beraten was sich wie lange hält und wie wir es lagern müssen. Wir hoffen, dass alles sehr frisch ist und nicht aus der Kühlung kommt, wodurch es sich länger halten sollte. Die Liste ist ziemlich lang und ich befürchte eine kleine Überraschung. Am Samstag gibt es dann noch einmal den finalen Einkauf im Supermarkt mit Wasser und Lebensmitteln die sich nicht so lange halten und in den Kühlschrank müssen.

Freitag gibt es eine wunderbare Abschiedsparty unter freiem Himmel von der ARC organisiert. Letzte Gespräche bei Häppchen, Bier und Wein, sowie letzter Crewveränderungen. Es gibt sehr viele Anfragen, für eine Mitfahrgelegenheit zum AtlantikCrossing. Überall hängen nett geschriebene Bewerbungen mit und ohne Erfahrung, mit und ohne Geld, Nachtwachentauglichkeit, oder Kochkenntnisse. Ich wäre ja nicht ganz abgeneigt, aber Micha ist da eisern, drei Wochen hält er es höchstens mit mir aus. 😉

Heute Samstag, ist Skipper Briefing, für alles Mögliche; Route und voraussichtliche Wetterentwicklung der ersten Tage, Start- und Zieleinlauf, hier und für Sant Lucia, Verhaltensregeln während der Regatta, wie man Squalls erkennt und umgeht. Mülltrennung u.v.m. Das Meiste hatten wir aber alles schon in den Seminaren.

Den Nachmittag nutzen wir um etwas den Kopf frei zu bekommen und gehen tasächlich noch ins Aquarium, Michas Wunsch seit wir hier angekommen sind. Die Rumfabrik musste leider ausfallen.

Für die Regatta bekommt jedes Boot ein Ranking, also ein plus oder minus Zeitfaktor. Es ist eine Mischung aus Erfahrungswerten und geht nach Bootstyp, Alter und Größe sowie Beseglung und evtl. Besatzung ob zwei oder mehr. So bekommen alle mit ihren unterschiedlichen Booten die gleichen Chancen. Wir werden mal eben von den ca. 200 Booten, als das Zweitlangsamste eingestuft. Überhaupt sind wir hier unter den 15 kleinsten Booten. Das hat Micha aber gut verkraftet, auf DAPHNE lässt er nichts kommen. 😉 Theoretisch können wir mit unserem Faktor also auch erster werden. 😊

Sonntag ist dann nochmal richtiges Duschen angesagt, Wasser bis zum Überlaufen bunkern und alles was Müll ist wie Verpackung usw. möglichst von Bord bringen. Was jetzt nicht erledigt wurde oder nicht da ist, muss warten. Unsere Stegnachbarn sowie die CanariaDeutschen verabschieden sich alle herzlichst von uns und untereinander. Wir gehen auch noch einmal zur GENTOO und drücken uns.

Jetzt heißt es ca. 2800 Seemeilen auf ungefähr 25 Quadratmeter für drei Wochen zu Zweit.

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Abschnitt 08:         Portugal

Sonntag, 22. September       – Viana do Castelo –

Heute haben wir Portugal erreicht, nicht wie und wo wir es uns vorgestellt hatten, aber das ist ja nichts Neues bei uns. Nachdem wir gestern Morgen ´mal wieder um vier Uhr aufgestanden sind, um möglichst halben – und damit günstigen – Wind zu erwischen, hatte der es sich anders überlegt und kam weiterhin direkt von vorn. Also völlig umsonst früh aufgestanden. So blieb uns nichts anderes übrig als fast 30 sm. zu motoren. Das hatten wir so noch nie – außer im NOK, da ging es ja nicht anders. Michas Laune hing ganz tief und meine hielt sich auch in Grenzen. Drei Stunden davon im Dunkeln und dann war auch noch ziemliche Atlantikdünung; Segeln ist anders. ☹ 

Dafür landen wir dann aber schon um 13:30 Uhr in einer kleinen Stadt in Portugal an; Viana do Castelo, so hübsch wie selten eine bisher. Wenn schon der Wind nicht, so meint es aber das sonstige Wetter gut mit uns, und die Hafengebühren waren mal wieder seit langem unter 30€, so dass unser Unmut schnell verflog und unsere Laune langsam wieder in Form brachte. Viana do Castelo ist wirklich so allerliebst, es liegt geschützt am Rio Lima, vor einer beeindruckenden Brücke, die von Gustaaf Eifel erbaut wurde.  Es hat unzählige kleine Kirchen und Kapellen sowie ein Netz aus verwinkelte Gassen mit vielen Tavernen. Besonders auffallend sind die zahlreichen Eisenwaren/ Haushaltsgeschäfte, wo man alles Erdenkliche bekommt, ein Sortiment wie im Baumarkt nur auf einem Bruchteil der Quadratmeter. Ebenso, wie auch schon in Frankreich und Spanien, sieht man hier viel weniger von diesen Ketten wie Starbucks, H&M & Co.…größere Lebensmittelanbieter setzen erfreulicherweise viel auf einheimische, regionale Produkte, was manchmal schwerer zu enträtseln ist aber auch ein Gefühl von Urlaub gibt. Also ein echter Geheimtipp 😊 und ohne den üblichen Touristenandrang, wie sonst in den meisten schönen Orten.

Hier kann man es aushalten. Allerdings soll ja morgen Stephan in Lissabon ankommen und einige Tage mitsegeln. Das sind ca. noch 200sm, also 4 Tagesreisen. Deshalb frage ich bei Micha noch einmal vorsichtig nach, wie wir es nun mit ihm machen und ob sie sich schon verständigt haben wegen unserer Verspätung? „Nö“ (warum auch, ist ja noch Zeit) „Na ich kann ihm ja mal schreiben.“ (Gute Idee!)  „Ach stell dir vor, er kommt erst Freitag“ (Kommunikation! Es gibt Gründe, warum man es sogar studieren kann) 😉 soweit so gut, wir haben wieder Zeit um in Richtung Lissabon voran zu kommen.

Inzwischen sind schon wieder vier Tage vergangen. Es ist zwar ein Ort wo man es aushalten kann aber irgendwie haben wir ja doch vor die Welt zu umsegeln. Jeden Tag besprechen Marc und Micha das Wetter aufs Neue, aber es hilft nicht wirklich. Leider kommt da nichts Vernünftiges bei raus. Immer nur; okay wir bleiben noch eine Nacht. Übermorgen soll dann aber wirklich der richtige Wind kommen. Egal welche Wetter-App wir bemühen, wir finden einfach keine, mit der wir so, wie wir es uns vorgestellt haben nach Lissabon segeln können. Trotz der Tage die wir nun auf einmal dazu gewonnen hatten, kommen wir nicht rechtzeitig an. Da sieht man mal, dass es noch schlimmere Situationen als den Berliner ÖPNV gibt, nämlich wenn man sich auf die Natur einstellen muss. Da ist so eine Zugverspätung von 10 min nichts. So haben wir schon eine Woche in Littlehampton, Cherbourg und Baiona abgewartet. 😉

Ist eine gute Übung im „Hier und Jetzt“ zu bleiben, auch wenn man innerlich vor Ungeduld fast platzt. Jedenfalls sieht es so aus, dass Stephan von Lissabon irgendwie nach Porto kommen muss. Die Züge sind ausgebucht, er kommt mit dem Flixbus. Glücklicherweise gehört er auch zu den Unkomplizierten und wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, das wir nicht „pünktlich“ sind. Das Orakel: „Micha & Marc“, ist sich sicher, morgen gibt es den perfekten Wind zum Weiterfahren.  😊

Freitag, 27. September           – Porto –

Jetzt machen wir, egal was das Wetter sagt los, sonst schaffen wir es nicht mal nach Porto. Diesmal aber gemütlich, nach dem Aufstehen. Der Hafen Leixos, vor Porto ist auch nicht so ganz einladend zum längeren Verweilen. Es ist ein riesiger Verladehafen wo fast die ganze Nacht Fracht gelöscht wird und es stinkt ziemlich nach Fisch. Eine einzige Damentoilette für den ganzen Hafen und zwei Duschen. Die Herren haben immerhin zwei Klos. Aber ich will nicht meckern, wenigstens gibt es was zum Duschen. Wir werden uns wahrscheinlich noch auf ganz andere Situationen einstellen müssen. Das gehört eben auch dazu, aber hier ist noch Europa.

Natürlich haben wir heute den Tag genutzt um uns Porto anzusehen. Es ist einfach überwältigend, wunderschön. Da waren wir gar nicht drauf eingestellt. Mir gefällt einfach dieser marode Charme so sehr viel mehr, als wenn alles schon so geleckt, gentrifiziert ist. Warum sehen Gebäude die 2-3 hundert Jahre auf dem Buckel haben ohne Sanierung noch so schön und interessant aus, auch wenn der Putz abbröckelt, während Gebäude aus den 70er schon manchmal furchtbar anmuten. Sind sie in 200 Jahren auch wieder interessant? Abwarten😉

Gegen 23 Uhr kommt dann endlich Stephan nach 12 Stunden Fahrt bei uns am Steg an und ist bester Laune. Laut Vorhersage soll morgen für die nächsten Tage der letzte vernünftige Wind Richtung Süden sein, so dass wir beschließen für den Fall, dass es stimmt schon mal relativ früh bereit zu sein – also um 7 Uhr los.

Ganz im Dunkeln wollen wir lieber nicht mehr, da hier in Portugal, die ganze Küste voller Fischreusen ausgelegt ist. Da stehen immer kleine Fähnchen im Wasser, die weiter unten dran ihre Netze haben. Da das kleine Trauma mit dem Geisternetz in der Biskaya noch etwas nachwirkt, wollen wir nichts riskieren. Und ich mag es auch gar nicht so im Dunkeln zu fahren. Dafür ist extremer Nebel, man kann nur ca. 100 Meter sehen. Als wir aus dem Hafen rausfahren sehen wir auf dem AIS einen riesigen Pott nicht weit weg von uns, der wahrscheinlich rein will. Angestrengt schauen wir in den Nebel und auf einmal sagt Stephan; da ist er. Nicht weit weg von uns taucht er auf, riesig und plötzlich. Wir denken; na lassen wir ihn lieber erst vorbei und drehen etwas ab. Er scheint ähnliches vorzuhaben und dreht auf einmal auch wieder in unsere Richtung.

Eine furchtbare Situation und als ob es noch nicht reicht, gib er einen lauten langen Warnton von sich. Am Ende sortieren wir uns richtig auseinander und fahren dann noch weitere 3 Stunden in relativ dichten Nebel und Wind von vorn, das kennen wir ja schon.  Schließlich hat der Wind doch Erbarmen mit uns und kommt von achtern (hinten), so dass wir wieder den Spibaum rausholen müssen, wie auf der Biskaya. Das ist ja an sich schon immer eine Aktion aber diesmal liegt vorn noch unser Dinghi im Weg. Zum Glück ist Stephan dabei und ich kann mich etwas raushalten. Und wieder begleiten uns unsere Freunde, die Delfine. Sie scheinen wieder ihren Spaß mit uns zu haben und kommen des Öfteren für eine Weile vorbei. Um 23 Uhr landen wir dann nach beachtlichen 75 sm in Figuera da Foz im sicheren Hafen. Abgekürzt auf den Booten zu lesen mit Fig Foz wobei das „z“ als „s“ gesprochen wird. 😉

Samstag, 29. September            – Figuera da Foz –

Ein Hafentag mit dem üblichen Prozedere sowie anschließender Bummel durch die kleine Stadt bis zum Strand. Der ist gewaltig breit und hat eine mächtige Brandung, obwohl das Meer sehr ruhig daliegt, steigen die Wellen scheinbar aus dem Nichts zwei bis drei Meter hoch bevor sie auslaufen. Wir machen es wie die Kinder, laufen ein Stück auf sie zu und rennen wieder zurück. Ein schönes Spiel bis mich eine erwischt und für mich der Spaß vorbei ist. Meine Hose ist so nass, dass wir im Anschluss doch nicht mehr einkaufen gehen können.

Wettervorhersage und Wind sind wieder so genau wie immer, obwohl jetzt noch ein Dritter mit orakelt. Jedenfalls fällt die Entscheidung, doch noch einen Tag länger zu bleiben, weil dann mindestens zwei Tage guter Wind sein soll und wir dann zügig vorankommen könnten. Auch ist morgen Montag, und ich kann das nächste „Päckchenproblem“ was sich mittlerweile entwickelt hat, direkt beim hiesigen Postamt versuchen zu klären.

Ich habe nämlich einen Joghurt Maker der ohne Strom funktioniert inklusive Kulturen bestellt und noch das Eine oder Andere was fehlte und nach Lissabon verschicken lassen.

Die Sendungshinweise waren bis Portugal hervorragend dann verlaufen sie sich irgendwo im Sande. Meine Recherche bei DHL ergibt wenig Erfreuliches, nur, dass sie außerhalb von Deutschland nicht mehr zuständig sind und verweist mich an die ctt.pt (portugiesische Post). Auch dort verliert sich die Sendungsnummer im Nirgendwo. Eine Hotline ist ja schon auf Deutsch kaum auszuhalten, das aber alles noch in Englisch, zwischen 1 -5 das richtige Produkt auszuwählen und so weiter. Schlimm!

Ich gerate dann aber in einer Filiale an eine sehr kompetente Postbeamtin, unser Englisch ist auf ähnlich mäßigem Stand, so dass wir uns bestens verstehen. In 5 Minuten weiß ich, dass mein Packet auf einem Postamt vor Lissabon deponiert liegt und ich noch drei Tage zum Abholen habe. Nach kurzzeitiger Erleichterung rechne ich nach und weiß das wir noch drei Tage brauchen, um dorthin zu gelangen. Das könnte ganz knapp klappen aber wir müssten dann auch noch vor 18 Uhr eben auf diesem Postamt sein. Wir starten also Dienstag wieder sehr früh und schaffen nur mit sehr viel Anstrengung, das heißt, immer wieder Segeln und abwechselnd Motoren den Sprung nach Nazaré.

Hier gibt es die weltweit höchsten Wellen. Jedes Jahr im November treffen sich Surfer aus der ganzen Welt, um die teilweise über 20 Meter hohe Brandung zu reiten. Diese entstehen dadurch, dass ein tiefer Canyon von ca. 4000 Meter bis fast in die Bucht rein reicht und sie sich dann dort brechen. Als wir einlaufen ist aber alles glücklicherweise sehr ruhig, man kann sich ein solches Szenario momentan gar nicht vorstellen.

Wir haben noch zwei Segeltage bis Lissabon aber da der Wind seit langem mal wieder richtig weht beschließen wir am nächsten Tag bis in die Nacht rein zu fahren, evtl. ja bis zum ersehnten Hafen. Es gibt noch eine Ankerbucht die man zur Not noch aufsuchen kann. Mit Stephan ist es sehr angenehm, die Verantwortung verteilt sich besser. Micha muss nicht immer mitdenken und kann mehr relaxen unterwegs. Ich halte mich gleich mal ganz raus. 😊 Weil der Wind einschläft, entscheiden die beiden Männer nachts nicht mehr unnötig zu motoren, wegen der Reusen ja nicht ganz ungefährlich wie wir wissen. Eine Fischfarm muss dann noch umrundet werden, bei der auf einmal eine riesige unbeleuchtete Tonne auf der Ecke auftaucht. Es wird die Ankerbucht in Cascais, einem sehr niedlichen Ort schon in der Nähe von Lissabon. Die Nacht ist sehr unruhig mit ziemlichem Schwell, den man nur in der stabilen Seitenlage gerecht wird. Stephan zieht sogar in den Salon um, damit er nicht hin und her rollt.

Donnerstag, 03. Oktober          – Lissabon – Hafen Oeiras –

Das Wichtigste ist, wir haben es geschafft, es ist Donnerstag und wir tuckern nur noch ca. 6 sm. bis zu unserem Hafen vor Lissabon und mein Päckchen wartet noch bis heute Abend 18 Uhr auf mich, um abgeholt zu werden. 😊 Das ist auch das erste was ich mache, die Post aufsuchen. Stephan begleitet mich netterweise und das ist auch gut so, es wiegt nämlich 7,3 kg und ist tatsächlich noch da. Ich packe die Schätze aus und freue mich wie eine Schneekönigin. 

Nun folgen zwei sehr schöne aber auch anstrengende Tage in Lissabon. Wir sind scheinbar so viele Menschen auf einmal nicht mehr gewöhnt und brauchen eine Zeit um uns wieder an volle Bushaltestellen und laute enge Straßen zu gewöhnen. Lissabon ist wunderschön ohne Frage, leider sehen das 1 Mio. Touristen, von denen wir natürlich auch zwei sind genauso. Mit jeder Reise macht man selbst ein Stück davon kaputt was man eigentlich sucht. Die kleinen unscheinbaren Städtchen unterwegs, in die wir zufällig geraten sind uns mittlerweile völlig genug. Dort findet man meist alles in Miniaturausführung und eben etwas besinnlicher.

Durch „Lorenzo“ haben sich ordentliche Wellen bis nach Lissabon geschoben und sorgen nun für atemberaubende Brecher mit einer sehr beeindruckenden Brandung. Es gibt einige kleine Strände die fast überspült sind und in denen man dieses Naturschauspiel von oben gut beobachten kann. Auch für die Einheimischen ist es etwas Besonderes, sie stehen auch alle da, staunen und filmen. Wie aus dem Nichts steigen hier 3 -5 Meter hohe Wellen auf. Überall sieht man Surfer, die sich an ihnen versuchen.

Sonntag, 05.  Oktober        – Sines-

Wir haben einen etwas längeren Ritt vor uns bis Sines. In Portugal sind nicht mehr so viele Buchten und Häfen wie noch in Galizien. Dort konnte man auf jeden Fall immer Ankern. Hier ist es etwas schwieriger. Häfen gibt es meistens nur wenn ein Rio in den Atlantik mündet. Manchmal kommt man auch dort nicht rein, wenn die See zu stark ist. Es funktioniert über ein Ampelsystem, wobei wir immer Glück, sprich Grün hatten. Wenn man nicht reinkommt, bleibt einem nichts anderes übrig als weiter zu segeln, eben auch in die Nacht hinein. Glücklicherweise traf das für uns nie zu.

Wir landen gegen Abend, früher als erwartet, weil der Wind langsam wieder kommt in Sines und ankern erst einmal in der Bucht vor dem Hafen. Das ist praktisch, weil man dann am nächsten Morgen in Ruhe und bei Licht reinfahren kann und die Nacht keine Hafengebühr kostet. Sines liegt auf einer Anhöhe, die man erst einmal erklimmen muss bevor man in die Stadt kommt.

Heute ist der Tag wo Stephan von Bord geht. Wir frühstücken noch einmal gemütlich zusammen, dann holt er seinen Mietwagen. Einerseits war es schön mal wieder zu dritt unterwegs gewesen zu sein, andererseits freuen wir uns auch wieder auf unsere Zweisamkeit. Es geht für ihn noch mit Familie weiter an die Algarve. Vorher machen wir praktischerweise zusammen noch einen Großeinkauf mit seinem Wagen, wo wir mal nach Herzenslust einpacken können.

Montag, 9. Oktober           – Sagres –

Wir machen uns auf an die Algarve. Bis dorthin, ca. 65 sm. und es gibt keine Möglichkeit zu ankern oder einen Hafen anzulaufen. Also starten wir mal wieder recht früh, denn der Wind soll heute auch günstig sein für solch einen Ritt, 4 – 5 bft. sind vorhergesagt. An der südwestlichsten Spitze Portugals dann noch etwas mehr und in Böen sogar 7 bft. Das ist ordentlich und ich möchte daran noch nicht denken. Wir kommen super voran mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,5 kn. also schneller als erwartet und brauchen daher erfreulicherweise nur 10 anstatt 12 Stunden. Bis zum Kap ändert sich nicht viel beim Wind, bis wir rum sind. Dann aber schlagartig. Wir sind bis dahin bei achterlichen (von hinten) Wind mit Großsegel auf Backbordseite gefahren. Am Kap mussten wir, um rum zu kommen den Baum auf die andere Seite legen. Es gibt zwei Möglichkeiten ein Schiff durch den Wind zu drehen, Wende oder Halse (mit Bug bzw. Heck durch den Wind). Je stärker der Wind desto schwieriger das Manöver an sich. Vor allem die Halse, weil der Baum rüber muss und man ihn nicht einfach so rüber rauschen lassen kann. Also entscheiden wir uns für die Wende, die nicht so riskant, dafür umständlicher ist. Man muss einen dreiviertel Kreis fahren anstatt einen viertel. Dazu der kräftige Wind mit den vorhergesagten Böen von 6 -7 bft. Das sind dann die Momente, wo ich mich frage ob ich verrückt geworden bin diese Reise mit zu machen. Aber wir haben ja dann nur noch vier Seemeilen, also alles gleich vorbei 😊

Wir haben Sagres erreicht und liegen vor Anker, der Wind zottelt noch mächtig an uns aber wir liegen sicher. Die Nacht ist unruhig, durch die Atlantikdünung die leider genau rein geht und die nächste Nacht wird auch nicht besser. Egal, wir machen uns am nächsten Morgen auf und fahren nur ein paar Meilen weiter in einen Badebucht. Wir bekommen einen ersten Eindruck, warum die Algarve so beliebt ist. Hohe Steilküsten mit riesigen Felsvorsprüngen, wilden Klippen, zerklüfteten, bizarren Gesteinsformationen, ausgespülten Höhlen usw. So ist auch die Bucht in der wir ankern, einige Surfer am Strand die auf die perfekte Welle warten und sonst nicht viel mehr. Man merkt, ganz nach Michas Geschmack. Bremst er mich sonst häufig in meinen Aktivitäten, legt er heute eine erstaunliche Geschäftigkeit an den Tag. Kaum, dass wir diese traumhafte Bucht erreicht haben, in der ich jetzt erst mal gemütlich vor mich hin dümpeln würde, macht er gleich das Dinghi klar.

