Aufregung in Bogotá

Als wir auf die belebte Fußgängerzone im Zentrum von Bogotá einbogen, ahnten wir noch nicht was uns bevorstand. Wir hatten gerade in einem gemütlichen Straßencafé eine kleine Stärkung zu uns genommen und wollten anschließend von der Fußgängerzone in das 2 Kilometer entfernt gelegene Nationalmuseum laufen.

Meine Laune war noch immer ein wenig getrübt von unserem Erlebnis am Flughafen Medellín am Morgen desselben Tages. Der Internetanbieter bei dem wir den Rückflug nach Santa Marta gebucht hatten, schickte uns drei Tage vor Reisedatum eine Mail mit der Verschiebung unseres Fluges um sechs Stunden. Als wir dann am Schalter der Fluggesellschaft standen, erklärte uns die dortige Mitarbeiterin, dass die Mail von der Internetagentur ein Fehler sei, für den die Fluggesellschaft allerdings nichts könne und wir müssten nun ganz regulär einen neuen Flug buchen. Das Geld könnten wir uns dann ja von der Agentur zurückholen. Ich spürte wie meine Halsschlagader anschwoll. Die sich anschließende Diskussion brachte nichts, außer dass der Folgeflug inzwischen auch nicht mehr buchbar war. Völlig frustriert buchten wir schließlich den doppelt so teuren Flug einer anderen Gesellschaft. Wir erreichten Bogotá dann am späten Vormittag und nach dem Einchecken in einem kleinen gemütlichen Hotel im Zentrum der 2.500 Meter hoch gelegenen Stadt war der Ärger fast schon wieder vergessen.

Genau am Ende der Fußgängerzone kam eine Frau mit einigen Zeitschriften schnurstracks auf mich zu. Ich wollte ein wenig ausweichen, wie es meistens bei zu aufdringlichen Straßenverkäufern ausreicht, doch bei ihr half das nicht. Sie kam immer näher, mit ihren Zeitungen wild unter meiner Nase herumfuchtelnd. Ich hatte bereits eine Ahnung wozu dieses Manöver dienen sollte. So schnell sie an mir dran war, versuchte sie auch schon wieder sich von mir zu entfernen. Ich sah gerade noch die andere Hand hinter ihrem Rücken verschwinden. Reflexmäßig tastete ich nach meinem iPhone, das ich kurz zuvor noch benutzt hatte. Es war weg. Instinktiv hielt ich die Frau am Arm fest bevor sie verschwinden konnte. Jetzt begann ein großes Geschrei und ich fragte mich, ob das tatsächlich so eine gute Idee war. Obwohl ich mir fast absolut sicher war, was gerade passiert ist, ein wenig Restzweifel blieb. Bin ich jetzt der böse Tourist, der auf offener Straße eine arme, unschuldige Frau am Arm festhält? Anderseits war es einfach zu offensichtlich: Die Annäherung, das Verdecken der Hand, die Armbewegung hinter sich – ich hatte auch den Eindruck im Augenwinkel noch eine zweite Person hinter hier vorbeihuschen gesehen zu haben. Sehr verdächtig war natürlich auch ihr übertriebenes Gezeter; kein bisschen überrascht, wie es sicherlich bei einem Missverständnis der Fall gewesen wäre. Ohne den Ärger mit der Fluggesellschaft zuvor, wäre ich eventuell etwas weniger resolut aufgetreten. So aber hieß es für mich: Nicht jetzt noch einmal Opfer! Bei der Brieftasche wäre der Verlust noch überschaubar gewesen. Geld haben wir nie viel dabei, die Kreditkarte hätte man schnell sperren können und meinen Führerschein kann ich neu beantragen. Das iPhone zu ersetzen hätte aber trotz regelmäßiger Backups einen Riesenaufwand bedeutet.