Also mit Minimal-Ausrüstung für Strand und Wasser rein und ab zu den Höhlen. Sie sind wirklich traumhaft aber schnell werden unsere doch etwas unterschiedlichen Interessen klar, während ich fasziniert alles von außen betrachte, will Micha gleich rein in die Höhlen, bzw. durch kleine Tore durch fahren usw. ich erinnere, dass wir das Dinghi in der Karibik auf jeden Fall brauchen und der Fall ist klar, wir schauen nur von außen. 😉 Danach geht es an den Strand, wir sind uns unsicher, ob wir durch die Brandung überhaupt anlanden können. Mit ein bisschen Geschick klappt es und alles bleibt trocken. Mit jeder Welle ziehen wir es noch etwas weiter an den Strand, weil es gerade Flut gibt. Es kommen immer so 3 -4 höhere Wellen dann wieder kleinere usw. dann machen wir uns auf einen kleinen Erkundungsgang. Dabei kommen wir hinter dem Strand an einem Parkplatz vorbei, auf dem Wohnmobile stehen und Musik zu hören ist. Alles deutsche Kennzeichen und lockere Typen sitzend, singend und rauchend davor. Außerdem fast so viele Hunde, dass ich schon gar keine Lust habe weiterzugehen. Aber man soll ja keine Angst zeigen, Micha ist eh schon weiter also sage ich zu den erst Besten „Hallo“ und wir kommen ins Gespräch. 

Die meisten sind schon länger in ihren Vans, Wohnmobilen oder Autos unterwegs und leben mal hier mal dort. Sie kommen aus Leipzig, Bayern und Berlin und schlagen sich so durch. Das Pärchen aus Bayern lebt in einem Van mit zwei großen weißen Hunden. Sie macht ein bisschen Schmuck sowie Hundehalsbänder und verkaufen kaltes Bier am Strand. Wenn das Geld ganz knapp wird fahren sie für einige Monate nach Deutschland oder in die Schweiz zum Arbeiten. Wir plaudern über die Freiheit an sich und überhaupt. Segelboote sind für sie ebenso ein Inbegriff von Freiheit. Auch wenn wir natürlich viel spießiger 😉. Sie zeigt mir ihren „Garten“ in Form von einem Blumenkasten mit Kräutern, ich erzähle von meiner Sprossenzucht usw. Ein Typ steigt mit zwei großen Wasserkanistern den Berg hinter uns hoch. „Der wohnt oben in einer Höhle“, erzählen sie uns. Die ist immer von irgendjemand bewohnt. Sie sieht ein bisschen so aus wie von Robinson Crusoe mit kleinem Balkon und Bast davor. Am Strand sehen wir dann auch einige Crusoes rumsitzen, mit Trommeln, Poi trainieren und allein Kundaliniyoga praktizieren.

Der Einstieg ins Dinghi funktioniert leider nicht so problemlos wie der Ausstieg. Wir schieben das Boot wieder ans Wasser und warten, dass es eine Welle erfasst und uns die Arbeit etwas abnimmt. Das tut es auch aber die nächste Welle kommt schon zu schnell ran und überschlägt sich ins Boot. Jetzt heißt es schnell reagieren und von der Brandung wegkommen. Wir springen rein und ich rette schnell noch den Fotoapparat aus dem Wasser.

In Sagres treffen wir noch einmal Stephan, diesmal mit Familie und gehen abends nett essen. Sie bringen uns noch wertvollen Proviant aus Deutschland mit. Unterwegs habe ich erst so das eine oder andere festgestellt, was ich schon längst hätte mal bunkern sollen. Z.B. Trockenhefe, Backpulver und Natron; alles Pfennigartikel aber im Moment für mich wie Goldstaub. Seine Jungs, 11 und 12 haben sich darum ganz lieb gekümmert. Backpulver und Natron war dann aber doch zu kompliziert, also gab es stattdessen noch einen ganzen Sack voll frischer Hefe – noch zwei Wochen haltbar. 😊😊

Am nächsten Tag stellt sich zufällig heraus, dass Annalena Baerbock mit ihrer Familie in Sagres ist. Sagres hat zwar nur ca. 3.000 Einwohner und ist bescheiden schön, aber hier scheint die Welt Urlaub zu machen. Das ist natürlich auch Anlass für ein kurzes Treffen. Ansonsten wollen wir heute weiter nach Lagos, mal wieder in einen Hafen, weil die Nächte hier trotz wenig Wind sehr unruhig sind und wir die letzte Nacht beide kaum geschlafen haben. Andauernd ging einer von uns auf die Suche nach einem neu entstandenen Geklapper. Gerade wenn man wieder im Bett liegt, entwickelt sich an andere Stelle irgendwo ein rhythmisches Geräusch. Schließlich treffen wir uns auf dem Deck und kichern einfach nur noch. Morgen geht es nach Lagos.

Samstag, 12. Oktober        – Lagos –

Lagos ist eher wieder etwas touristisch, wegen der wilde Steilküste mit Höhlen usw. natürlich sehr sehenswert ist. Die kleine Altstadt wimmelt nur so vor Menschen, man hört wieder sehr viel Deutsch, wahrscheinlich weil gerade Herbstferien sind. Wir genießen das südliche Flair, die warmen Tage und angenehm kühlen Nächte und sind immer noch nicht ganz entschieden wohin es nun weiter gehen wird, Marokko oder Madeira. Aber erst einmal richten wir uns hier schön ein für eine Woche ca. da hat man Zeit alles in Ruhe zu machen. Mittlerweile kommt die GENTOO auch aus Lissabon und wir sind wieder vereint. Aber nicht lange, sie wollen bis Gran Canaria durch, weil dort eine Spielfreundin auf Mathilda wartet.

Jetzt sind wir das letzte Mal auf dem Festland bevor es über den Atlantik geht, das heißt alles was wir bis jetzt vor uns hergeschoben haben, müsste weitestgehend erledigt werden. Die Möglichkeiten werden knapper und teurer. Ich beschäftige mich in den letzten Tagen vermehrt gedanklich mit Proviant, Aufbewahrung usw. Meine Idee war ja schon wesentlich früher mit dem Proviantieren haltbarer Sachen anzufangen.  Für Micha völlig überflüssig, daher musste ich bei jedem Einkauf schon immer etwas einschmuggeln. Jetzt habe ich ihn aber soweit, spätestens als er merkt, dass es hier keine Königsberger Klopse & Co. mehr in Konserven gibt, die er eigentlich für die Überfahrt haben wollte. Auf GC ist auch ungewiss, was man dort bekommt und wie teuer es ist. Eigentlich am Wichtigsten aber ist, dort darf man keine Verpackungen an Bord nehmen, bzw. muss alles abwaschen und Etiketten etc. abreißen, da man sich sonst evtl. Kakerlaken  ins Boot holen kann. Also alles wesentlich komplizierter als hier. Auch nerve ich schon länger endlich mal einen erweiterten Vorratsplatz zu bekommen. Jetzt habe ich einfach sein Werkzeug ausgeräumt und einen Schrank beschlagnahmt.

Mittlerweile habe ich mich in Sprossenzucht und Jogurt machen qualifiziert. Die Sprossen werden in einem Keimglas gezogen und sind nach ca. 2 Tagen fertig. Sie sollen uns auf dem Atlantik vor Skorbut und anderem bewahren. Der Jogurt wird mit H-Milch angesetzt und schmeckt hervorragend, muss selbst Micha eingestehen, der schon wieder skeptisch auf meine Experimente schaut. Es soll sogar mit Milch aus Milchpulver funktionieren. In Lagos finden wir sogar einen Aldi, der Sauerkraut und Backpulver hat. Aber nirgends gibt es wie in Deutschland fertige Dosengerichte. Dafür einen Baumarkt und einen guten Yachtausstatter.

Wir unternehmen unseren zweiten (echten) Urlaubstag 😉 und fahren an die wunderschöne Küste mal ran. Mit Dinghi machen wir genau das, was man uns vorher als Touristentouren verkaufen wollte selbständig. Endlich darf Micha in die Grotten fahren, weil sie wesentlich größer sind als die vor einige Tagen. Außerdem fährt ein Ausflugsboot nach dem anderen dort rein und wir machen es ihnen nach. Es ist so ein Verkehr, dass man teilweise warten muss bis die Höhle wieder frei ist. Trotzdem ist es wunderschön und beeindruckend. Und natürlich ein idealer Ort um die Drohne fliegen zu lassen.

Micha unternimmt den zweiten Versuch ein Päckchen nach Schweden zu schicken, es scheint diesmal zu klappen. Leider gibt es längst nicht so viele schöne Schlemmereien wie in Frankreich aber wir werden doch fündig. Damit es diesmal wirklich klappt, packt er vor den Augen der staatlichen Postbeamtin sein Päckchen und übergibt es ihr. Na wir werden sehen. 😉

Nun schiebt sich langsam die nächste Entscheidung in den Fokus; wohin starten wir als nächstes? Bei einem netten Abend auf der GENTOO sitzen wir noch mit drei weiteren „Seefahrern“ zusammen und diskutieren darüber was Sinn macht. Susanne, allein mit ihrem Boot unterwegs vom Ijsselmeer über die Biskaya und die beiden Brüder von der SISSI, die wir auch schon des Öfteren getroffen haben. Vor Susanne ziehe ich ja absolut den Hut, sie hat gerade ein Sabbatjahr und ist bisher allein gesegelt, inklusive Biskaya. Die GENTOO fährt durch nach Gran Canaria. Mathilda braucht endlich Menschen in ihrem Alter. Marokko ist etwas kompliziert, die Drohne darf nicht mit, nur ein Liter alkoholische Getränke pro Person, mäßige Windvorhersagen und kaum Häfen. Wir entscheiden uns also für Madeira.

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Abschnitt 07  – Biskaya – Galizien

Sonntag – Mittwoch 01./04. September – Überfahrt Biskaya –

Am Sonntag geht es dann wirklich los über die Biskaya, unsere bisher größte Herausforderung und der Abschnitt, der schon immer stellvertretend für meine Ängste beim Segeln stand – gleich nach dem Algura-Strom 😉  Jedenfalls bei dem, was ich alles schon über sie gehört und gelesen hatte. Bis dato habe ich es immer erfolgreich verdrängt, jetzt wird es ernst.

Trotz Landtagswahl in Brandenburg entscheiden wir uns auf die Live-Berichte zu verzichten und schon Sonntag zu starten, weil sich einfach ein gutes Wetterfenster abgezeichnet hatte. Laut Reiseberichten soll man die Biskaya bis Ende August und möglichst bei NW-Wind überqueren. Sie hat ihren Ruf weg, nicht ganz ohne zu sein, da sich in ihrer Bucht durch einen Tiefenunterschied von 4000 auf 200 Meter oft unangenehme See aufbaut. Dieses Wetterfenster haben wir nun vor uns und Ende August ist es ja auch schon. Dies war auch immer der Grund für unseren etwas rigiden Zeitplan. Wenn wir dann in La Coruna gelandet sind, soll alles ruhiger werden. 😉

Ich muss sagen, mir war schon etwas mulmig, jetzt drei Tage bzw. Nächte durchzufahren und abends nicht in einem Hafen oder einer Ankerbucht zu landen. Bisher sind wir nur mal eine Nacht durchgefahren und die übersteht man schon. Ich bin halt nicht so die Superschläferin, also überall und zu jeder Zeit, ganz im Gegensatz zu Micha, was dann wiederum gut ist.

Wir starteten um 9:00 Uhr bei bestem Wetter, Sonnenschein und Windstärke 3. Etwas beruhigend war auch, dass die GENTOO mit uns los machte. Zwar erst gegen 11 Uhr aber das macht nichts, weil man doch irgendwann einen unterschiedlichen Kurs fährt. Bis zum frühen Nachmittag lief es wunderbar mit einer super Geschwindigkeit von ca. 6 kn. Und schon zeigten sich die ersten Delfine. Sie flitzten neben uns, vor uns, zeigten mal kurz Flosse, tauchten wenn sie vorn waren wieder zurück zum Bootsende um uns dann wieder zu überholen. Sie kamen an diesem Tag noch öfter zu Besuch und brachten jedes Mal mehr von ihnen mit. Ich hatte mich auch langsam beruhigt und dachte, wenn das so weiter geht mit der Biskaya dann ist es ja nur halb so wild.

Weil wir langsam auf die 3000 Meter-Kante zufuhren, wurden die Wellen etwas unangenehmer. Die Folge war, dass die Genua (großes Vorsegel) durch die stärker werdenden Wellenbewegungen immer wieder einfiel. Das kann passieren, wenn man platt vorm Wind segelt, (also fast von hinten) es macht ziemlichen Lärm und ist nicht gerade materialschonend.  Wir holten den Spiebaum raus, und konnten dadurch die Genua ausbaumen, sprich er hielt sie offen auch wenn der Wind weg war. Das ist aber immer eine ziemliche Aktion und als abends der Wind etwas drehte beschlossen wir, die Segel so zu belassen und etwas vom Kurs wegzufahren, also weiter westwärts. Es ist manchmal besser ruhigere oder schnellere Fahrt zu machen, vor allem wenn es in die Nacht rein geht. Meine entspannte Haltung verblasste wieder etwas. Auch weil es langsam auf den Abend zu ging und mir das immer so angenehme Gefühl des „bald Ankommens“ fehlte. Wie dem auch sei; da musste ich nun durch und der Atlantik ist ja noch etwas größer als die Biskaya, aber wohl ruhiger, halt Passatwind, der uns dann fast immer gleich schiebt. Also nicht so viel an Segeln und Kurs verstellen. 😉

Ich hatte ein leckeres Chili für zwei Tage vorgekocht, so dass wir auch ein warmes Abendessen hatten. Der Salon wurde zur Schlafkoje umfunktioniert. Erstens war es besser zwischen Couch und Tisch etwas eingekeilt zu schlafen, so konnte man bei Seegang nicht hin und her rollen. Zweitens war näher an der Schiffsmitte die Schaukelei spürbar weniger. Und drittens war man näher an dem anderen dran, wenn mal was sein sollte. Ich habe mich jedenfalls besser gefühlt, wenn ich alleine oben saß, vor allem nachts und nur runter zu rufen brauchte. Es war vorgesehen, dass ich so früh wie möglich schlafen gehen sollte und Micha so lange wie möglich durchhält und mich dann weckt.

Brauchte er allerdings nicht, weil ich kein Auge zugetan habe und alle 1,5 Stunden fragte wie lange ich noch habe. Mein Unterbewusstsein hatte seinen eigenen Plan vom Schlafen und von den Dingen die da draußen ganz allein auf dem Meer so vor sich gehen. Ganz zu schweigen vom „Rollen und Stampfen“ des Bootes. Irgendwann fiel mir dann wohl doch mal kurz ein Auge zu und da begann gleich meine Wache. Es war stockdunkel, die einzigen Lichter waren dicke Dampfer in der Ferne, die man aber gut im Blick (AIS) haben sollte bis sie vorbei sind. Irgendwie habe ich meine erste Nachtwache hinter mich gebracht, natürlich auch mit einem genialen Sonnenaufgang. Micha kam hoch und wir nahmen erst mal ein kleines Müsli zu uns, das Wetter war wieder schön aber der Wind etwas schwach. Das Hoch über der Biskaya war mit seinem Auge/Zentrum genau über uns und bescherte uns wunderbares Wetter aber eben zu wenig Wind.

Um aus dem Gebiet rauszufahren, entschieden wir uns etwas zu motoren, damit wir in der nächsten Nacht richtig wieder im Wind sind und richtig Fahrt haben. Nach ca. einer Stunde gab es im Motor ein gewaltiges Poltern, Micha kuppelte geistesgegenwärtig aus und schaltete den Motor ab. Oh mein Gott was war das…..? Wir schauten nach hinten und sahen ein grünes Fischernetz hinter uns herziehend. Mit Bootshaken ging gar nichts, also hieß es, Micha anleinen und mit Schwimmbrille und Flossen ins Wasser steigen, um zu schauen was da los ist. Das Netz hatte sich komplett um die Schraube gewickelt, so dass sie nicht mehr zu sehen war. Er musste ca. 15-mal unter das Boot tauchen, um die Schraube frei zu schneiden. Ich versuchte von oben die Wellen vorherzusehen, damit er das Boot nicht an den Kopf bekommt. Ich merkte wie ihm langsam die Kräfte schwanden. Zu allem Pech verletzte er sich auch noch am Finger und blutete recht stark. Der 1.000€ Medizin Koffer musste zum ersten Mal ran und es fand sich auf die Schnelle kein einziges normales Pflaster, nur Mullbinden, Kanülen, Portzugänge u.v.m.

Nach ca. einer Stunde hatte er es dann Gott sei Dank geschafft und kam völlig unterkühlt und entkräftet raus. Nicht ohne noch das Netz mit an Bord zu nehmen. Er fing so an zu zittern und war zu nichts mehr in der Lage. Ich wusste nicht was ich zuerst machen sollte, Wunde erneut verbinden – es blutete schon wieder so stark, nasse Sachen ausziehen, trockenreiben, ihn irgendwie wieder in warme Sachen bekommen. Er ging sofort in die Koje aber auch mit drei Decken ließ das Zittern nicht wirklich nach. Ich flößte ihm noch den letzten heißen Tee ein und musste mich dann erst mal wieder etwas auf das Steuern konzentrieren; der Motor lief gottseidank wieder. Er schlief sofort ein und langsam wurde er auch wieder wärmer. Bei mir ging erst einmal das Kopfkino ab. Gerade hatte er eine Erkältung überstanden, was ist, wenn er einen Rückfall bekommt und zwei Tage flach liegt. Ich hatte schon genug Angst zu zweit über die Biskaya zu gehen, und nun sollte ich das evtl. allein schaffen?

Ich schrieb erst einmal Marc und Danny was bei uns los ist. Sie hatten auch ein kleines Malheur mitten in der Nacht. Ihnen ist das Spifall (Leine für ein großes Vorsegel) im Masttop gebrochen mit entsprechender Bergungsaktion im Dunkeln.

Ich muss zugeben, ich hatte leichte Panik in den zwei Stunden bis sich Micha endlich durch den Niedergang wieder langsam und warm nach oben schob. Er schien einigermaßen genesen zu sein und wollte gleich wieder loslegen, übernehmen, halt irgendetwas machen (Mann.) Ich verbot ihm sich von seinem Platz zu bewegen, flößte ihm Tee ein, verband nun richtig die Wunde, nachdem er Cockpit und Bett mit Blutflecken verziert hatte. Nach zwei Stunden schickte ich ihn vorausschauend wieder schlafen, damit wir die Nacht gut überstehen. In diesen Dingen bin ich eben mehr in meinem Element als allein durch die Biskaya. 😉 Dann konnten wir wieder die Segel setzen und uns langsam auf das nächtliche Segeln vorbereiten. Der Spibaum musste wieder ran, aber mittlerweile hatte ich Vertrauen, dass Micha stabil bleibt. Segelsetzen bekomme ich noch hin aber Spibaum alleine wäre für mich unmöglich gewesen.

Ich machte diesmal den ersten Teil der Nacht, weil schlafen bei mir ja nicht so richtig geht und schickte Micha wieder ins Bett. Glücklicherweise kann der auf Anweisung schlafen. Von 1 – 4 Uhr hat er dann übernommen, da war ich sowieso wieder wach. Der Wind und die See waren uns gnädig, alles lief wie am Schnürchen mit fast durchgängig 6 – 7 kn. Tagsüber ging es so weiter, wir näherten uns wieder der Tiefen-Kante und die See wurde etwas ruppiger, aber dafür machten wir mittlerweile zwischen 7 – 8, manchmal sogar kurz 9 kn. Die Stimmung war wieder super, Micha legte Musik auf und wir flogen nur so dahin, mit einem fast euphorischen Gefühl in den Abend, dass wir diese Nacht in La Coruna zur Ruhe kommen würden. Da machte es auch gar nichts, dass es anstatt 00:30 Uhr dann doch erst 02:00 wurde. Und als wir dann auch noch, die so vertrauten Plings und Plongs im Smartphone hörten und die guten, von vor drei Tagen abgesendeten Wünsche lesen konnten, war die gute Laune perfekt. Die fast drei Tage ohne die übliche Ablenkung durch das IPhone, waren schon gewöhnungsbedürftig. Es fehlt einem doch. 😉

Zur Vertiefung hier ein kurzer Clip mit einigen Eindrücken von der Überfahrt

Die Stimmung an Bord ist nicht zu unterschätzen. Erst einmal ist Sonne ganz wichtig. Sie sorgt dafür das alles freundlich aussieht, das Wasser türkisfarben oder dunkelgrün ist, je nachdem und Tageszeit. Sobald sie weg ist wird das Meer tief blau bis dunkelgrau und mutet nicht mehr so heiter an.  Auch hat sie Auswirkung auf das physische Wohlbefinden, wie die Seekrankheit usw. Wenn das Wetter ungünstig oder der Wind gar nicht zu irgendeiner Segelstellung passt, Micha dann noch flucht, weil mal wieder etwas nicht so gelingen will, braucht man viel Überwindung sich aufzumuntern. Einer muss dann anfangen mit z. B.: soweit ist es ja gar nicht mehr, die Hälfte ist ja bald geschafft, oder gut das es nicht regnet…und der andere muss dann unbedingt mitmachen, weitere positive Beispiele zu suchen, dann zieht man sich gegenseitig aus dem Blues raus. Meist ist ja dann das Wetter tatsächlich schon wieder besser. 😊

Mein persönliches Vorgehen gegen Seekrankheit ist übrigens; auf den Horizont oder Land schauen, Essen, Ablenken mit Gesprächen oder einer Aufgabe eben auf andere Sachen konzentrieren. Bis jetzt hatte ich immer Glück damit. Außer einmal mussten wir Superpepp nehmen am zweiten Tag nach unserer Abreise.

04./06. September    – La Coruna –

Nachdem wir nun so leidlich ausgeschlafen hatten, warten wir voller Spannung auf die GENTOO mit Marc, Danny und der kleinen Mathilda. Sie ist auch schon auf dem AIS zu sehen und läuft schließlich gegen 11 Uhr im Hafen ein. Bei ihnen hat ebenfalls alles insgesamt gut geklappt. Alle, auch die Kleine sind wohlauf und wir fallen uns vor Erleichterung erst einmal in die Arme. Sie haben ein 13m langes Stahlschiff 41 Fuß, was ca. 18 Tonnen schwer ist. Wir sind ja nur 11,75m also 39 Fuß und wiegen ca. 9 Tonnen. Unser Rumpf besteht aus GFK (Kunststoff). Jedes Material hat seine Vor- und Nachteile.

Endlich brennt die Sonne Spaniens mal auf uns nieder, so dass es fast schon wieder zu viel ist. Aber nicht lange, abends sind wir wieder mit unseren Fleecejacken unterwegs, die schon fast mit uns verwachsen sind. Unser Sommer; das waren die drei Tage Amsterdam, mit Nicki und 37 Grad. ☹

Aber erst mal sitzen wir noch ungeduscht mit einem Haufen Wäsche bei zwei jungen, hübschen Hafenmeisterinnen und lassen das Anmeldeprozedere über uns ergehen. Dann das Übliche: Boot- und Motorcheck, sauber machen, heruntergefallene Sache suchen und wieder einsortieren. Salon, Bad und Pantry wieder auf Vorderfrau bringen. Meist findet man noch in irgendwelchen Ecken, verschrumpelte Weintrauben oder Nüsse. Unsere Achterkabine hatten wir seit drei Tagen nicht mehr betreten, usw. Wir wurden zwar wieder sehr schnell müde, waren aber auch zu aufgekratzt um nochmal zu schlafen.

Also erst mal kurz in die Stadt gucken gehen und ein verdientes Eis auf der Bank genießen. Am allerwichtigsten aber ist das Päckchen mit den französischen Leckereien, was unbedingt weg möchte. Wir finden sofort eine Post und können es tatsächlich aufgeben. Na geht doch. 😉

Wir beschließen doch noch einen Tag länger zu bleiben als vorgesehen um alles mal in Ruhe zu machen und unsere Weltreise langsam zu entschleunigen. Abends feiern wir dann gemütlich mit Marc & Danny und stoßen mit einer Flasche Sekt auf die gelungene Überfahrt an. La Coruna ist wirklich sehenswert und hat auch ein beachtliches Nachtleben, so wie man es aus südlichen Ländern kennt.

Am nächsten Morgen sitzen wir gemütlich beim Frühstück und beobachten neben unseren Steg einige Hafenarbeiter beim Werkeln. Beim nächsten Hinschauen, sage ich zu Micha: „Schau mal jetzt arbeitet sogar einer im Wasser.“ Er dreht sich um, erkennt den Ernst der Lage und springt auf. Jetzt sehe auch ich, dass der Hafenarbeiter versucht ein Boot festzuhalten und der „Hafenarbeiter“ im Wasser der Skipper ist, der nicht mehr aus dem Hafenbecken kommt. Mittlerweile sind noch zwei weitere Helfer sowie Micha am Steg und ziehen Dieter aus Deutschland raus. Er meint, es muss beim Übersteigen passiert sein.

Er hatte wohl einen kleinen Blackout und konnte sich nicht erinnern, wie das passiert ist. Seine seine Dokumentenmappe und das iPad sind dabei ins Hafenbecken gefallen und er lässt einen Taucher danach suchen. Der wird allerdings auch nach fast zwei Stunden nicht fündig.  Nachdem sich Dieter schon damit abgefunden hatte, sich jetzt ohne Geld und Papiere auf einen längeren Aufenthalt hier einzustellen, um die wichtigsten Dokumente als Duplikate zu organisieren, findet er später alles auf dem Vorschiff seiner SIANDRA wieder. Schwein gehabt – bis auf die 180,– für den Taucher. 😉

07./13. Sep. – Ankerbuchten – Rias – Ria de Corme, Ria de Camarinas, Finisterre, Ria de Muros

Samstagmittag machen wir gemütlich los, ca. 30 sm bis in die Bucht nach Corme mit gutem Wind und gutem Schnitt. Ich versuche mich heute mal als „Skipperin of the day“. Die Erfahrung der Biskaya hat mir gezeigt, dass ich noch etwas mehr Praxis brauche und am besten lernt man ja beim Machen. Eben auch die Entscheidungen zu treffen, wann und wie die Segel hoch, wie stellen usw. Alles läuft gut, sogar mein Matrose ist zufrieden mit mir.

Wir ankern schließlich in der Bucht vor einem kleinen Ort, das Wetter ist schön, etwas Wind, und wir sind ganz entspannt. Bis Micha auf die Idee kommt, seine Drohne raus zu holen und mal wieder einen kleinen Erkundungsflug zu starten. Die GENTOO soll gleich um die Ecke kommen und das will er aufnehmen. Wir hatten beim Einfahren in die Bucht ziemliche Fallwinde die von den Bergen manchmal runterkommen, also immer mal wieder Böen von 6 Bft. Ich dachte noch bei mir: Erwähnte er nicht mal, dass es nicht zu windig sein darf? Na er weiß ja was er tut, meistens….

Die Drohne fliegt munter los. Hinzu geht alles gut, denn es geht mit dem Wind. Sie gibt für gewöhnlich rechtzeitig ein Signal ab, was heißt; jetzt bitte den Rückflug einleiten. Das macht sie heute auch, der Akku hat dann immer noch 30%, also mehr als ausreichend. Alles soweit noch in Ordnung, bis sie merkt; oh ich soll gegen 6 Windstärken zurück? Da wird sie unwillig und fängt an ein Dauersignal abzugeben, so dass sogar ich unruhig werde und von meinem Buch aufblicke. Ich verbiete mir zu fragen, was los ist, es würde jetzt alles nur noch schlimmer machen. Aber man hört sie förmlich drohen: Mein Akku ist gleich leer, ich möchte schnell landen, und sehe an Michas Gesicht und Haltung, es wird ernst!  Was kann man noch machen, sie schafft es nicht mehr zurück aufs Boot?… auf der Mole?… die ist etwas näher, ob das geht ist auch fraglich? Währenddessen, droht sie lautstark in einem fort und informiert uns schließlich sprachlich, dass sie landet…

Puhhh…. mit letzter Kraft ist zumindest die Kaimauer erreicht – allerdings liegen wir weit entfernt vor Anker. Und die Drohne mitten auf der Molen, mit Anglern und Autoverkehr. Okay erster Schreck vorbei aber die Rettungsaktion ist noch nicht beendet, was nun? Unser Dinghi liegt eingepackt unterm Salontisch. Es würde ca. eine halbe Stunde oder länger brauchen um es startklar zu machen. Nächster Impuls bei Micha ist Schwimmen, ca. 300 Meter. Bei mir gehen die Alarmglocken an; weit, kalt, wie zurück mit einer Hand, in der anderen ist ja die Drohne? Dann lieber wieder Anker hoch und versuchen dort anzulegen. In dem Moment kommt die GENTOO und Micha schildet Marc telefonisch sein Problem. Der Wind bläst immer noch sehr stark aber sie versuchen an der Kaimauer anzulegen. Das ist nicht ohne; schließlich schaffen sie es so leidlich. Die Kaimauer ist aber so hoch, so dass niemand aussteigen kann.  Geistesgegenwärtig fragt Danny einen Angler ob er nach einer Drohne suchen könnte. Wir beobachten von weitem das spannend-merkwürdige Schauspiel mit dem Fernglas und sehen wie sich jemand in Bewegung setzt, irgendwann bückt mit irgendwas in der Hand und zurück zum Boot rennt. Marc hat aber ziemliche Probleme sein schweres Schiff von der Mauer wieder wegzubekommen, weil ihn der Wind gegen drückt, dabei bekommt die GENTOO auch noch einen Kratzer. Welch eine heldenhafte Leistung und mein Gott haben wir wieder ein Schwein. 😊 Auf jeden Fall haben sie sich ein super Abendessen verdient. Das können wir aber erst in der nächsten Bucht ausgeben, weil unsere Dinghis zuvor fertig gemacht werden müssen.

Ria de Camarinas

Wir landen in der nächsten Bucht und bleiben dort zwei Nächte. Als wir einfahren, gib es wieder extreme Fallwinde, die auch noch anhalten, bis wir den Anker runtergelassen haben. Danach sitzen wir wieder hinter unserer Windschutzscheibe total windgeschützt. Er ruckelt und zerrt noch ein wenig an den Leinen aber es wird langsam ruhiger. Vorsorglich machen wir das Dinghi klar und lassen es schon mal ins Wasser, man weiß ja bei Micha nie. 😉 Nein, auch weil wir ja mit den Dreien zum Essen gehen bzw. fahren wollen.

Schön, einfach wach werden, keine Termine haben, nicht schon wieder losfahren oder was planen müssen, nur mal ‘n bisschen rumgammeln. Vom Boot kommt man ja nicht so einfach runter, außer wenn ich allein Lust auf Dinghi hätte. Habe ich aber nicht. Micha hat schon wieder Lust auf Drohne und erkundet die Landschaft um uns herum. Marc hängt oben in seinem Mast und wechselt eine Lampe aus. Das ist natürlich wieder eine perfekte Situation zum Drohne fliegen.

Die Landschaft um uns herum könnte auch irgendwo im Schwarzwald sein, sanfte Hügel mit Nadelbäumen.

Dann noch einmal ab mit dem Dinghi zum Einkaufen und ins Café, um den letzten Blog hoch zuladen mit Bildern usw. Damit sind wir dann schon immer eine Weile beschäftigt und brauchen möglichst WLAN.

Finistère

Unser nächstes Ziel heißt Finistère – Ende der Welt. So muss man es sich wohl vor langer Zeit vorgestellt haben, denn danach kommt erst einmal nichts, nur der weite Atlantik. Während uns unterwegs fast der Wind ausgegangen ist, zerren hier an uns wieder mächtige Fallwinde oder thermische Winde und erschweren uns das Ankermanöver. In einer moderaten Tiefe, hier von ca. 6 Meter werfen wir den Anker, dabei steht einer vorn am Bug und lässt ihn runter, das geht per Motor und der Andere fährt langsam rückwärts.  Das Boot richtet sich dann praktischerweise nach dem Wind aus, so dass alle Boote in einer Bucht zur gleichen Seite schwojen und nicht zusammenstoßen können. Die Länge der ausgebrachten Ankerkette richtet sich nach Wassertiefe, Untergrund und voraussichtlicher Windstärke. Um auch bei stärkeren Winden sicher zu liegen nehmen wir meist ca. 25 m plus Wassertiefe.

Wir landen wieder fast gemeinsam mit der GENTOO und verabreden uns an den Strand zu fahren, um was Essen zu gehen. Dieses Mal gibt es aber nur Strand zum Anlegen, was uns vor ein kleines Problem stellt. Wie und wo können wir die Boote festmachen? Wenn die Flut kommt treiben sie raus. Es gibt kein Stein kein gar nichts zum Festbinden, nur wunderschönen weißen Sand. Wir zerren sie also weiter rauf in den Strand, berechnen ungefähr wie lange wir Zeit haben, bevor das Wasser kommt. Gleich hinter der Düne gibt es ein kleines einfaches Restaurant und wir bestellen wieder verschiedene Gerichte.  Alles wird auf den Tisch gestellt und jeder nimmt sich, wonach ihm ist. Das haben wir jetzt schon mehrfach so praktiziert und geht mit der „Mathildafamilie“ ganz unkompliziert. Wie immer eigentlich, gibt es wieder, Pulpo (Tintenfisch), Calamares, Muscheln in verschiedensten Varianten, Pimentos Padre (kleine grüne Paprika scharf gebraten in Salz) und hausgemachten Pommes.

Muros

In die nächste Bucht geht es wieder mit extremen Fallwinden und 6Bft rein. Damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet, denn draußen mussten wir sogar kurz motoren weil der Wind total eingeschlafen war. Ich hatte mich innerlich heute schon mal auf Hafen eingestellt, wurde leichtsinnig und öffnete das Seeventil vom Abfluss im Bad. Das muss man beim Segeln unbedingt schließen, so wie in der Pantry auch, da das Wasser sonst in die, bei Schräglage unter dem Wasserspiegel liegenden Waschbecken reindrückt. Man läuft zwar nicht voll, hat aber Wasser im Boot – und je nach Schräglage läuft es auch aus den Becken raus. Das fiel mir dann erst ein als wir schon sehr auf der Seite stehen. Ich hangle mich noch einmal runter ins Bad und sehe, dass das ganze Waschbecken voll ist und noch etwas mehr, so dass Zahnbürsten, Klopapier etc. schon fröhlich in Salzwasser schwimmen. Die einzige Chance ist, Micha muss das Boot mehr in den Wind drehen, dabei wird es langsamer und richtet sich wieder auf.  Währenddessen hänge ich unterm Waschbecken und lass schnell das Wasser ab und schließe das Seeventil wieder.

Kurze Zeit später liegen wir im Hafen von Muros, mal wieder direkt neben der GENTOO. 😊 sofort kommt Klaus der deutsche Hafenmeister, hilft beim Anlegen und erklärt uns gleich die wichtigsten Dinge hier auf Deutsch. Wie angenehm.

Hafentag ist zwar immer wunderbar, heißt aber auch das ganze Programm muss absolviert werden. Das ist diesmal besinders umfangreich; Duschen, Müll, Boot reinigen, Wassertank, Einkaufen, Wäsche waschen und alle Dinge die so mit WLAN erledigt werden möchten. Davon gibt es noch eine ganze Menge, wie Bank, Dokumente checken, was wir alles wo noch einmal zur Sicherheit aufbewahren wollen……ich weiß dafür bekommen wir kein Mitleid von euch 😉

Ich hatte außerdem damit zu tun den Schrank unterm Waschbecken wieder trocken zu bekommen. In weiser Voraussicht hatte ich alles noch einmal in Plastiktüten verpackt, daher war nicht alles durchgeweicht. Das Problem beim Meerwasser ist, dass es beim Trocknen Salzkristalle hinterlässt, die dann wiederum Feuchtigkeit anziehen und nichts richtig trocken wird. So ist das auch mit den Klamotten. Wenn die nass werden dann trocknen sie im Grunde nicht mehr richtig. Das ist auch der Grund warum hier alles immer ein bisschen klamm ist.

Samstag, 14./21. September – Baiona –

Unsere letzte Station in Spanien heißt Baiona, und ist eine ganz nette Stadt mit allem was das Herz begehrt. Etwas Altstadt, alle möglichen Geschäfte, Restaurants und ganz wichtig diversen Eisdielen. Sie schlängelt sich um eine idyllische Bucht mit grünen Hügeln und kleinen Stränden. Wir ankern direkt neben dem Hafen, was auch super ist, da man dann überall schnell hinkommt und so die ganzen Annehmlichkeiten hat, fast wie im Hafen selbst. Es ist zwar etwas lauter als in den anderen Buchten dafür ein richtiger schöner Stadthafen. Ich brauche hin und wieder auch mal Zivilisation.

Mit uns liegen ca. 10 Segelyachten natürlich auch die GENTOO und viele kleine Fischerboote vor Anker. Außerdem ein Katamaran mit zwei Hunden und einem Herrchen drauf. Morgens beim Frühstück, genießen wir die Optik von Baiona und denken wie jetzt doch schon öfter; man haben wir es gut. 😊 Bis Micha fragt: Was ist das dort eigentlich, neben uns im Wasser? Keine 20 Meter von uns schaut ein kleiner Felskopf aus dem Wasser. Oh, der war doch gestern noch nicht da oder? Wir schauen auf unserer Karte nach und sehen keine Untiefen. Wir haben die Karte noch einmal auf dem Handy und siehe da, dort ist eine eingezeichnet, sogar zwei. Unser Ankermanöver hatten wir gestern genau da drüber abgehalten. Gottseidank war das Wasser da drei Meter höher. Meine Güte, was hatten wir wieder für ein Schwein. Das Boot neben uns lag fast drauf. Wir haben kurz über Funk Kontakt aufgenommen und sie haben sich dann weiter weg verlegt.

Heute muss ich euch gestehen: Der Stein von gestern, ist heute doch keiner. Wir sind vor dem Landgang mit dem Dinghi und GPS mal rangefahren und haben festgestellt, dass es sich nur um eine vermoderte Boje handelt, die aber an einer so kurzen Leine hängt, dass sie bei Niedrigwasser nicht zusehen ist und daher total mit Muscheln und Moos überwachsen ist. Die ganze Aufregung des Hafenbewohner war umsonst. Der eingetragene Fels ist aber tatsächlich unter dieser Boje aber tief genug, so dass Boote darüberfahren können.

Jetzt erst mal mit Dinghi an Land und in die Stadt. Kaum hatten wir festgemacht, klingelte uns Marc an; ihr Dinghi ist allein abgetrieben. Ob wir eben mal schnell hinterher könnten und es wieder einfangen. Klar doch, wir hatten ja sowieso noch etwas gut zu machen bei ihnen. Also fuhr Micha schnell wieder los und brachte den Ausreißer zurück. Die kleine Mathilda hatte sich daran zu schaffen gemacht. Sie wollten alle zum Strand und wahrscheinlich haben ihre Eltern zu sehr getrödelt, kann man ja verstehen. 😉

Es ist Sonntag und wir trullern dann so durch Baiona und lassen uns irgendwo nieder. Die ganze Stadt, hatte man das Gefühl war auf den Beinen und schaute überall Basketball. Spanien gegen Argentinien. Eine schöne Stimmung, so dass wir auch, wie die Spanier uns mittags schon mal einen kleinen Wein gegönnt haben. Also richtig Urlaub. In meinem Spanischsprachführer heißt es dazu; Es ist hier durchaus üblich, mittags schon mal ein Glas Wein zu genießen und gilt sogar als gesund.

Na dann, Saludos😉

Wir sind wieder im Sommer angekommen, während zuhause wie ich höre die Herbststürme anfangen. Ich schlafe schon seit zwei Nächten nicht mehr unter Bett- und Fleecedecke. Und Micha trägt nachts nicht mehr seine „langen Männer“. Es ist ein bisschen ein Wettlauf mit der Zeit, also schneller weiter südlich zukommen, bevor es hier auch wieder kühler wird. Das könnte wieder knapp werden, da die ganze nächste Woche kaum bis gar kein Wind angesagt ist. Gerade hatten wir angefangen uns zu entspannen, mit ruhigen 20/30 sm alle zwei Tage. Jetzt sieht es so aus, als würden wir hier länger bleiben müssen. Ja, es gibt schlimmere Dinge und Orte zum Aushalten. Und terminlich ist nicht mehr ganz so ein Druck.

Aber irgendwann dann doch wieder. Wir liegen jetzt hier über eine Woche, am Sonntag erst wird es weiter gehen. Eigentlich müssen wir bis zum 27. September spätestens in Lissabon sein, da kommt für eine Woche Stephan dazu. Mit ihm wollen wir dann bis runter zur Algarve segeln. Na mal schauen. Von dort geht es dann entweder weiter nach Marokko. Wie wir aber schon auf der Wetterkarte gesehen haben, ist vor der Küste Marokkos, generell wenig Wind. Denkt man gar nicht ist doch der Atlantik. Die zweite Überlegung ist, von Portugal nach Madeira zu segeln, ca. 600 sm am Stück. Das ist zwar dann wieder ein recht langer Schlag, würde aber zeittechnisch viel einsparen, weil man ja Tag und Nacht wieder unterwegs ist.

Es ist hier also auch ein gewisser Alltag eingetreten, anders als zu Hause aber auch Abläufe, die eingehalten werden wollen. Man könnte sagen, dass unsere Welt etwas kleiner geworden ist, nicht mehr so multi-tasking und -thinking wie zu Hause. Hier entscheidet eher der Wind über Ruhe oder Weiterfahrt usw. Am nervigsten sind die Bürosachen die man natürlich von hier nur sehr viel eingeschränkter lösen kann. Aber Verträge, Nachfragen etc. wollen einfach nicht einsehen, dass wir nicht mehr in Deutschland sind und unsere Ruhe haben wollen. Und Micha beschäftigt nach wie vor noch die Wahl und Regierungsbildung in Brandenburg. Da muss er natürlich auch noch die eine oder andere Mail schreiben und kann nicht richtig loslassen.

Heute habe ich freiwillig mal wieder eine Dinghifahrstunde genommen. Nachdem ich gestern zu langsam, zu große Kreise und zu schlechte Achten gefahren bin. Habe ich mich heute mal auf die rechte Seite gesetzt. Also mit der linken Hand den Steuerhebel bedient. Das ging oh Wunder, wesentlich einfacher, weil mein Winkel besser ist. Manchmal kann es so einfach sein. Bis zum Abend verbringen wir den Tag getrennt, ich in der Stadt, Micha erholt sich auf Daphne. Muss auch mal sein. 😉

Das Schöne an einer Ankerbucht ist, du kannst wirklich nicht soviel machen wie im Hafen. Für eine Nacht sind wir dann aber doch mal in den Hafen rein um wieder das ganze Prozedere mit Wasser, WLAN, richtig duschen etc. zu absolvieren. Ansonsten sind wir ja wirklich fast autark, Wir haben ein Solarpanel und einen Windgenerator, die beide mehr Strom einspeisen als wir im Moment verbrauchen können. Am meisten Strom verbraucht der Autopilot, der hält den Kurs, ohne dass man Ruder gehen muss – sehr wichtig und praktisch. Dann der Kühlschrank, als zweit wichtigster Hilfsmatrose an Bord, zieht natürlich auch viel Strom. Die Navigantionsgeräte sind meist auch Tag und Nacht an. Die Navigationslichter verbrauchen ja heutzutage mit den LEDs nicht mehr viel. Außerdem laden wir unsere Handys, das Laptop, div. Akkus von Fotoapparat, Drohne etc. Gekocht wird ja bei uns wie ihr wisst mit Gas, was wir bisher immer noch nicht aufgefüllt bekommen haben. Micha ist da noch sehr optimistisch, dass das mit unseren Flaschen klappt. Spätestens in Grand Canaria sollte es dann auch. Mit einer Gasflasche kommt man schon recht weit, diese hier hält schon ca. zwei Monate. Und wir haben ja noch eine fast volle dabei.

Wir erfahren, dass unser Päckchen nach ca. 10 Tagen immer noch nicht in Schweden angekommen ist. Beim Recherchieren mit der Trackingnummer stellen wir fest, dass ein Tag nachdem wir es in dem wunderschönen Postamt abgegeben hatten, es wieder dort gelandet ist, weil der Inhalt angeblich nicht den hiesigen Regularien entspricht. Unsere Inhaltsliste enthält aber nichts was auf der Verbotsliste der spanischen Post aufgeführt ist. Auch nach einigem netten Hin- und Herschreiben über Facebook, wo man es sehr bedauert, bringt keine Lösung. Wir dürften es wieder in der Post von La Coruna abholen – da werden sich nun vermutlich die Postbeamten die Leckereien gönnen. ☹

Nun nervt mich das vor Ankerliegen doch langsam. Jeden Tag einmal durch Baiona hoch und wieder runter. Irgendwann bekomme ich dann doch einen Hafen- bzw. Lagerkoller. Am Sonntag soll es nun endlich besser aussehen mit dem Wind. Wir planen jetzt also für Sonntag loszumachen.

Samstag ist dann noch einmal so richtig schlechtes Wetter; Regen und Wind mit Böen bis zu 30 kn, dass wir dann endgültig genug hatten. Es gab ja hier auch schon zwei Tage dichten Nebel, ist auf dem Boot dann auch nicht so kuschlig. Eigentlich wollte ich noch einmal mit dem Dinghi los und letzte Einkäufe tätigen aber bis zu Abend ist daran einfach nicht zu denken. Der Wind reißt sogar drei Boote los, unter anderem die GENTOO. Der Anker hält nicht und sie driften langsam schon auf andere zu, sodass sie sich mit Motorkraft aus dieser Lage befreien müssen, um weiter draußen noch einmal ihren Anker zu werfen. Der Katamaran mit den Hunden ist auch nicht mehr zu sehen. Er bekommt scheinbar seinen Anker gar nicht mehr fest und muss in den Hafen fahren.

Am Abend beruhigt sich dann wieder alles. Wir gehen noch einkaufen und bringen der GENTOO ein Brot vorbei. Weil sie sehr weit vom Ufer entfernt liegt möchten sie nicht mehr an Land

Morgen geht es endlich weiter. 😉 Auf nach Portugal

Zum Abschnitt 8

Abschnitt 06:         Kanalinseln – Brest

Dienstag 20. August 2019    – Cherbourg – Kanalinsel Sark-

Ca. 45 sm warteten heute auf uns, die wir aber recht spät angetreten sind. Grund dafür war wieder die Berechnung von Wind und Strömung sowie die passende Einfahrt zwei Stunden vor und zwei Stunden nach Hochwasser in den Hafen von Guernsey. Mit Alf und Suse hatten wir das am Vorabend ausführlich geplant.

14 Uhr ging es los und Dank der Strömung von hinten hatten wir heute eine Höchstgeschwindigkeit von 12 kn, was deutlich über unserer maximalen Bootsgeschwindigkeit liegt. Das war einfach gigantisch. Die Strecke heute sollte zwar dadurch sehr schnell zu schaffen sein aber man musste darauf achten, dort anzukommen bevor die Strömung dreht. Dann durfte man zwischen den Inseln nicht zu dicht ans Festland, weil sich dort eine ziemliche Welle aufbauen kann. Als wir um das Kap mit unserer Höchstgeschwindigkeit flogen, drückte uns die Strömung zwar noch weiter südlich aber auch immer dichter an die Küste und wir bekamen einen kleinen Vorgeschmack auf das, was in der Karte mit Gefahrenstelle gemeint ist. Die Wellen wurden höher, kamen aus verschiedenen Richtungen, zwischendurch gab es ganz glatte Stellen, die dann wieder in brodelndes Wasser wechselten. Also machten wir eine Wende und fuhren wieder seewärts hinaus, es dauerte nicht lange und wir hatten etwas ruhigere See und glitten weiter, vorbei an Alderney gen Guernsey. Nur noch 10 sm trennten uns vom Ziel, da merkten wir wie die Strömung uns plötzlich von unserem Kurs weg Richtung Festland schob. Dann eben doch nicht Guernsey sondern Kurs auf die Insel Sark. Eine kleinere Kanalinsel ohne richtigen Hafen nur mit Ankerbuchten. Da es schon 19:30 Uhr war (wieder englische Zeit) und es jetzt schon merklich früher dunkel wurde, entschieden wir uns keine Gewaltanstrengung mehr zu unternehmen und legten eine Stunde später in einer idyllischen Ankerbucht vor Sark an. Der Schwell (keine richtigen Wellen, sondern eher ein längeres Auf und Ab) war nicht ohne. Aber kochen ging noch und es war so ein traumhafter Abend auch wenn wir hier mit mindestens 15 anderen Booten vor Anker lagen.

Mittwoch 21. August – Ankerbucht Sark –

Morgens war es natürlich auch ein wunderschöner Anblick. Endlich angenehme Temperaturen und laues Wasser. So haben wir es uns eigentlich vorgestellt, dachten wir. Die nächste kleine Herausforderung unserer Reise stellte sich aber sogleich ein. Alles um uns herum machte sich bereit für den Landgang, also Dinghi (Schlauchboot) klar machen und rüber zum kleinen Strand. Unseres lag noch jungfräulich unterm Tisch im Salon, gut verpackt. Das hieß, erst einmal einen Haufen Arbeit bevor wir an weitere Unternehmungen denken können.

Micha war noch nicht ganz fit, so dass wir hin und her überlegten, ob wir uns das zumuten wollen oder ob wir gleich weiter nach Guernsey fahren sollten. Auch über die Einklarierung waren wir uns noch nicht ganz im Klaren.

Laut unserem weltweiten Törnführer, sind die Kanalinseln eine Gruppe von fünf Inseln und mehreren Kleineren. Sie waren von England und Frankreich schon immer hart umkämpft und obwohl sie so dicht vor Frankreich liegen, konnten es sie nie für sich gewinnen. Sie stehen zwar kulturell der Normandie näher als Großbritannien, sind aber als Kronbesitz der britischen Regierung unterstellt. Sie sind nicht Teil des Vereinigten Königreichs, haben ihre eigenen Parlamente und sind stolz auf ihre Unabhängigkeit. Also etwas komplizierte Verhältnisse und daher für uns noch nicht so durchschaubar, wie genau sie das mit der Einreise nehmen.

Wir entschieden uns hier zu bleiben und das Dinghi endlich aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Aufpumpen ging ja noch, es dann aber von Bord ins Wasser zu hieven war nicht ohne. Als nächstes musste noch der Motor ran, nochmal ca. 30 kg. Irgendwann saßen wir dann stolz in unserem neuen Dinghi und fuhren auch an Land, so wie alle anderen. 😉 Da stellte sich schon das nächste Problem ein. Alle hatte ihre Boote an den Strand gezogen; irgendwann kommt ja wieder die Flut. Nun hatten wir zwar ein komfortables und robustes Gefährt, aber es war so schwer, dass wir es nicht zu zweit mit Motor an Land bewegt bekamen. Also hieß es; den Motor wieder abbauen an einen Felsen lehnen und Dinghi so gut wie es geht aus dem Wasser ziehen. Wir beschlossen, im nächsten Hafen Dinghi-Räder zu besorgen. Eigentlich hatte das alles für den Tag schon gereicht an Anstrengung. 😊 Nun wartete aber eine fantastische Steilküste mit über 100 Höhenmeter hoch ins Village auf uns. Auch das schafften wir noch und es hat sich gelohnt. Der Ausblick, die Ruhe, der Geruch nach Erde und der Sommer der endlich da zu sein schien, ließ die Anstrengung verblassen. Michas Rekonvaleszenz zog sich trotz meiner Fürsorge zwar noch etwas hin, aber der befürchtete Rückfall blieb aus.

Donnerstag/Freitag 22./23. August – Guernsey –

Die kurze Überfahrt nach Guernsey, bei bestem Wetter war ein Katzensprung und endlich konnten wir uns ordnungsgemäß einklarieren. Micha war schon ganz aufgeregt, was da so alles passieren wird!? Schließlich übergab uns der Hafenmeister aus einem kleinen Motorboot schon im Vorhafen nur eine Tüte mit Prospekten und ein Formular was ausgefüllt werden und in einen gelben Kasten gesteckt werden sollte. Und das war es dann auch schon.

Die SUSE von Alf und Susanne lag schon seit zwei Tagen dort und zufällig bekamen wir den Platz ihnen gegenüber zugewiesen. Langsam haben wir das Gefühl innerhalb unserer Reise anzukommen. Es ist milder geworden, die Vegetation ändert sich langsam und die Architektur ist auch nicht mehr so streng mitteleuropäisch. Palmen hatten wir das erste Mal in Eastbourne gesehen, jetzt kommen langsam Feigen- und Olivenbäume dazu. Wir streifen durch St. Peter Port, gleichzeitig Hauptstadt von Guernsey und lassen alles auf uns wirken. Man geht hier sehr chic, Frauen in Kostümchen, die Männer in Anzügen, das hält sie nicht davon ab, mittags auch schon mal im Pub mit einem Bier rumzustehen. Ein passender Anlass, auch uns mal wieder wie Menschen anzuziehen. Micha im Hemd und ich greife sogar zum Mascara. 😉 Die zwei, die ich mithabe werden wohl bis zum Ende der Reise reichen. So haben wir seit dem 07. Juli. nicht mehr ausgesehen.

Am nächsten Morgen unternehmen Alf und Micha den zweiten gemeinsamen Versuch die Gasflaschen aufzufüllen, leider wieder erfolglos. Später kaufen wir ein Tagesticket und machen mit dem hiesigen Bus eine Inselrundfahrt. Dadurch bekommen wir einen schönen Eindruck von Guernsey. Englischer und Französischer Baustil sowie Sprache wechseln sich hier ständig ab. Abends gehen wir mal wieder nett Essen und lassen anschließend mit Alf und Suse auf unserem Boot den Abend ausklingen.

Samstag/Sonntag 24./25. August    – Trébeurden –

Unser nächstes Ziel heißt Roscoff 75sm. Suse und Daphne starten um 6 Uhr. Dazu mussten wir unsere Boote am Abend zuvor in den Vorhafen verlegen, weil man nur zwei Stunden vor und nach Niedrigwasser aus dem eigentlichen Hafenbecken kommt.

So langsam haben wir alle Arten von Gezeiten-Häfen und -Buchten kennengelernt. Es gibt Ankerbuchten, wie die nächste in Trébeurden die nur zu Nippzeiten genutzt werden können. Eine Woche später fällt dort bei Ebbe alles trocken. Andere Buchten können bei Nipp und bei Spring genutzt werden wie z.B. unser Ankerplatz auf der Kanalinsel Sark. Auch bei den Häfen gibt es welche die immer eine natürliche ausreichende Wassertiefe haben, in anderen wird dies durch Schleusen gesichert und wieder andere haben in der Einfahrt eine Mauer (Barre) die verhindert, dass das Wasser mehr als z.B. drei Meter aus dem Hafen läuft. Der Nachteil hierbei: Man kann nur in einem bestimmten Zeitraum vor und nach Hochwasser über diese Barre fahren. Also wieder Gezeitentafeln studieren und die voraussichtliche Ankunftszeit so gut wie möglich vorherberechnen. Und in manchen fällt man bei Ebbe auf jeden Fall trocken  – also nichts für DAPHNE. Das ist also alles ganz schön kompliziert …

Wir verabreden uns mit der SUSE zu einem Fotoshooting; das heißt, wenn die See ruhig ist und wir uns unterwegs treffen. Es klappt, sie sind etwas schneller und holen uns ein. Micha wird ganz nervös und möchte eine Drohnenaufnahme machen. Alles wird vorbereitet die Drohne ist in der Luft und er informiert mich ganz nebenbei, dass wir ja in Fahrt sind und die Drohne deshalb per Hand gefangen werden muss. Da er ja steuert muss ich das tun. Ich kann nicht mehr protestieren, denn die Drohne fliegt schon und ich weiß, wenn was schief geht, würde Micha sie auch aus dem Wasser retten. Solche Momente kann ich einfach nicht leiden. ☹ Die Drohne kommt zurück, ich mache mich bereit, d. h. ich halte mich an den Wanten fest und lehne mich soweit raus wie es geht. Sie zickt rum und fliegt neben uns her und möchte nicht an Bord zurückkommen. Micha wird nervös: „Du musst dich schon richtig rauslehnen“ Ich glaub jetzt ist er völlig verrückt geworden. Es hilft nichts, ich nehme all meinen Mut und Geschick zusammen und bekomme sie gegriffen, sie wehrt sich noch kurz und will wieder weg aber ich lasse sie nicht mehr los. Nun gibt es wunderbare Bilder und Aufnahmen von uns und der SUSE in Fahrt. Das hatten wir noch nie.

Wir schaffen unser Tagesziel heute nicht ganz und landen ca. 20 sm vor Roscoff in Trébeurden, in einer Ankerbucht vor dem Hafen, weil auch hier die Einfahrt nicht mehr möglich ist. Macht aber nichts, es ist wieder wunderbar nett anzusehen. Die SUSE ist nicht ganz so weit gefahren wie wir und liegt in einer anderen Bucht, hören wir abends noch voneinander.

Mittlerweile haben wir die Abläufe mit dem Dinghi sehr vereinfacht und bekommen es kinderleicht von Bord, so dass wir also mobil sind und morgen damit an Land fahren können. Es wird mit einem Hahnepot (Dreileinenkonstruktion) über die Winsch (Seilwinde um größere Zugkräfte zu übertragen) hochgezogen und braucht nur leicht geführt zu werden um mühelos ins Wasser zu gleiten. Der Motor wird mit einer ähnlichen Vorrichtung nach unten geführt.

Diesmal konnten wir sogar im Hafenbecken festmachen, nicht ohne vorher zu schauen ob gerade Ebbe oder Flut ist, um die Leine entsprechend lang zu lassen. Wir brauchen dringend eine Post, um unsere Briefwahlunterlagen wieder nach Deutschland zu schicken. Leider ist heute Sonntag und alles gestaltet sich wieder etwas kompliziert. Wir schauen im Internet, wir fragen Leute und laufen das kleine Städtchen mindesten dreimal hoch und wieder runter. Am Ende des Tages bekommen wir die Briefmarken ganz einfach in einem kleinen Restaurant und die Briefe können endlich doch noch pünktlich ihre Reise zum Neuenhagener Rathaus antreten.

Dadurch haben wir Trébeurden ein wenig kennengelernt und ich habe meine ersten beiden Fahrstunden mit dem Dinghi hinter mir. Andauernd muss ich irgendwas neues machen und Micha geht immer von aus, dass ich genauso Lust und Interesse habe wie er. Er kann einfach nicht nachvollziehen, dass nicht jeder sofort Lust hat damit einfach mal so loszuheizen für ein paar Runden. Mache ich natürlich nicht allein, und das ist auch gut so, denn ich bekomme den 6 PS Motor noch nicht mal angerissen und dann geht er unterwegs auch noch aus. Gut ich hab’s überstanden. Micha kocht Abendessen, ich schreibe und morgen geht es weiter, wie weit wissen wir wieder nicht genau, eventuell soweit der Wind uns trägt. 😊

26./27/.28. August – Roscoff –

Langsam zeichnet sich ab wann wir in Brest, unserem Start für die erste Überfahrt von drei Tagen über die Biskaya, landen werden. Es sind nur noch ca. 80 sm bis dahin. Das kann man bei gutem Wind an einem Tag aber besser an zwei Tagen gut schaffen. In Brest werden wir dann noch einmal alles auf Vorderfrau bringen und auf ein gutes Wetterfenster warten. Nicht umsonst soll man für die Atlantiküberquerung auf eigenem Kiel anreisen; ganz nach dem Motto: dann ist man mit allen Wassern gewaschen. Könnte man auch so sagen; das Gebiet um die Kanalinseln ist wohl das anspruchsvollste Segelgebiet in ganz Europa. Auf dem Weg dahin erhält man zwangsweise das nötige Rüstzeug.

Wir machen es uns in Roscoff, einem sehr netten Städtchen mit einen Hafentag mal wieder nett. Natürlich auch Proviant bunkern, und ein bisschen Sightseeing. Wir haben ein Päckchen nach Schweden zu verschicken und suchen mal wieder eine Post. Von weitem sehen wir schon, dass auch sie zu hat. Im August machen die Franzosen Urlaub und da kann es schon mal passieren, dass die Hälfte der Läden geschlossen ist. So hat auch unsere Post nur sehr eingeschränkte Öffnungszeiten und gerade heute und morgen komplett zu.  😊

Abends kommt dann die SUSE noch rein und da wir direkt nebeneinander liegen, tauschen wir noch unsere Bilder und Filmchen vom Fotoshooting miteinander aus.

Donnerstag, 29. August       – Camaret-sur-Mer – Brest –

Wir müssen weiter, denn jetzt steht es fest wir werden am Sonntag die Biskaya queren. Zum ersten Mal sehen wir Delfine und sind ganz auch dem Häuschen. Sie sagen nur kurz Hallo, ehe wir das Handy parat haben sind sie schon wieder unterm Boot verschwunden. Außerdem muss ich aufpassen, dass Micha nicht vor lauter Aufregung mit ihnen schwimmen geht.

Wir landen nicht in Brest sondern, nebenan in Camaret-sur-Mer. Auch weil wir dort Marc und Danny mit ihrer 2-jährigen Tochter Mathilda treffen. Ich hatte die Beiden im Februar beim Medizin-auf-See-Kurs kennengelernt. So hatten wir schon unterwegs immer mal Kontakt miteinander, wo wir uns befinden und verabredeten uns, wenn alles so klappt zur Biskayaüberfahrt.

So machten wir es dann auch, abends gingen wir zu ihnen an Bord. Eigentlich lernten wir uns jetzt erst richtig kennen und irgendwie stimmte die Chemie auf Anhieb. Der Abend wurde lang und wir wollten dann mit Dinghi wieder zu unserem Boot zurück ca. 700 Meter. Etwas angeheitert verabschiedeten wir uns, stiegen ins Dinghi und fuhren los. Nach ca. 100 Metern ging der Motor aus und alles war still und dunkel um uns herum. Meine Fahrstunden und Michas häufiges Spaßgleiten hatten dann doch mehr Benzin als gedacht verbraucht. 😊 Gut, dass wir Paddel an Bord hatten.

Freitag, 30. August    – Brest Hafen –

Am nächsten Tag sind wir dann nochmal kurz nach Brest rüber, weil sich da „Uraltfreunde“ von Micha; Angie und Torsten angemeldet hatten. Sie waren die ganze Zeit schon irgendwie in der Nähe aber es hatte mit dem Treffen erst jetzt geklappt. Wir hatten sie sogar in einer Ankerbucht von weitem gesehen in der wir Halt gemacht hatten, um die nächste passende Strömung abzuwarten wo sie ihrerseits an Land mit ihrem Wohnmobil standen. Das hatten wir aber erst zu spät bemerkt und so verabredeten wir uns für den nächsten Tag in Brest. Der Abend war wesentlich schöner als die Stadt Brest und zog sich deshalb auch sehr lang hin.

Am nächsten Morgen stand noch einmal Klarschiff, Einkaufen und zweiter Versuch Päckchen aufgeben auf dem Plan. Wie es mit der Post ausging könnt ihr euch denken…, wir waren aufgrund des schönen Abends nicht gleich um neun auf der Post, daher durften wir mit Päckchen und bei Nieselregen noch Großeinkauf machen. Die französischen Naschereien für Schweden mussten jetzt also auch die Biskaya queren. Mit der Strömung segelten wir dann wieder zurück nach Camaret-sur-Mer und machten neben der GENTOO von Marc, Danny und Mathilda fest. Bei einem letzten französischen Abendessen besprachen noch einmal den nächsten Tag; Abfahrt, Kurs und alle notwendigen Details und fanden trotz der Herausforderung die am nächsten Tag auf uns wartete recht schnell in den Schlaf.

Zum Abschnitt 7

Abschnitt 05:  Südengland – Cherbourg

Dienstag, 6. August 2019     – Überfahrt Ärmelkanal nach Eastbourne –

 

Micha hat schon die Nacht vorher schlecht geschlafen und sich alle möglichen Szenarien ausgemalt, was passieren könnte. 60 sm mit Verkehrstrennungsgebiet, Windstärke, gegen den Wind fahren. Was, wenn wir erst im Dunkeln ankommen und, dass ich dann schlechte Laune bekommen könnte (das wäre richtig schlimm). Oder, dass er Besuch von der Küstenwache bekommt. 😉

Die erste Hälfte lief wieder super, auch das Verkehrstrennungsgebiet war bald überstanden. Das darf man nur im rechten Winkel queren, was uns dann schon wieder von unserem guten Wind Kurs abbringt. So war es dann auch, die Strömung drehte, die Wellen wurden höher, Wind von vorne und die Laune sank zusehends. Es hieß dann kreuzen, also kreuzen damit wir in unsere Richtung kommen.

10 sm vor Eastbourne kam ein Hubschrauber in unsere Richtung, was erst einmal noch nicht so ungewöhnlich ist. Dann umkreiste er uns tatsächlich und hielt mit grellen Scheinwerfern auf uns zu. Jetzt konnte ich lesen Coastguard Rescue und er flog parallel mit uns.

 

Ich dachte: „Ach du Schei…. wir haben doch gar kein Problem – jedenfalls bis jetzt nicht gehabt und Micha dachte: Jetzt haben sie mich – ich wusste es: Naturschutzgebiete? Verkehrstrennungsgebiet? Historische Wracks? Oder irgendwas anderes übersehen? Er ging tapfer ans Funkgerät, wo er nichts verstand, denn es war ohrenbetörender Lärm. Schließlich schaffte er es den englischen Funkspruch zu verstehen. Dazu musste er den Helikopter bitten sich etwas zu entfernen, was der dann auch prompt tat. Sie baten um Erlaubnis mit uns ein Rettungsmanöver trainieren zu dürfen.

Voller Erleichterung nicht verhaftet worden zu sein, willigte er ein. 😊 Wir dachten wirklich wir sind im Film. Ca. eine halbe Stunde flog der Helikopter dann extrem dicht um uns und über uns herum. Zwei Männer standen an der offenen Bord-Tür und es sah eine Weile so aus, als wollten sie auch kurz versuchen an Bord zu kommen. Wir wussten ja nicht was bei den Britten Manövertraining heißt. Sie kamen so tief runter, dass ich Angst hatte, dass der Wind vom Rotor unser Segel herumdrücken könnte. Hinter uns peitschte das Wasser hoch.

Danach waren wir im wahrsten Sinne endgültig „durch den Wind“. Eigentlich hätten wir einen Schluck Rum gebraucht, aber den gab es dann erst im Hafen. Später dachte ich, woher wissen die eigentlich, dass ich immer mal eine Geschichte für unseren Blog brauche?

Mittwoch, 7. August 2019     – Eastbourne – Hafentag –

Der Hafentag war auch notwendig nach der Aufregung und der langen Überfahrt von gestern. Diesmal wollten wir es besser machen und haben eine Stunde für Klarschiff machen und eine für Blog hochladen etc. eingeplant. Also 13 Uhr wäre es gewesen, 15:30 Uhr sind wir dann von Bord gekommen. Um uns dann zu entscheiden, weil im Hafen Räder rumstanden, evtl. eines auszuleihen, da Eastbourne Town ca. 2,5 Meilen entfernt ist. Heute leiht man ja nichts mehr so einfach aus, sondern man lädt eine App herunter. Das klappte schon mal ganz gut, wobei mein Fahrrad erst mal einen Platten hatte. Also noch mal ein neues buchen und schon ging es um 16 Uhr los. 😊 Dann stellten wir den Linksverkehr fest, an den ich mich selbst als Fußgänger nicht gewöhnen kann. Lohnt sich ja auch nicht für die paar Tage, war aber mit dem Rad ganz schön tricky. Dann ging es wieder gegen den Wind nur diesmal auf dem Rad bei Windstärke 5 nach Eastbourne Town, endlich sicher auf einem EU-finanzierten Radweg, wo bald ein Schild kam: Fahrradfahren verboten bei 5 £ Strafe! Oh, das war ja etwas für meinen verkehrspolitischen Sprecher. Erst als er sein Eis auf die Hand für nur 4,50 £ und verdaut hatte, ging es so langsam wieder mit ihm.

Eastbourne zeigte sich dann doch als ein kleines mondänes Seebad mit einer sehr hübschen Seebrücke. Ursprünglich wollten wir nach Brighton, weil es größer und bekannter ist, und Micha die Locations aus dem Film „Quadrophenia“ besuchen wollte.

Wie wir dann nach unserer Rückkehr mit der App und 1% Handy-Akku die Fahrräder wieder abgegeben, sprich zurückgebucht haben erspare ich euch. 😉 Nur soviel: Die Batterie vom Bluetooth-Schloss am Rad war leer und Micha hing ewig in einer englischen Hotline-Warteschleife.

Donnerstag, 8. August 2019 – Eastbourne – Littlehampton –

Als nächstes Etappenziel war Brighton zu dicht dran und wir müssen ja „Strecke“ machen, also sind wir bis Littlehampton gefahren. Das wird vorerst unser letzter Segeltag sein, da für die nächsten drei Tage Windstärke von 7 in Böen bis 10 angesagt sind. Das heißt dann gleich mal drei Hafentage zwangsverordnet, was ja eigentlich ganz schön ist; eben endlich Urlaub 😉 Die nächste interessante Ecke wäre die „Isle of Wight“ gewesen, schaffen wir aber leider auch nicht.

Heute haben wir übrigens den Nullmeridian überschritten, was heißt, dass wir bei unserer Positionsbestimmung nicht mehr E (East) sondern jetzt bis Neuseeland ein W (West) zu stehen haben. Abends landen wir im sicheren Hafen von Little Hampton. Little Hampton kann man sich so vorstellen wie es klingt. Eine relativ schmucklose englische Kleinstadt, die offensichtlich vor allem Einheimischen als Feriendomizil dient. Keine Marina, keine Villen, kein Schnickschnack, nur eine winzige Altstadt, von vier Querstraßen mit einer Menge Pubs. Vielleicht gehen wir heute ins „White Hart“ (weißer Hirsch), wir wissen es noch nicht.

Aber ziemlich schnell erkennen wir die Vorzüge und betrachten Littlehampton von einer anderen Seite. Super netter Hafenmeister, kostengünstiger Liegeplatz, in der Bakery fragte man gleich woher wir sind und versuchte uns mit zwei Wörtern Deutsch zu erfreuen. Uns wird im gemischten Deutsch / Englisch erklärt, wenn wo wir, wenn wir nach Brighton fahren, unbedingt hinmüssen und wo wir hier die besten Pubs finden. Eben kein Touristenort, sondern wir sind mitten im normalen Urlaubsort des Durchschnittsbriten angekommen. Wie, wenn man nach Deutschland kommt und als erstes in Neuenhagen absteigt. Und Brighton ist nur eine halbe Stunde mit dem Zug entfernt.

Am nächsten Abend sind wir auf Empfehlung des Hafenmeisters Essen gegangen, ins “Mussels” ein echter Geheimtipp, so lecker haben wir nicht in Frankreich und überhaupt schon lange nicht mehr gegessen. Und das nicht mal teuer, wir waren ja in Littlehampton. 😊 

Der Tidenhub ist hier nur noch bei drei Meter. An der englischen Küste ist die Tide und die Strömung nicht ganz so extrem wie an der französischen Küste.

Freitag, 9. – 11. August 2019           – Littlehampton –

Die Nacht war eine Katastrophe. Wir hatten Windstärke 7-8, das war schon beeindruckend. Ich weiß nicht, wann ich schon mal so einen Wind erlebt habe und das dann nur mit 3 cm Wand dazwischen. Der Geräuschpegel war so hoch, dass ich die halbe Nacht kein Auge zugetan habe. Wenn eine Bö in den Mast ging übertrug es sich aufs ganz Boot. Aber ich war dankbar, dass wir nicht auf See waren und möchte das auch so nie erleben. Irgendwie war ich auch innerlich etwas aufgeregt, obwohl ich keine Angst hatte. Die Geräusche kenne ich manchmal von zuhause, wenn da mal ein Gewitter für eine Stunde durchgeht. Hier ging es von Donnerstagabend bis Sonntagvormittag.

Micha legte noch einmal die Hand auf alle Leinen, nickte zufrieden, las drei Seiten „Captian Cook“ und fiel zur Seite direkt in die Tiefschlafzone. Nicht ohne mir vorher noch kurz zu versichern, dass ich ihn jederzeit wecken könne, falls ich Angst habe.

Am nächsten Tag, donnerte, plätscherte und klingelte es also weiter bedrohlich, lustig vor sich hin, so dass wir keine richtige Lust verspürten, noch nach Brighton zu fahren. Aufgrund der Geräuschkulisse, mussten wir aber gegen Abend mal von Bord und probierten einen der hiesigen Pubs. Wenn schon, dann ein Ale probieren, wir wussten leider nicht, dass sie es bei Zimmertemperatur und nahezu ohne Kohlensäure servieren.

Am Sonntag hatte sich der Wind dann beruhigt, es war wieder leiser und man flog draußen nicht mehr sofort weg. Daher sind wir dann mit dem Zug nach Brighton los. Micha wollte seinem Film „Quadrophenia“ auf die Spur kommen. Wir mussten dann ein Filmszenenbild nachstellen von ihm und der Seebrücke. 😉Dann gab es endlich mal „fish and chips“ am Strand, wobei ich fast von Möwen angegriffen wurde.

Montag 12. – 19. August 2019         Littlehampton – Cherbour – Hafentage-

Irgendwas muss man aus den vorherrschenden Westwinden machen, wenn man westwärts unterwegs ist, also haben wir uns entschieden, wieder den Ärmelkanal zu queren, gen Frankreich. Am Abend vorher hatte noch ein Pärchen mit Niederländischer Flagge bei uns im Päckchen angelegt. Wir informierten sie dann über unser Vorhaben, sehr früh abzulegen. Es stellte sich heraus, dass es Deutsche waren, die nur schon sehr lange in Holland lebten. Sie sind in diesem Revier öfter unterwegs und wiesen uns darauf hin, dass wir um 5 Uhr noch nicht aus dem Hafen kommen würden, wegen Niedrigwasser. Also starteten wir doch erst um 7 Uhr zu unseren 85 sm.

Ein wenig mulmig war uns zwar zumute, weil bei allem Schönrechnen würden wir höchstwahrscheinlich nach 16 Stunden und evtl. im Dunkeln ankommen. Anders ging es aber nicht, sonst müssten wir noch weitere Tage in Littlehampton verweilen. Und der Skipper ist dann doch manchmal etwas nervös, ob wir unseren Plan schaffen. Schließlich wollen wir noch zu einer ruhigen Zeit, möglichst vor September, die Biskaya überqueren.

Es lief alles sehr gut mit dem richtigen Wind und Strömung bis 16 Uhr in unsere Richtung, dann änderte sie sich und drückte uns weiter östlich an unserem Ziel Cherbourg vorbei. Da war auch nicht mehr viel zu korrigieren, denn auch der Westwind versetzte uns weiter in diese Richtung. Ein Plan B musste her. Cherbourg liegt auf einem kleinen Kap und nun würden wir seitlich davon landen, in Höhe von Barfleur. Glücklicherweise gab es davor Ankerplätze, wobei wir noch nicht einschätzen konnten ob es ruhig genug sein wird. Aber je näher wir der seitlichen Landabdeckung kamen, umso ruhiger wurde die See.

Wir warfen nach 16 Stunden den Anker in 12 Meter Tiefe, mit 3 Knoten Strömung während der Tide, nicht ohne hin und wieder die Ankerkette zu überprüfen. 

Ich habe sehr gut geschlafen, war es doch mal wieder himmlisch ruhig und uns störte mal kein künstliches Hafenlicht. Micha war da etwas unruhiger, ob der Anker hält, der Schwell nicht zu stark wird usw. Wir haben auf unserem AIS eine Ankerwachfunktion, die ein Signal abgibt, wenn man sich z.B. mehr als 50 m von seinem Platz wegbewegt. Nach einem kleinen Frühstück ging es dann weiter nach Cherbourg in den sicheren Hafen.

Neben uns liegt Steffen aus Greifswald; allein unterwegs und gerade aus der Karibik kommend. Er ist etwas entspannter unterwegs und ist mit seinen Anfang 30 etwas spartanischer unterwegs. Hat kein AIS, hat nur 80 Liter Wassertank und ohne Kühlschrank in die Karibik. Als Einhandsegler dann auch keine Nachtwachen bei längeren Fahrten usw. Meinen Respekt hat er 😊 Ganz anders unsere Sicherheitseinbauten, sie sind so sicher, dass heute der Rauchmelder anging, als Micha kochte und wir 10 Minuten die Bedienungsanleitung suchten um ihn wieder zu entschärfen.

Es regnet und nieselt heute den ganzen Tag und mit unseren ca. 20 qm sind wir da bewegungstechnisch etwas eingeschränkt. Ich kann immer noch nicht richtig innehalten und habe heute, auch weil es notwendig war, Wäsche gewaschen. Außerdem mal wieder Bad und Pantry gründlich geputzt. Micha hat sich mit seinen Unterlagen im ganzen Salon breit gemacht dazwischen noch etwas Wäsche die nicht trocknen wollte. Das halte ich noch nicht gut aus. Der Tag vergeht irgendwie wieder wie im Fluge. Ich lege mich endlich hin um meine 1300 Seiten Familiensaga weiter zu lesen und frage Micha: ob wir Kaffee trinken wollen? Er schaut auf die Uhr und sagt: Du weißt schon, dass es 18:30 Uhr ist??? Was?  

Gottseidank verlassen wir dann bald das Chaos und gehen mit Steffen und einem Pärchen, Suse & Alf aus Hamburg ein Bier trinken. Es war ein sehr netter Abend und einmal mehr merken wir wie wichtig der Austausch zwischen uns allen ist. Man bekommt wichtige Tipps oder lernt aus Erfahrungen der Anderen eine Menge. Irgendwie ist es auch mal wieder schön mit anderen Menschen zu sprechen. 😉

Heute ist wieder besseres Wetter, so dass sich Micha und Alf auf den Weg machen, Gasflaschen aufzufüllen, was sich in unserem Fall schon eine Weile als etwas schwierig gestaltet. Umtauschen ist kein Problem, aber wir haben Aluflaschen, die sind leichter als Stahl und haben die perfekte Größe für unseren Ankerkasten. Es gab aber wieder entweder Stahlflaschen oder nicht unsere Größe in Alu. Erschwerend kam dann noch hinzu, dass heute Maria Himmelfahrt, ein Feiertag in ganz Frankreich ist.

Wir müssen hier doch noch etwas länger aushalten, erst haben wir einige Tage Windstärke 6 und dann haben wir Männergrippe. Die Weiterfahrt verschiebt sich von Tag zu Tag, schließlich bleiben wir eine ganze Woche im Hafen von Cherbourg.

Hier gibt es eine Menge zu sehen und auch ein interessantes Museum. Eine kleine Geschichte der letzten Stunden über die Titanic mit Salon- und Kabinen- Nachbau, sehr schön gemacht. Hier machte die Titanic noch einmal Stopp bevor sie über England zu ihrer verhängnisvollen Fahrt aufbrach. Für Micha gab es das größte U-Boot was weltweit zu besichtigen ist. Also für uns beide was dabei.

Einen Abend bevor es dann losgehen soll, verlegen wir unser Boot um Hafengebühr zu sparen zu Suse und Alf in den Vorhafen, also liegen vor Anker. Abends haben wir uns mit ihnen verabredet um die morgige Tour durchzusprechen. Sie wollen auch nach Guernsey. Alf holt uns mit seinem Dinghi ab und wir steigen auf ihr Boot. Die Suse, so heißt ihr Boot hat Alf fast selbständig ausgebaut. Er hat nur einen Stahlrumpf gekauft und alles selber eingebaut. Bei einem schönen Wein besprechen wir, wie wir morgen starten wollen. Wurde auch Zeit langsam überkam mich der Hafenkoller.

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Abschnitt 04:   Von Amsterdam über Belgien nach Frankreich

Sonntag, 28. Juli 2019                   – Amsterdam – Den Haag –

Heute klingelte wieder um 5 Uhr der Wecker, weil das bisschen Wind und die Strömung ausgenutzt werden müssen. Micha legte so schnell ab, dass ich beim Kaffeekochen noch im Nachthemd war und Nicki fast auf der Hafentoilette vergessen wurde. Beim Durchzählen waren wir dann doch alle an Bord. Nicki machte als erste schlapp und schlief bestimmt zwei Stunden, ich dann auch aber nur für eine Stunde. Micha musste wie immer durchhalten und darauf achten, den wenigen Wind einzufangen. Wir sind in der geplanten Zeit, bevor Wind und Strömung drehte in Den Haag eingetroffen. Das war auch gut so weil der Hafen sich rasant füllte, ein Päckchen nach dem anderen entstand. Wir sind heute die ersten von 3 Schiffen im Packet.

Dabei ist uns heute etwas passiert, an dem wir alle drei noch zu kauen haben. Ich habe das Anlegemanöver gesteuert; heute für mich eine neue Situation, weil ich rückwärts einparken sollte (wie in eine Parklücke) zwischen zwei Booten. Normalerweise machen wir das vorwärts und haben immer etwas Spielraum dafür. Die Schwierigkeit beim Rückwärtsfahren ist die, dass das Steuern nicht mehr richtig geht, weil kein Druck auf dem Ruderblatt ist. Nicki stand wie die letzten Male an der Achterleine und wollte zuerst an Land gehen, um uns fest zu machen. Ich war hoch konzentriert und versuchte Michas Anweisungen genau zu folgen.

Wir legten anstatt wie sonst mit Bug zuerst mit dem Heck an, dabei rutschte Nicki ab und fiel ins Hafenbecken. Micha reagierte sofort und kuppelte aus, erst da begriff ich richtig was los war und sprang sofort nach hinten. Zielstrebig zog sie die Badeleiter zu Hilfe und kletterte zurück an Bord als wäre nichts geschehen. Natürlich war es nicht wirklich so, wir beide mussten erst mal einen Rum trinken und uns erst mal fassen, bevor wir alles noch einmal zu dritt durchsprechen konnten. Gut war, dass die Rettungsweste prompt aufging, so wie es sein sollte und wir alle drei scheinbar richtig reagiert haben. Es hat uns trotzdem noch zwei Tage ziemlich beschäftig.    

Am Abend haben wir uns aber dann wieder einigermaßen gefangen und noch ein leckeres Gemüsecurry gekocht. Der Kochwein schmeckte schon mal. 😊

Montag, 29. Juli 2019 – Havendag – Den Haag –

 

Uns geht es besser. Auch das Wetter ist wieder besser. Heute wird mal wieder „Groß Reine“ gemacht. Duschen, Betten beziehen, Wasser tanken, Deck und Cockpit schrubben. Irgendwie hatten sich auf dem Deck Möwen, wahrscheinlich ausversehen vertan. Wäsche waschen fiel erst mal aus, da die zwei Hafen-Waschmaschinen einfach den ganzen Tag zu tun hatten. Uns hatte es dann auch gereicht mit dem Wirbeln.  Zum Glück besteht ja die Mannschaft gerade aus zwei Personen.

Also fuhren Nicki und ich nach Den Haag rein mit der Tram. Wenn man schon mal hier ist. Da konnten wir dann auch ein bisschen Frauschaft besprechen. 😉 Micha blieb an Bord und brauchte mal Zeit für sich allein. Er musste schließlich auch noch etwas verarbeiten. Zeit hatte er dann aber nicht wirklich. Zwei Mal zog er mit dem Boot um, weil der Hafen wieder so voll wurde, dass eigentlich nichts mehr ging. Das letzte Mal kam der Hafenmeister direkt beim Abendbrot vorbei. Wir hatten gerade alles aufgetischt und wollten anfangen zu essen. Da der Tisch den Steuerhebel blockiert, mussten wir das ganze Abendbrot wieder abräumen samt Tisch um abzulegen. Das andere Boot wartete schon auf unseren Platz, aber kein Problem, wir hatten ja nicht gekocht, es konnte nichts kalt werden.

 

Dienstag, 30. Juli 2019                  – Den Haag – Zeebrügge –

Früh um 6 Uhr sollte es wieder losgehen. Wurde dann aber doch früher, weil wir von sehr dicht vorbeifahrenden Booten schon vorher geweckt wurden. Als es dann sogar etwas rumste, hielt Micha nichts mehr in der Koje. Er sprang auf, ich hinterher um zu sehen was da los ist. Wie am Tag vorher schon abzusehen, wurde der Hafen so voll, dass es quasi keine Plätze mehr gab. Zwischen uns als drittes Boot im Päckchen und der gegenüberliegenden Seite mit 4 Booten im Päckchen war genau noch eine schmale Fahrlücke frei, durch die sich die ersten Boote im Morgengrauen vorsichtig schoben. Nun hatte das gegenüberliegende Boot sein Dingi (Schlauchboot) noch hinten drangebunden, welches sich dann während der Nach querstellte und den schmalen Durchgang vollends versperrte. Einige versuchten trotzdem durchzukommen daher der Rums, andere versuchten mit Bootshaken sich den Weg kurz frei zu machen. Der rücksichtslose Skipper schlief währenddessen den Schlaf „der Gerechten“ und ließ sich nicht blicken. Gut, auch wir waren dann endlich unterwegs. Die „Frauschaft“ hatte abends schon vorausschauend Schnittchen vorbereitet. Die Strömung lief in unsere Richtung der Wind war auch auf unserer Seite, kurz gesagt, es ging uns sehr gut. Wir hatten schließlich heute eine große Distanz zu meistern, 65 Seemeilen (sm) und es gab vorher keinen Alternativ-Hafen. Bedeutet ca. 12 Stunden auf See. Fünf Stunden lang hatten wir wieder einen Traumschnitt von fast 7 Knoten.

 

Es war gegen 11 Uhr und wir dachten, dass wir in Zeebrügge schon Mittagessen könnten. Dann drehte sich langsam die Strömung gegen uns, das war uns klar, denn durch Ebbe und Flut hat man immer nur eine bestimmte Zeit die passende Richtung. Aber Wind ist ja auch noch da und sollte uns dann für den Rest der Strecke schieben. Leider drehte dieser auch langsam aber sicher, sodass wir Wind und Strömung gegen uns hatten. Da ging nicht mehr viel. Mehrere Male motorten wir und versuchten unser Glück aufs Neue. Es half nichts, wir kamen einfach nicht mehr vorwärts. Als wir dann endlich kurz vor unserem sicheren Hafen mit ziemlicher Welle, auch noch eine Schifffahrtsstraße mit riesigen Pötten queren mussten, wurde es sehr anstrengend. Die Containerschiffe kamen schnell von links und rechts mit 15 – 20 Knoten. Wir mit unseren 3 kn hatten Schwierigkeiten dort durch zukommen. Erschöpft aber froh erreichten wir dann eine wunderbar stille und relativ leere Marina.

 

Ein super netter Hafenmeister half uns gleich beim Anlegen un d gab alle notwendigen Informationen. Nicki ging, um alles zu regeln mit ins Hafenbüro, welches gleichzeitig sein Büro war (ähnlich wie bei Micha gerade). Als sie dann gar nicht mehr wieder kam, dachten wir schon, sie hat jetzt dort angeheuert. Nein, alles gut, sie kam mit der für uns jetzt wichtigsten Information zurück: wo es noch etwas zu essen gab! Gleich schräg rüber gingen wir in ein kleines Restaurant und ließen uns ganz nach Belgischer Art, eine mit Käse überbackene heiße Schalen bringen. Dann konnten wir endlich total müde ins Bett fallen und mal so richtig auszuschlafen.

Mittwoch, 31. Juli 2019                  – Havendag – Zeebrügge –

Gestern ist es uns im Restaurant schon aufgefallen, die sprechen ja hier ganz anders. Ja wir haben tatsächlich die nächste Grenze überschritten, wir sind in Belgien. Ich finde ja schon das Niederländische irgendwie immer lustig. Man kann es fast verstehen oder etwas lesen aber nicht sprechen. Für mich klingt die Sprache wie eine Mischung aus Englisch und Deutsch mit ein paar Rechtschreibfehlern. 😊😊 In Belgien sprechen sie alles durcheinander und ich verstehe leider kein Wort mehr.

Da Brügge nicht weit weg ist und sooo schön sein soll, machten wir uns heute auf den Weg dorthin. Gleichzeitig ist heute der letzte Tag unserer Dreiercrew. In Brügge verabschieden wir uns von Nicki und stellen später bedauerlicher Weise fest, dass wir unser obligatorische Crew Foto nicht gemacht haben. Wir schlendern also noch ein wenig durch das wunderschöne Brügge, bis unser Bus kommt, da sehe ich eine Boutique mit namens „Nicki“. Und es dauerte nicht lange, da steht sie wieder vor uns. 😊 Große Freude wir können unser Foto machen und uns noch einmal herzlich umarmen.

Donnerstag, 01. August 2019          – 2. Havendag –

Gestern haben wir nach ausführlichen Wettervergleichen, wie Wind und Strömungsberechnungen beschlossen, noch einen Hafentag zu machen. Ohhh wie schön, ich hatte gleich eine Samstagabendstimmung. Ja, heute Abend ist mir eher wie Sonntagabend, weil es morgen wieder um fünf weiter geht Richtung Dunqerque. Aber erst mal heute Hafentag, ausschlafen, früüüühstücken, große Pläne schmieden was wir heute dann mal alles so ganz in Ruhe erledigen könnten. Als wir damit fertig waren, war es schon 13 Uhr. Micha telefonierte den ganzen Tag immer mal zwischendurch mit Presse, Fraktion und Wahlkreisbüro. Alles plätscherte so dahin. Dann war wieder große Wäsche dran. Das nächste Mal als wir auf die Uhr schauten war es schon 16:30 Uhr. Ups, jetzt aber los. Micha wollte doch auch noch kurz in den Bootsausstatter, der um 17 Uhr schließt. Und dass wir noch Brot und Milch brauchten merkte ich auch zu spät. Joggen stand noch auf dem Plan, wurde dann ebenfalls nichts. Und warum geht Freitagabend bei der Versicherungs-Hotline niemand mehr ans Telefon? Okay dann eben nicht. ☹ Der Tag hatte doch gerade erst angefangen, wo ist er hin? Jetzt könnte ich wenigstens noch Blog schreiben. Und eigentlich ist jetzt schon Abendbrotzeit, was wollen wir denn essen?

Freitag, 02. August 2019      – Zeebrügge – Dunkerque –

5:30 Uhr los mit richtiger Strömung und gutem Wind. Um 11:30 Uhr haben wir 40 sm geschafft und können tatsächlich Mittag essen in Dunkerque. Stattdessen fallen wir in einen tiefen Schlaf. Et voilà 😊 wir sind in Frankreich.

Hier erwarten wir unsere Kinder. Seit Tagen versuchen wir uns mit ihnen zu verabreden. Das ist nicht ganz so einfach, weil wir immer bis einen Tag vorher nicht genau wissen wo wir nun wirklich landen. Erst war es Ostende, nun doch Dunkerque. Hier ist es recht geschichtsträchtig, 1940 gab es eine große Schlacht, die einen Großteil der Stadt zerstörte, so dass Alt und Neu hier bunt durcheinander stehen. Das Sightseeing machen wir parallel mit einer Einkaufstour, weil wir noch kochen wollen bevor unsere Kinder kommen. Natürlich Papas „weltbeste Nudeln“, ein Gericht, was die Kinder seit sie selbständig essen können begleitet und so eine Art Heimatgefühl vermittelt.

Tatsächlich kommen sie gegen 21:00 Uhr im Hafen an, obwohl die Bahnfahrt 35 km entfernt in „De Panne“ endete und es keinen wirklichen Anschluss gibt. Nun sind wirklich schon groß. 😊

 

Samstag, 03. August 2019    – Dunkerque – Calais –

Heute erst um 8 Uhr los, wir haben nur 25 sm und schaffen das sicherlich in guter Zeit. Die Kinder schlafen einfach weiter, die haben es gut, während wir Daphne wecken und losmachen. Gegen 10 sind wir alle wach und sortieren sich.

Um 13 Uhr legen wir in Calais an, neben einem riesigen Rummel wo jeder Fahrbetrieb seine eigene Musik zu laufen hat. Also Krach und Kreischen bis in die Nacht. Egal, morgens gibt es endlich wieder ein herrliches Familienfrühstück mit allem Drum und Dran. Dann wollen wir nach Calais rein, auch um mal vom Rummel loszukommen. Ehe vier Leute fertig werden vergehen nochmal zwei Stunden.

Calais ist etwas schöner als Dunkerque aber es hält sich auch in Grenzen. Wir wollen Eis essen und finden nicht eine einzige vernünftige Eisdiele. Zum Abendbrot macht Hendrik superleckere Wraps. Ich stelle mich etwas an beim Wickeln und Essen, damit ernte ich mal wieder Antonias hochgezogenen Augenbrauen.

Mittlerweile haben wir 6,5 Meter Tidenhub, den wir alle sechs Stunden mit Daphne hoch und runter steigen.

Sonntag, 04. August 2019    – Calais – Boulogne-sur-mer-

Die Überfahrt war sehr entspannend. Am längsten hat noch die Hafeneinfahrt gedauert. Hendrik wollte sich schon schnell ein Müsli machen aber ich vertröstete ihn mit: „in 10 Minuten sind wir im Hafen“. Frühstück gab es dann ca. 1,5 Stunden später nachdem wir noch zwei Mal mit dem Boot umlegen mussten. ☹

Ich hatte mich vorher schon mal etwas belesen, was es in Boulogne-sur-Mer so geben wird und hatte das Bild einer kleinen verschlafenen Altstadt mit Fischereihafen vor Augen. Tatsächlich liefen wir in einen Hafen, rundherum mit Plattenbauten ein.

Inzwischen haben wir 8,50 Meter Tidenhub. Die Leiter zum Hafengebäude, die bei Hochwasser eine Brücke war, ist nun so steil, dass man sich bei Niedrigwasser am Geländer hochziehen musste. Durch eine Schleuse zum nächsten Hafen, gab es bei uns zeitweise eine sehr starke Strömung, die zu einer brenzliche Situation mit einem anlegenden Segler führte. Bei seinem Anlegemanöver wurde er an unser Heck gedrückt und kam nicht mehr weg. Die gesamte Familie sprang ans Heck, auch von den Nachbarbooten und wir versuchten ihn mit und ohne Fender wegzudrücken. Wenn nicht eine kleine Ankerrolle, deren Entfernung eigentlich noch auf Michas to-do-Liste stand, nicht mehr dran gewesen wäre, hätte er unsere Windfahnensteuerung mit abgerissen. Glück gehabt! Dumm nur, dass es Micha in seiner Last-Minute-Grundeinstellung unterstützt.  😉 Und die Ankerrolle bleibt jetzt dran.

Antonia hat uns anlässlich ihres Geburtstages nachträglich zum Abendessen eingeladen. Im Anschluss gab es zwei Runden Billiard mit gemischtem Doppel, Jungclaus (Antonia/Micha) gegen Jungclaus (Hendrik/Uta) und ging 1 : 1 aus. Also ein rundum gelungener Abend.

Montag, 05. August 2019     – Hafentag – Boulogne-sur-mer-

Hafentag in Bourlogne-sur-Mer weil Windstärke 5 angesagt ist und wir nach England rüber segeln würden. Es regnet fast den ganzen Tag und wir drücken uns zu viert in Daphne herum. Es ist wie zu Hause, jeder bekommt mal kurz seinen kleinen Lagerkoller. Schließlich hörte der Regen auf und wir kamen doch noch in die etwas abgelegene Altstadt. Sie war zwar nur klein, mit einer kleinen Burg aber so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Heute ist unser letzter Abend und wir sind alle etwas wehmütig aber es hilft nichts, Stullen müssen gemacht werden von Hendrik und der Abwasch wartet noch auf Antonia. Wir sitzen trotzdem und ziehen den Abend in die Länge. Der Zug geht um 7:40 Uhr und wir wollen dann auch früh losmachen. Wird schließlich ein langer und anstrengender Tag für uns alle.

Zum Abschnitt 5

Abschnitt 03:     Holland – Staande Mastroute

Sonntag 21. Juli 2019     -Dokkum-

Mein Gott, heute ist schon wieder Sonntag und wir sind jetzt 14 Tage unterwegs. Wach werden auf dem Lauwersmeer, idyllische Ruhe und etwas Sonne. Überhaupt ist es sehr angenehm, dass die Temperaturen jetzt langsam sommerlich werden. Wir leben ja quasi draußen, seitdem wir los sind. Zwischendurch hatten wir auch mal nur 16 Grad auszuhalten, das ist dann weder auf, noch unter Deck angenehm. Wenn man sich bewegt geht es ja aber gemütlich rumsitzen und lesen ist dann nicht angesagt. Die Decken sind auch ein bisschen klamm, was die gefühlte Temperatur noch weiter sinken lässt. Wenn wir dann noch segeln, freue ich mich abends auf die 16 Grad. 😉 Wir haben ja eine Standheizung an Board aber da würde ich mir von Micha tiefste Verachtung abholen, wenn ich das fordere. Also durchhalten, es kann nur besser werden und demnächst sieht das Wetter ja besser aus. Bald sind wir auf der Barfußroute, da müssen wir uns dann andersherum Gedanken machen.

Die Staande Mastroute ist sehr, sehr schön. Es ist wie eine Sightseeingtour durch Holland. Vorbei an weidenden Kühen, Schafen, ja und sogar Schweine sieht man hier, sich draußen rumsuhlen. Weiter geht es durch idyllische kleine Dörfer mit den typischen niedrigen Häusern, wo man sich ducken muss zum Eintreten und darüber ein riesiges Dach. Freilaufende Enten und Hühner selbst in sehr aufgeräumten Gärten sind keine Seltenheit. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Berücksichtigung der Brücken-Öffnungszeiten. Manchmal braucht man nicht einmal die Geschwindigkeit zu drosseln, weil sie sofort aufgehen, andere öffnen nur zwei Mal am Tag. Da wir mal wieder ohne Plan unterwegs sind, ist es jedes Mal eine kleine Überraschung. Aber wir haben ja Zeit. 😊 Vor allem die Städtchen sind alle durchzogen mit unzähligen kleinen Kanälen, mit 1001 Brücke. Zweimal müssen wir Brückengeld zahlen, das uns mit einem Holzschuh an der Angel abgenommen wird.

In Dokkum haben wir kurz fest gemacht um einen kleinen Spaziergang durch das Städtchen zu unternehmen. Es heimelte mich einfach zu sehr an. Man fährt wie durch Hollands Vorgärten und kann sich gar nicht satt sehen. Alle grüßen sehr freundlich von ihren Liegestühlen oder aus den Garten-Cafés. Auf dem Kanal ist ganz schön was los, Segelboote meist mit stehendem Mast – ist ja klar. Aber noch mehr Motorboote. Die Vielfalt scheint da unerschöpflich, von kleinen Sportlichen bis zu Großen, ja fast Wohnungen auf eigenem Kiel. Auch die MS „Palazzo protzo“ ganz in silber & schwarz gehalten, haben wir heute schon öfter angetroffen.

Dann ging die Liegeplatzsuche los. Praktischerweise gibt es immer wieder an den Seiten kleine Anlegestellen, wo es erlaubt ist zu übernachten. Zum Essen gib es noch Reste von gestern, dadurch habe ich mehr Zeit zum Schreiben.

Nicht weit von uns blökt es leise. Holländische Schafe; sie sehen tatsächlich anders aus als unsere und eines davon lässt sich gerade von einer Elster das Ungeziefer aus dem  Fell picken.

 

 Montag 22. Juli 2019     -Leerwarden-

Nachdem wir Daphne aus dem Schlick bekommen haben, in dem wir gestern Abend etwas eingesunken sind, ging es in das niedliche Städtchen Leerwarden. Hier haben wir Halt gemacht und wollten uns etwas umsehen. Schließlich haben wir ja Urlaub und entschleunigen auch langsam. Uns fehlt auch bald Wasser und mir eine Dusche. Normalerweise duschen wir in einer Marina aber in unserem kleinen Bad geht das auch. Also Wasser bunkern, duschen und gleich noch das Cockpit schrubben. Das war dann alles ein Abwasch. Puuh, als wir fertig waren, war es auch schon 14 Uhr und wir hatten natürlich Hunger, also nun aber wirklich in die Stadt.

Der Tag ist schon wieder fast rum und wir wollen dann doch noch ein bisschen „Strecke machen“ (Micha-Sprech). Starten also gegen 16 Uhr und dann weiter. So stehen wir vor der nächsten Klappbrücke, normalerweise gehen die relativ schnell auf, sodass man nicht extra fest machen muss. Da ich am Steuer bin, darf ich gleich mal üben das Boot stehend im Wasser zu halten. Was für 5 -10 min gut geht aber nach einer halben Stunde verliere ich dann die Geduld und auch die Zuversicht, dass sich die Brücke heute noch öffnet. Auf Nachfragen, was ja vom Boot nicht so einfach ist, erfahren wir, dass es erst 18 Uhr weiter geht.

Wir kommen also recht spät los und die Landschaft wird etwas kahler, industrieller und leerer. Irgendwie finden wir keine Anlegestelle mehr, sowie noch am Tag zuvor, wo es ständig welche gab. Fast hätten wir an einer kleinen Fähranlage schon festgemacht aber uns dann in letzter Minute doch noch umentschieden. Mittlerweile war es 20 Uhr und die Brücken arbeiten laut Informationen nur bis dahin. Also fahren wir weiter und machen uns Mut; „wir haben ja Zeit“, „es ist ja lange hell“ usw. Es kommt eine Ortschaft in Sicht; „da wird schon noch was gehen“. Natürlich eine Klappbrücke davor und Möglichkeiten zum Festmachen aber nicht zum Übernachten.

Wir haben Glück die Brücke geht 20:35 Uhr nochmal auf und wir laufen ins Örtchen Franeker ein und erwischen noch den letzten Liegeplatz. Um 21:25 Uhr gibt es dann Nudeln mit Gemüse und holländischen Parmesan aus Dokkum.

Dienstag 23. Juli 2019   -Ijsselmeer –

Da wir gestern doch etwas später zur Ruhe gekommen sind, dürfen wir heute länger schlafen. 😉 Nein, wir stehen in Ruhe auf, ich mach einen kleinen Spaziergang durch Franeker, wieder allerliebst und gehe zum Bäcker Brötchen holen. Zum Ijsselmeer sind es nur noch 10 sm deshalb haben wir Zeit mit dem Losfahren. Ich nutze sie um von gestern zu schreiben und mal bei meinem Vater anzurufen. Micha fummelt auch irgendwas rum, telefoniert mit der Fraktion usw. Gegen 14 Uhr machen wir los, weiter auf unserem Kanal. Aber wie gestern Abend schon erwähnt, sieht es nicht mehr so nett aus.

Kurz vor dem Ijsselmeer gibt es wieder eine Schleuse, diesmal habe ich das besser hinbekommen. Es war mittlerweile ziemlich heiß ohne, dass ein Lüftchen ging. Es ist der größte See der Niederlande. Durch die künstliche Eindeichung ist die ehemalige Meeresbucht ein Süßwassersee geworden. Das Wasser hier ist wieder sehr flach, man muss sich streng an den Tonnen entlang dem Fahrwasser halten. Micha hat sich die ganze Zeit darauf gefreut, endlich wieder Segel hoch, selbst ohne viel Wind. Um dann erst mal schnell nach unten zu verschwinden, irgendwas ganz in Ruhe zu machen; ich sollte mal kurz übernehmen: du hast alles im Griff? und weg war er. Es gab zwar kaum Wind aber Strömung, was ich so schnell nicht zusammengebracht habe, schließlich wollte ich ja nicht unbedingt bei keinem Wind segeln. Jedenfalls trieben wir doch recht schnell auf eine rote Tonne zu und ich wusste noch nicht ob jetzt backbord oder steuerbord dran vorbei. Auch ließ sich das Boot nicht richtig steuern ohne Wind. Schließlich rief ich Micha doch sehr eindringlich, der dann den Motor kurz starten musste um nicht gegen zu knallen. Danach durfte ich mir dann erst mal was anhören…..

Schließlich sind wir dann doch noch lieb und heile durch eine total überfüllte Schleuse gekommen, nachdem wir eine Stunde mit vielen anderen Booten vor einer nicht öffnen wollenden Brücke standen. Fast alle sind wir dann gemeinsam kurz hinter der Schleuse zum Ankern gefahren. Es sah ein bisschen so aus, wie auf einem Wasserparkplatz. Micha hat wieder einen Freund gefunden, der ihm den Ankerplatz weggenommen hat. 😉

Mittwoch 24. Juli 2019        Ijsselmeer – Markermeer

Heute ging es wieder durch eine Schleuse ins Markermeer. Zwei riesige Dämme trennen die ehemalige Meeresbucht und verbinden das Land gleichzeitig dadurch mit Autobahnen. Es sieht irgendwie grotesk aus.

Heute ist nichts Aufregendes passiert außer, dass es immer heißer wird. Am Steuers stehen in der prallen Sonne geht gerade gar nicht, wie gut, dass wir einen Autopiloten haben. Da müssen wir uns dann auch noch etwas einfallen lassen je weiter wir in den Süden kommen. Trotzdem habe ich heute wieder ein paar Nachhilfeeinheiten in punkto Segeln erhalten. Es ist nämlich nicht so einfach mit wenig Wind zu segeln, bzw. das Boot zu steuern.

Nach der Schleuse, hieß es wieder Ankern, so ähnlich wie der letzte Abend aber nur noch mit drei Booten, dafür wieder mit Blick auf den nächsten Damm bzw. Autobahn.

Die Wellen ließen langsam nach und es war immer noch furchtbar heiß. Also erst einmal ab ins Wasser. Das erste Mal seit unserer Reise. Es ist noch etwas kompliziert mit dem Schwimmen, weil wir noch keine Badeleiter dran haben, die musste der Windfahnensteuerung erst einmal weichen. Eine andere musste her und zum Anbau hatte die Zeit in Stralsund nicht mehr gereicht. Machen wir alles unterwegs, sagt Micha. So wie noch kleine Innenausbauten, mein Brett im Küchenschrank, Satellitentelefon einrichten für Wetterberichte und noch so einige Kleinigkeiten.

Donnerstag 25. Juli 2019 – Amsterdam-

Heute haben wir Amsterdam als Ziel, eigentlich ganz einfach aber dann doch wieder nicht. Es sind nur 25 sm. Wind und Wetter stimmen. Es ist doch tatsächlich nirgends zu finden, wo und wie man am besten nach Amsterdam reinfährt. Das Problem ist nämlich, dass man nur nachts durchfahren kann, wegen der vielen Brücken und dem Verkehr. Normalerweise stellt man sich ja einen Plan oder eine Anleitung vor wie z. B.; von wo geht’s los? Wann? Welcher Weg geht durch die Stadt. Oder in welchem Hafen bleibt man und wann landet man dann mitten in der Nacht wieder wo? Wir haben auch auf öffentlichen Seiten gesucht, wie der „Niederländischen Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung“, sowie auf etlichen Berichten wie man es am besten anstellen könnte. Mindestens genauso viele Möglichkeiten haben wir jetzt und sind genauso schlau wie vorher. Wir werden heute bzw. morgen unseren Weg durch Amsterdam schon finden und unseren ganz persönlichen Erfahrungsbericht ins Netzt stellen um die Verwirrung zu vervollständigen. 😉

Schon wieder etwas Anspannung und Neues aber wir haben jetzt auch schon bemerkt, dass dies wohl das charakteristische unserer Reise bleiben wird. Schließlich kann man ja nicht die ganze Welt im Detail vorweg planen und auch nicht alles in Büchern dabeihaben. Das hatten wir vorher wahrscheinlich verdrängt. Es ist immer noch kein richtiger Alltag. Nur die Dinge, die jeden Tag auch hier passieren, wie Saubermachen, Essen, Abwaschen (ohne Geschirrspüler) Betten machen, Aufräumen, Kochen, Schreibkram usw. Dann aber fast jeden Tag woanders, Einkaufen, Anmelden, Infos ranholen, etc. also immer freundlich und offen auf jeden zugehen, mit jedem smalltalken damit man nicht ahnungslos bleibt. 😊

Das kann man vor allem auch gut in Schleusen, vor allem wenn sie so überfüllt und chaotisch voll sind wie die heute wieder. Hatte ich letztens schon geschrieben, dass sie voll ist so war es diesmal eine Katastrophe. Hier werden Kämpfe ausgestanden, Ehen fast getrennt und Freundschaften geschlossen.

Freitag 26. Juli 2019      – Hafentag – Amsterdam-

Amsterdam bei 37 Grad ist nicht wirklich schön. Gestern gab es kein Lüftchen und wir sind sofort ins Hafenbecken gesprungen, nachdem wir angelegt haben. Normalerweise ist das nicht unser erster Impuls aber es waren so viele im Wasser, dass wir nicht weiter darüber nachgedacht haben. Nachts schlafen ohne alles, bis auf einmal so ein Wind aufkam, dass unsere Mückengaze durchs Boot flog. Es brach ein riesiges Gewitter über uns herein mit von 0 auf 6 Windstärken.

Heute kam Nicki, eine Studienfreundin von mir aus Berlin, mal ganz spontan für ein paar Tage. Als erstes stand wieder Baden im Hafenbecken auf dem Plan, etwas anderes ging einfach nicht. Da es ohne Badeleiter keinen Spaß macht immer rein und raus zu kommen, entschied sich Micha sie anzubauen. Nicki bot ihm an zu assistieren. Er wollte natürlich wieder alles alleine machen. 😉 Es war dann doch ein etwas längeres bzw. kompliziertes Unterfangen und die beiden waren für min. zwei Stunden eine Einheit.

Micha versuchte schwimmend mit Hut und Akkuschrauber die Schrauben von unten in die Teakholzlatten zu treiben.

Als Nicki ihm die Badeleiter runtergab, verwand er kurzzeitig mit Leiter und Hut im 8 Meter tiefen Wasser des Hafenbeckens. Schnell griff sie wieder nach ihr, damit Micha wieder hochkam. Ich habe davon leider nicht so viel mitbekommen, weil ich dann im Backoffice-Bootbereich nicht mehr gebraucht wurde und kurzzeitig eingenickt bin.

Eben waren wir alle baden und sind über eine Badeleiter wieder an Bord gekommen. Jetzt ist es gleich 20 Uhr und wir gehen trotz der Temperaturen Amsterdam unsicher machen.

 

Samstag 27. Juli       -Holländische Nordsee-

Nachdem wir uns gestern noch einmal erkundigt haben, müssen wir leider auf die Nachfahrt durch Amsterdam verzichten oder noch zwei Tage warten. Die Mechanik der Brücke ist aufgrund der hohen Temperaturen nicht funktionstüchtig. Daher wird sie seit Tagen mit einem Wasserschlauch gekühlt. Es müsse sogar ein Teil herausgeschnitten werden wurde uns gesagt. Wahrscheinlich ist die Ausdehnung so extrem bei den 37 Grad, dass sie klemmt.

Gut; wieder Planänderung, nachdem wir nun unseren ganz eigenen endlich hatten. Wir haben also Amsterdam auf dem Hauptkanal in Richtung Nordsee verlassen und damit auch die Staande Mastroute. Wiedermal durch eine Schleuse, die für uns heute ganz easy war. Nicht so voll und dann noch zu Dritt mit Nicki. Nickis erstes Mal 😊

Kurzzeitig haben wir überlegt, ob wir die Küste noch etwas weiter runter segeln wollen. Aber es ist schon 15 Uhr und wir müssten mindestens 25 sm machen. Wenn wir fünf Knoten fahren dann wären es fünf Stunden aber wenn nicht, dann wird es zu spät. Außerdem ist die neue Mannschaft noch nicht umfangreich eingewiesen in die Sicherheitsregeln. Wir fahren in den Hafen und machen das dort ganz in Ruhe. Das Anlegemanöver war auch nicht so ohne, glückte aber auf Anhieb durch Nickis beherzten Spagatschritt auf den Steg.

Heute geht es früh ins Bett, weil wir morgen um 5 Uhr früh weiter nach Den Haag wollen.

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Abschnitt 02: Elbe –  Nordsee

Sonntag, 14. Juli 2019   Brunsbüttel – Schleuse – Cuxhaven

Heute ist es nur ein Katzensprung 15sm, deshalb können wir uns Zeit lassen. Das ist auch wirklich notwendig. Haben wir doch beide das Gefühl gehetzt zu sein. Michas ständige Mahnung wir hätten schon zwei Tage verloren, hat Hendrik gestern mit seiner Ironie entkräftet: „Dann braucht ihr eben drei Jahre und zwei Tage“.

So haben wir uns unsere nächste Route dann auch angeschaut und tatsächlich sind wir schon wieder im Plan. So einfach ist das manchmal. Ganz genau haben wir uns aber heute den Gezeitenatlas „Reeds“ für die Reiseplanung hinzugezogen. Er erinnert mich an das Tafelwerk früher, lange Listen mit Werten die dann ins Verhältnis zu Zeit, Strömung, Datum und Wassertiefe gesetzt werden müssen.

Nachdem wir dann in unserem eigentlichen Hafen noch einen wichtigen Brief abgeholt haben, den Micha sich dringend hat nachschicken lassen, konnten wir uns endlich auf den Weg machen und den NOK hinter uns lassen.

Gezeitenhafen in Cuxhaven, sehr interessant, fast etwas mystisch. Gerade Niedrigwasser, das heißt die Boote liegen ganz tief und die Schwimmstege sorgen dafür, dass man von Bord kommt. Rings herum neue schicke Häuser, aber schon mit marodem Charme. Kenne ich sonst nur manchmal von Griechenland, wo schon in der Bauphase das Geld ausgeht.

Montag 15. Juli 2019     -Cuxhaven-

Hafentag, gottseidank, das haben wir auch gebraucht. In unserem Tidehafen sieht es am nächsten Tag schon ganz anders aus. Gestern lagen wir tief unten wegen Niedrigwasser. Heute sind wir ziemlich aufgestiegen, zusammen mit den Schwimmstegen, sonst hätten wir auch ein Problem, die Boote sind ja daran fest gemacht. Schon ein gut ausgeklügeltes System. Die Kneipe unter der wir gestern Abend noch angelegt haben ist jetzt fast auf gleicher Höhe. Wir können den Leuten zuhören und auf den Tisch schauen, evtl. auch was bestellen 😊

Der Tag plätschert so dahin, einkaufen, Stadt durchlaufen, Post suchen, aufräumen usw. Ich sortiere zum zweiten Mal die Badschränke durch, weil ich doch nichts finde und Micha schon eine mittlere Krise bekommt. Und nach ausführlicher Wetterbetrachtung für die nächsten drei Tage entscheiden wir doch nicht morgen schon los zu fahren, weil 5 Windstärken einfach nicht sein müssen. Micha hat jetzt auch nicht mehr das Gefühl „Tage zu verlieren“ und bleibt entspannt nach unserer Entscheidung.

Die komplizierte Wegberechnung mit Hoch- und Niedrigwasser, Strömung und Wind ist nicht ohne und das gleich zweimal. Wenn wir losfahren brauchen wir mindestens 1,80 und für den angesteuerten Hafen ebenfalls und das noch zu unterschiedlichen Zeiten und bei ungewisser Ankunft. So einfach mal losfahren wie bisher in der Ostsee, ist hier nicht. Aber wir haben einen Plan und morgen noch einen Hafentag.

Dienstag 16. Juli 2019   -Cuxhaven-

Wir haben doch noch Termine. Einiges was zuhause noch gedauert hat und nicht erledigt werden konnte, machen wir heute. Außerdem mache ich heute auch noch große Wäsche (im Waschcenter) und mal wieder Logbuch und Blog schreiben. Neben WhatsApp, Facebook und Instagram versuchen wir noch jeden Tag etwas zu schreiben, sonst kommt man schon nach einen Tag durcheinander. Denn von normalem Bordalltag kann noch nicht die Rede sein, jeder Tag ist anders. Momentan hat sich noch keine Routine eingestellt. Wir stehen noch ziemlich unter Strom, das wird wohl auch noch eine Weile so dauern. Wenn man glaubt, wir haben jetzt Zeit, der irrt leider. Ich dachte, wenn wir erst mal los sind fällt alles von uns ab. Momentan habe ich das Gefühl fast nur zu schreiben und zu organisieren. Urlaub ist das jedenfalls noch nicht. So kann das auch nicht bleiben, soviel steht fest. An Hafentagen schafft man einiges weg, dafür an anderen fast nichts. Außerdem wollte ich ja keinen Stress mehr. 😉

Heute haben wir unser finnisches Pärchen wieder getroffen, die in der Schleuse vom NOK hinter uns waren. Sie sind auch auf dem Weg nach Spanien. Ein anderes Pärchen mit Kind, die ich auf meinem Medizin Kurs kennen gelernt hatte, starten auch gerade. Wir haben heute kurz geschrieben. Sie wollen ganz sportlich von Helgoland mal eben nach Ramsgate (England)

Mittwoch der 17. Juli 2019         Cuxhaven – Wangerooge

Früh halb 5 klingelt der Wecker, laut unseren Berechnungen sollten wir so los wegen Strömung Tiede usw. Die Finnen sind sogar um drei los. Sie wollen aber auch bis Norderney kommen. Unser Plan ist erst einmal Wangerooge, natürlich abhängig von Wind und Wetter, evtl. auch Langeoog. Wir sind ja noch nicht so Nordsee-erfahren, daher lieber ruhig angehen lassen. Die Strömung ist schon nicht zu unterschätzen.

Da wir im Hafen hinter einer Klappbrücke liegen, musste Micha den Hafenmeister kurz vor fünf anfunken um sie öffnen zu lassen. Jeder hatte also seine Aufgaben; ich Kaffee kochen, Seeventile dicht machen und alles was rumfliegen kann sichern. Frühstücksbrote hatte ich schon am Abend vorher eingetütet. Nichts ist schlimmer als wenn du Hunger hast und nicht runtergehen kannst, wie am zweiten Segel Tag. Man lernt ja dazu. Das es diesmal gar nicht notwendig war, spielt ja keine Rolle.

Da wir ganz klassisch aufgeteilt sind, hat Micha natürlich die Hauptarbeit und Verantwortung zu tragen. Wie er mir immer mal wieder erklärt, ist er der Skipper und ich bin die Mannschaft. Das heißt, er hat eine Aufgabe und ich alle andern. 😉

Aus der Elbe mussten wir erst einmal rausmotoren mit einer Strömung von +2kn. Dann hatten wir einigermaßen Wind, der aber nicht ausreichte bis Wangerooge. Also wieder ziemlich lange mit Motor an diesem Tag. Das gefällt uns natürlich gar nicht aber was will man machen. Da wir so früh aufgestanden sind wurden wir sehr schnell müde. Micha hat einmal geschlafen während der Fahrt und ich gleich drei Mal. Nach seinen Nudeln mit Tomatensoße wollte er sich um 21:00 nur mal kurz hinlegen und schlief bis zum nächsten Tag ca. 12 Stunden. Die letzten Wochen fordern jetzt doch ihren Tribut und segeln scheint auch nicht nur entspannend zu sein. Bisher hatten wir auch noch nicht einen Tag mal „easy sailing“. Alles neu und dann auch noch jeden Tag anders, das schafft irgendwie doch mehr als man denkt.

Ein Gezeitenhafen ist für uns Ostseesegler natürlich eine Herausforderung. Und man will ja auch nicht so ganz ahnungslos daherkommen. Aber Einfahrt usw. hat alles gut geklappt auch zur richtigen Zeit. Nur war kein Steg mehr frei, daher mussten wir uns ins Päckchen legen, heißt nicht am Steg, sondern an einem anderen Boot ähnlicher Größe fest machen. Das Wasser fiel auf eine Höhe von 1,40 m ab, was für uns bedeutete das wir mit ca. 40 cm in den Schlick einsinken würden. War gar nicht zu merken und mit der nächsten Flut wurden wir ja wieder angehoben. Es war doch sehr beeindruckend, wie das Wasser einfach so wegging und ringsherum das Watt zusehen war. Wir sind noch nicht mal aus Deutschland raus und schon so viel Beeindruckendes.

Donnerstag, 18. Juli 2019            Wangerooge – Norderney

Von Wangerooge haben wir nicht viel gesehen, nur den Hafen, weil wir schon wieder weiterwollten. Aber ganz ruhig sind wir gegen 11 Uhr gestartet, schließlich mussten wir wieder den richtigen Wasserstand abwarten. Ich wäre ja gern noch mit der Bahn in den Ort ins Café Pudding gefahren.

Aber unser nächstes Ziel heißt Norderney. Da ich ja ein Ostseekind bin, war ich schon richtig gespannt, was es mit der Nordsee so auf sich hat und natürlich auf die berühmten Inseln.  

Wir kamen ganz gut voran aber richtig passenden Wind hatten wir wieder nicht, einfach zu wenig und immer mal etwas drehend. Dann braute sich der Himmel etwas zusammen und es sah nach Regen aus. Das ist einfach eine ganz schlechte Kombi… Okay, dann also wieder Motor an, ganz unökologisch. Als wir uns dann Norderney mit seiner Skyline näherten, war ich doch etwas enttäuscht. Die Bausünden der 70er Jahre begrüßten uns ganz stolz, als wären sie etwas Besonderes.

Der Hafen war super voll, quasi kein Platz mehr. Die Boote lagen fast alle im Päckchen. Das heißt wieder an einem anderen Boot fest machen, nur das es diesmal schon 4 – 5 Boote waren, die nur vorn an einem fest waren. Wir kamen also als fünftes Boot und machten uns an einem Katamaran fest. Schlecht ist es, wenn vorne kleine Boote liegen und hinten dann größere rangehen. Nun war aber alles schon vorsortiert und wir hatten keine Wahl mehr. Mussten also mit unseren 39 Fuß an Kleinere ran. Es dauerte nicht lange und wir wurden zurechtgewiesen vom Skipper der zweiten Yacht von vorn. Nun hatte Micha eine Aufgabe, 😉 mit seiner geübten deeskalierenden Art wurde durch geschickte Fragestellung aus selbigem fast ein guter Freund.

 

Jetzt hieß es aber erst mal über 4 Boote klettern. Dann gab es aber vorn keine Schwimmstege, sondern nur eine extrem lange Leiter runter ins Hafenbecken, die unten einen starken Muschel- und Moosbewuchs hatte, also ziemlich unangenehm zum Anfassen und Hochklettern. Da überlegt man dreimal ob man von Bord muss.

Schließlich hatte sich unsere kleine Bootsgemeinschaft dann arrangiert und es wurde besprochen wer morgen wann als erstes los muss. Unser „Freund“, organisierte für uns den gemeinsamen Umzug der Boote bei Jörg, dem Hafenmeister, diesmal natürlich richtig organisiert.

 

Freitag 19. Juli 2019       Hafentag Norderney

Aufstehen, Frühstück machen, in schönster Sonne rumsitzen und essen. Was will man mehr. Dann kündigte sich unser 5er Hafenmanöver an. Fünf Boote versuchen sich zu entwirren ohne Schaden zu nehmen, das ist uns allen auch gut gelungen. Drei von uns machten wieder gemeinsam fest, diesmal in der richtigen Reihenfolge nach Größe. Also lagen wir jetzt vorn an einem Schwimmsteg nur, dass nun alle über unser Boot kletterten. Wir machten uns auf, um die schöneren Seiten von Norderney zu finden. Nach einem Strandgang bogen wir dann ins Zentrum ein und waren doch überrascht, wie nett es aussah. Schöne Bädervillen, ein Kurpark usw. wie wir es sich gehört und wir es von den wunderschönen Ostseebädern gewöhnt waren.

Nach langem hin und her überlegen, haben wir beschlossen, doch morgen schon loszufahren, weil der Wind zu stimmen scheint, nur das es auch regnen soll. Die Alternative wäre hier noch 2 Tage zu bleiben.

 

Samstag 20. Juli 2019 Norderney – Anjum Holland; Staande Maastroute

Und das war gut so. Wir hatten mal super Wind und der Regen der angesagt wurde war halb so schlimm. Dafür beginnt jetzt gerade, wo ich anfange zu schreiben ein Wahnsinns Wolkenbruch über uns. Da haben wir heute mal so richtig Glück gehabt. Ca. 5,5 kn. Durchschnittsgeschwindigkeit mit Spitzen von 8,5 kn. Obwohl Daphne eigentlich nur 7,5 kn. fährt. Anfangs kam noch 1 kn. Strömung hinzu, so dass wir fast geflogen sind. Wurzel der Wasserlinie des Bootes mal 2,43 ergibt die Höchstgeschwindigkeit. 😉

Ich musste wieder zweimal zwischendurch schlafen um meinen Nachtschlaf aufzuholen. Um 5 Uhr klingelte ja schon wieder der Wecker und irgendwie schlafe ich dann unruhig. Obwohl ja nichts ansteht, keine Arbeit kein Nichts. Einfach nur Urlaub und Segeln. Aber nachts überkommen mich dann doch manchmal so Urängste. Vor allem wenn der Wind etwas aufkommt und man ihn hören kann. So ein Boot hat ja je nach Wind und Schwell seine ganz eigene Geräuschkulisse und ein Hafen erst recht. Micha fühlt sich dabei gleich ganz heimisch, bei mir ist es unterschiedlich.

Wir haben heute dabei auch gleichzeitig Deutschland verlassen und sind in Holland gelandet. Die Staande Mastroute ist eine Alternative um der Nordsee auszuweichen. Wir haben sie durch den günstigen Wind heute etwas abgekürzt, heißt: wir sind länger über die Nordsee gesegelt und haben sie über das Ijsselmeer begonnen. Wir mussten uns wieder rein schleusen lassen, weil es unterschiedliche Wasserstände gibt. Heute haben wir beschlossen, dass ich mal wieder etwas öfter ans Steuer gehe. Das ist wichtig, damit ich dranbleibe und mir auch schwierige Situationen zutraue.  

Wie diese die jetzt auch gleich kam. Und das hatten wir uns nun ausgerechnet für die Schleuse so überlegt. Diese war doch etwas anders und einfacher als im NOK. Neben uns lag ein riesiges Plattbodenschiff und das einströmende Wasser zog uns schräg in dessen Richtung. Und ich habe unser Boot hinten nicht fest bekommen. Micha war vorn schon fest und das Heck drehte immer wieder zum großen Boot hin. Es war ein ziemliches hin und her mit Bugstrahlruder usw. aber es half nichts. Micha musste dann doch das Steuer übernehmen und hat die Situation halbwegs gerettet. Ein paar kleine Schrammen hat Daphne aber doch abbekommen. ☹ Hinter der Schleuse durfte ich aber gleich wieder ran.

So jetzt wird gekocht denn wir liegen vor Anker, da macht uns keiner was. Also die Mannschaft kocht jetzt, Risotto mit Möhren und Zucchini. 😊

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Abschnitt 01:   Stralsund – NOK Brunsbüttel

Montag 08. Juli 2019     -Barhöft-

So, seit gestern sind wir unterwegs! 😊

Aber aufgrund nicht so günstiger Wind- und Wetterverhältnisse, noch nicht so weit wir es uns vorgestellt haben. Gestern nach der riesigen und ergreifenden Verabschiedung sind wir erst einmal in Barhöft gelandet und wollten uns eigentlich gerade ein kleines Nickerchen gönnen. Schließlich standen wir seit Donnerstag irgendwie unter Strom, genau genommen seit zwei Monaten. Da lief mir beim Gang zum Hafenmeister, Michas Tante Ingrid übern Weg. Welch eine große Freude, vor zwei Stunden gerade verabschiedet und wir treffen unsere ersten Gäste schon wieder. 😊

Sie wartete auf den Rest der Familie, die auf dem Rückweg vom Aussichtsturm in der Nähe waren. Also ging es erst einmal in die hiesige „Proviantkiste“, wo wir zu Kaffee und Kuchen eingeladen wurden. Daniel wollte dann noch mit Hendrik eine Nacht im Zelt verbringen, und so kam es, dass er ihn aus Stralsund mit dem Motorrad abholte und wir mit den Beiden einen gemütlichen Abend verbrachten, inklusive Kochen usw.

Also noch nichts mit großer Einsam- oder Zweisamkeit. Irgendwie war es auch ganz gut so, kam doch nach der großen Aufregung irgendwie eine merkwürdige Stimmung in uns hoch. Die Erkenntnis, jetzt ist das alles passiert, worauf wir seit zwei Jahren langsam und seit fünf Monaten sehr intensiv hingearbeitet haben. Sollten wir es tatsachlich geschafft haben? Sind die Entscheidungen richtig getroffen? Ist es richtig die Eltern und Kinder allein zu lassen? Haben wir was Wichtiges vergessen? Hätten wir es doch irgendwie anders machen sollen? Fragen über Fragen….

Gerade haben wir sie noch alle gedrückt und jetzt dauert es erst einmal eine ganze Weile bis es wieder soweit ist. Die tolle Party mit unseren Liebsten, Freunden, Kollegen usw. schwingt in uns noch nach. Cousin Cucki sagte dort zu unserer Tochter Antonia: „Dass die morgen auf Weltreise gehen, kann man sich gerade gar nicht vorstellen. Die feiern hier heute so, als wäre morgen nix weiter los.”

Das Ozeaneum war eine richtig gute Location. Micha kam auf die Idee, als wir vom Boot da so rauf schauten. Das Essen hat geschmeckt, die KellnerInnen waren freundlich und unkompliziert, besser hätten wir es nicht treffen können.

Gottseidank wusste ich nicht was am Sonntag pressemäßig auf uns zukommen sollte, sonst hätte ich die Party wahrscheinlich nicht so genießen können und wäre um 22 Uhr ins Bett gegangen. Nach der kurzen Nacht gab es ein kleines Familien-Frühstück, im engsten Kreise der Familie mit Kindern und Eltern. Mein Vater kam mit seiner Frau Moni extra früh aus Berlin um auch daran teilzunehmen. So waren wir endlich vollständig.

Von unseren Gästen hatten wir uns vorsorglich anderer Geschenke, ein Buch gewünscht, welches sie besonders beeindruckt hat. Dabei blieb es natürlich nicht, teilweise wurden 2 bis 3 Bücher pro Kopf geschenkt, verbunden natürlich mit sehr kreativen Nettigkeiten, wie Kuchen in der Dose, Tagebücher zum Vollschreiben, diverse selbstgekochte Marmeladen usw. alles was man so brauchen und nicht brauchen kann. 😉 Das alles verbunden mit vielen kleinen Briefen und Widmungen und Schutzengeln soll uns nun begleiten. Vielen Dank dafür.

 

Dienstag 09. Juli 2019   Ankerplatz Barhöft – Warnemünde

Nachdem ich gestern Abend nun meine ersten Eindrücke geschrieben hatte und wir gerade in die Koje gehen wollten, bekamen wir an unserem Ankerplatz vor Barhöft Besuch. Wir hatten nämlich entschieden, abends aus dem Hafen auszulaufen und zu einem nahegelegenen schönen Ankerplatz zu wechseln. Einerseits um uns gleich mal daran zu gewöhnen, andererseits um keine Hafengebühr zu zahlen; schließlich müssen wir auf unser Budget achten. 😉

Die Küstenwache kam per Beiboot von einem Größeren zu uns herüber. Es hatten sich noch zwei weitere Segler neben uns eingefunden, die leider ebenfalls besucht wurden. Ja, zu unserer großen Überraschung lagen wir mit nur ein paar Metern im Naturschutzgebiet. Laut Karte empfohlen als sehr schöner Ankerplatz. Heißt: Befahren verboten, bei Bußgeld bis zu 250€. Also das ganze Prozedere mit Papieren usw. vorsichtshalber von uns beiden, falls einer zur Fahndung ausgeschrieben ist. Micha hatte einen ziemlichen Hals. Mal sehen was kommt, wir werde auf jeden Fall Einspruch erheben, da wir das Gebiet nicht wirklich befahren haben. Unser Anker lag außerhalb und wir sind dann lediglich etwas hinein geschwoit.

Erschöpft sind wir dann endlich eingeschlafen, obwohl irgendein Geräusch am Boot, was sich nicht identifizieren ließ, noch nervte. Bis 4 Uhr dann wurden wir beide wieder davon wach. Micha hatte keine Ruhe mehr und wollte dann mal gleich los, hatte keine Lust mehr auf Küstenwache usw. Ich hatte noch keine Lust, kuschelte mich noch einmal in die warme Decke, konnte aber auch nicht mehr schlafen. Spätestens als der Moter angeworfen wurde um den Anker hochzuziehen. Völlig verpennt und etwas missmutig, kletterte ich dann auch aus dem Bett und merke schon den Seegang, der sowieso nicht mehr gemütlich war.

Ich musste mich dann sogar beeilen ins Cockpit zu gelangen, denn unten hielt es niemand mehr wirklich aus. Es geht nur wenn man die Augen zu hat und oben kann man ja auf den Horizont schauen, dann wirds auch besser. Besser ist es auch, man “wächst ” da langsam von Tag zu Tag rein, dann wird man widerstandsfähiger. Dazu hatten wir aber noch keine Zeit gehabt. Die erste Überfahrt von Stralsund war schon nicht die Schönste aber recht kurz und oben im Cockpit kein Problem.

Heute war es Windstärke 5 mit ordentlichen Wellen, die uns und unsere Daphne ordentlich durchschaukelten. Das nächste und bald stärker werdendes Problem war, dass wir kein Frühstück machen konnten. Also nur kurz runter ein paar Kekse gegriffen, gottseidank hatte Micha an Kaffee in der Thermoskanne gedacht. Aus dem anfänglich mulmigen Gefühl wurde uns dann doch richtig schlecht. Micha musste sich übergeben, zum ersten Mal in seiner ca. 20jährigen Segelerfahrung. Ich kämpfte noch mit mir, dann fielen ihm die Superpepp-Kaugummis ein. Das war dann meine Rettung, sonst wäre ich auch dran gewesen. Trotzdem, es war dann gegen 12 Uhr und wir hatten immer noch nichts Richtiges gegessen, kein Tag jedenfalls um jemand zum Segeln zu gewinnen.

20:30 Uhr kamen wir dann ziemlich erschöpft in Warnemünde an und bekamen noch ein warmes überteuertes Abendbrot. Fazit: Gute Vorbereitung ist alles, vor allem auch fürs leibliche Wohl, denn davon hängt ab, wie man sich fühlt und dann auch navigiert.

 

Mittwoch 10. Juli 2019 Warnemünde – Insel Poel

Ich habe “Rücken”. Wahrscheinlich muss sich jetzt doch der Stress der letzten Tage und ja eigentlich Wochen mal seinen Raum nehmen. Bisher haben wir ja super oder einfach nur noch funktioniert. So würde ich die letzten Wochen beschreiben. Von Urlaubsmodus noch keine Spur, wie auch, ist einfach noch einiges was auch jetzt noch erledigt werden muss. Aber ich will nicht jammern, wir wollten es ja so und haben ja noch ganz viel Zeit.

Am meisten hat mich die Vermietung unserer Wohnung beschäftigt und auch mitgenommen, weil es sich so ewig hingezogen hat. Dann als es endlich geklappt hatte, mussten wir auch schon ausräumen. Auch die Kinder mussten ihre Kinderzimmer räumen, das war schon sehr emotional. Für unseren Kater hatten wir gehofft, dass er mit Wohnung übernommen werden würde. Einige Interessenten wollten das auch gerne tun, dann hat aber immer irgendwas nicht geklappt. Jetzt haben wir tolle Mieter gefunden, die aber mit Hund einziehen. Das wird dann wohl nichts werden, obwohl sie nicht abgeneigt wären, wenn sich beide verstehen. Jolanta und Lukas haben sich dann bereit erklärt, sie wohnen im selben Haus und die drei kennen sich schon gut.

Die Überfahrt heute von Warnemünde zur Insel Poel war die reinste Erholung zu gestern. wir haben wunderbar geankert im Salzhaff. Ein wahrer Natursee, geschützt und so still wie schon lange nichts mehr. Während der letzten Seemeilen konnte ich schon ein kleines Abendbrot zaubern, so ruhig war die Fahrt. Vor dieser Kulisse gab es dann Reis mit Champignons.

Ich muss noch etwas gestehen: gestern Abend hatten wir den Bootshaken gebraucht um die Leinen über die Dalben zu legen. Ich war gerade dabei ihn wieder auf dem Vorschiff fest zu machen, als mich Micha rief, ihm bei irgendetwas zu helfen. Ich legte ihn nur kurz ab an die Seite und hatte vergessen ihn festzuklemmen. Und nun sehe ich, dass er weg ist. Fazit: immer erst alles klar Schiff machen bevor man losfährt.

 

Donnerstag 11. Juli 2019             Insel Poel – Fehmarn

Ich werde wach und höre nichts, kein Geräusch, gar nichts, so sehr ich mich auch anstrenge. Weiß nicht wann ich so eine Stille mal erlebt habe. Endlich Sonne, endlich warm, wir konnten kurz anziehen. Und ganz allein auf dem riesigen See, ganz weit weg ist noch ein einsamer Segler. Lauter kleine schwarze Tierchen sitzen auf allem was hell ist. Wir müssen erst einmal eine kleine Invasion wegscheuchen, bevor wir alles aufreißen. Frühstück vor der grandiosen Kulisse des Salzhaffsees vor Poel. Ich bekomme zum ersten Mal in meinem Urlaub, der schließlich schon 1,5 Wochen dauert, so etwas wie Urlaubsstimmung. Micha macht auch keinen Stress, dass wir gleich losmüssen. Alles mal ganz friedlich. Beim Auslaufen zeigte sich eine schwimmende Kegelrobbe.

Schließlich machen wir uns auf den Weg Richtung Fehmarn mit recht schwachem Wind. Die Hälfte der ca. 25sm ging es auch gut und ruhig voran, bis dann der Wind vollends einschlief. ich fand es trotzdem total erholsam, musste ich doch mich um nichts kümmern, nur dass ich jetzt nicht zu viel Sonne abbekomme, also nahm ich mir das erste Buch vor. Von meiner Mutter “Bonjour Tristess”, gerade richtig und nicht zu dick für den Anfang. Ich erlebte meinen ersten richtigen Urlaubstag, mit lesen, gammeln und schlafen. Micha nutzte die Flaute um zu werkeln, er war sogar sehr fleißig und baute bei unserer Windfahnensteuerung den Radadapter an und das Ruderblatt.

Die See war spiegelglatt und etwas diesig, es hatte etwas gespenstiges, als wir auf einmal ein Pusten hörten. Das Geräusch kannten wir schon vom letzten Jahr aus Schweden. Wir bekamen, dieses Mal netten Besuch und zwar von zwei Schweinswalen. Noch etwas weit weg aber sie tauchten immer mal wieder auf. Zum Schluss mussten wir doch eine ganze Weile Motoren, da gar nichts mehr ging um zu unserem nächsten Ankerplatz vor Fehmarn zu kommen.

Freitag 13.Juli 2019        Fehmarn – Kiel

Ankerplatz wieder auf einer kleinen See aber diesmal etwas voller, ringsum Strand mit Zeltplätzen, ein Gewerbegebiet und mindestens fünf weiteren Seglern vor Anker. Trotzdem schön, Wetter war okay, die Sonne schien und der Wind stimmte auch halbwegs. Ruhig und unter Segeln passierten wir die große Fehmarnsund-Brücke. Später gab es einen kleinen Schauer, nichts Dramatisches – ich hatte einen Grund mich nach unten zurück zu ziehen um wieder einen kleinen Nachmittagsschlaf zu machen. Micha managte alles, dafür gab es später lecker Abendessen von mir. Zucchini-Kartoffelrösti mit Räucherlachs. Das macht mir wiederum richtig Spaß, schauen was da ist und irgendetwas daraus zaubern. In einigen Wochen wird die Arbeit in der Pantry wohl noch anspruchsvoller, wenn nicht mehr zwei Mal die Woche nachgeladen werden kann. So, wir nähern uns unserem abendlichen Schlafplatz, vor Kiel, weil morgen gehts in den Nord-Ostseekanal. 

Samstag 14. Juli 2019    Nord-Ostsee-Kanal – Brunsbüttel

Um 5:30 klingelt der Wecker, kurz vor 6 schrecken wir hoch. wir wollen möglichst früh am NOK sein, damit wir heute locker durchkommen. 98km entspricht 53sm von Kiel nach Brunsbüttel. Aber ich bin um 6 noch mit einer Freundin verabredet, die zufällig gerade bei ihrer Tochter in Kiel ist. Als sie gestern die Bilder über WhatsApp von uns bekam, war klar, dass wir uns noch irgendwie kurz sehen müssen. Henriette stellte sich also extra um 4:30 ihren Wecker um uns noch kurz zu sehen und 10 Minuten Tschüss zu sagen. Und noch eine Verabredung habe ich heute: Kathrin wohnt fast am NOK ist mir in Erinnerung, wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Also schreib ich sie an und es klappt, sie kommt zur Eisenbahnbrücke in Rendsburg. Unten gibt es ein Schiffsbegrüßung- Point, dort steht sie mit vielen anderen und für uns wird sogar die Nationalhymne gespielt. Es war so, wie heute früh auch schon, ein kleines Highlight auf unserem Weg.

14 Fähren, 10 Brücken zieren den NOK. Recht mäßiger Verkehr währen unserer Passage dafür, dass es die am meisten befahrene Wasserstraße der Welt ist. 30 000 Schiffe im Jahr – ohne keine Yachten oder Sportboote. Aber nun ist heute Samstag, das wird auch eine Rolle spielen. Ca. 20 große bzw. Container- Schiffe sind uns entgegengekommen und ca. 15 haben uns überholt.

12 Stunden haben wir motort bei durchschnittlich 4,5 kn. Einmal haben wir versucht die Segel zu setzen. Das kann man machen, wenn der Motor mitläuft, hatte aber nicht wirklich geklappt. Vorbei ging es an viel Grün, Häusern, Fähren, einigen Campingplätzen, Anglern, Seevögeln, schlafenden Enten usw. es gab immer was zu gucken. aber der Dieselgeruch und der laufende Motor haben uns dann irgendwann gereicht. Am Ende verspürten wir eine leichte Übelkeit und einen brummenden Schädel. wir waren dann froh endlich durch zu sein. Morgen erwartet uns nur ein kleines Stück von Brunsbüttel nach Cuxhaven, also evtl. mal etwas ausruhen. Dann ist ja auch Sonntag 😉

Nein, Sonntag ist noch lange nicht. Wir waren zwar froh durch den Kanal und ganz unkompliziert durch die Schleuse durch gelangt zu sein aber auf der anderen Seite erwartete uns ein neuer Reiseabschnitt…. Die Elbe und die Nordsee mit Tidenhub usw. Nicht, dass wir das nicht gewusst hätten, aber leider hatte sie gerade Niedrigwasser und wir kamen nicht in unseren geplanten Hafen mehr rein. Einen anderen gab es hier auf dieser Seite nicht und bis Cuxhaven war es dann zu weit. Also wieder zurück schleusen und im NOK in den Hafen, wo wir dann schon vor einer Stunde hätten sein können. Es gibt nichts Unangenehmeres als wenn du denkst, du hast es geschafft und dann hängen sich noch einmal 2 Stunden ran. Der Magen knurrte schon, es war kalt und kabbelig, die Elbe zeigte sich nicht gerade von ihrer angenehmsten Seite.

Im ersten Moment war ich sauer und wollte Micha Vorwürfe machen. Klar, dann fühlt man sich immer besser, wenn ein Schuldiger identifiziert wird. Dann besann ich aber mich eines Besseren, wir sitzen ja im selben Boot. Und er war natürlich auch nicht gerade gut drauf. Außerdem hätte ich das auch vorher hinterfragen können. Schließlich lagen wir dann gegen 21 Uhr im völlig überfüllten Hafen von Brunsbüttel – nur eben auf der anderen Seite und haben um 21:30 Uhr sogar noch ein warmes Essen bekommen.

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