Ich hielt sie also weiterhin fest und bat Uta, ihre Taschen abzutasten. Es war nichts zu finden. Stattdessen zeigte sie nun Uta ihr eigenes Smartphone – scheinbar als Beweis, dass sie meins nicht hat. Uta reagierte kurzentschlossen und nahm es ihr weg. Die Situation wurde dadurch zwar noch komplizierter für den Fall, dass wir uns irrten, aber falls nicht, hatten wir nun ein Tauschmittel. Doch auch das brachte keinen Erfolg. Sie wollte oder konnte nicht tauschen. Aufgeben war für sie aber ebenfalls keine Option. Sie biss mir in die Hand, mit der ich sie immer noch festhielt und nutzte meinen kurzen Schreck um wegzurennen. Nach einigen Metern hatte ich sie wieder eingeholt und drückte sie nun mit ihren beiden Armen auf den Rücken gegen eine Mauer am Rande des Bürgersteigs.

Natürlich wieder mit einem Restzweifel ob das alles so okay ist, was wir hier veranstalten. Inzwischen standen auch schon diverse Schaulustige um uns herum. Diebstahl ist in Kolumbien äußerst verpönt. Es kommt nicht selten vor, dass Opfer und Zeugen die Täter vor der Polizei erwischen und unter Beifall der Herumstehenden heftig verprügeln. Einmal wurden wir Zeuge einer solchen Aktion, die Polizei hatte reichlich zu tun, die aufgebrachte Menge zu beruhigen.

Während ich immer noch die Frau festhielt, fragte mich ein Unbekannter, was los sei und bot mir seine Hilfe an. Ich zögerte, vielleicht war dies ja der verschwundene Komplize. Langsam war ich ratlos. Schließlich fiel mir ein, dass es eine gute Idee sein könnte, laut nach der Polizei zu rufen. Die Umstehenden sehen dann besser wie die Rollen verteilt sind und eigentlich sind auf den Straßen hier ja immer recht viele Ordnungshüter präsent. Von diesen Rufen aufgeschreckt, riss sich die Diebin plötzlich erneut los und rannte die Straße entlang. Ich zögerte und überlegte erstmals aufzugeben. Als aber der Helfer an meiner Seite die Verfolgung aufnahm, schöpfte ich neue Kraft und setzte ebenfalls zum Sprint an. Wegen der Höhenluft, dachte ich noch, dass ich das Tempo vermutlich nicht lange halten könnte, da hatten wir sie schon wieder eingeholt. Durch das laute Geschrei war inzwischen auch die Polizei alarmiert und bildete auf der Kreuzung auf die wir alle zuliefen, ein kleines Empfangskomitee. Sekunden später lag die Diebin in Handschellen auf dem Boden. Aber selbst aus dieser Position rappelte sie sich wieder auf und startete den nächsten Fluchtversuch, der diesmal allerdings bereits nach wenigen Metern endete.

Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass sie nicht unschuldig war. Und gerade als vier der Polizisten mit ihr zurückkehrten, tauchte aus der herumstehenden Menschenmenge überraschend ihr Komplize auf und versuchte Uta mein verschwundenes iPhone im Austausch gegen das, der Diebin zu überreichen. Ein Polizist, der dies beobachtete, griff sich blitzschnell beide Telefone und legte dem Mann ebenfalls Handschellen an. Während des kurzen Gerangels versuchte er noch ein Klappmesser aus seiner Tasche heimlich wegzuwerfen was misslang, da einige der Herumstehenden dies den Polizisten lautstark anzeigten. Nun war die Situation erst einmal geklärt und wir konnten ein wenig durchatmen sowie notdürftig meine blutende Hand reinigen. Die Diebin hatte inzwischen wohl realisiert, wie die Sache für sie ausgehen wird und begann lautstark, mit weinerlicher Stimme in unsere Richtung zu rufen und gestikulieren. Ich war hin- und hergerissen zwischen Wut und Mitleid. Vermutlich werden Armut und Verzweiflung sie zum Stehlen gebracht haben. Andererseits ist das natürlich keine Entschuldigung für solche Taten. Zumal dies kein spontaner Diebstahl, sondern eine gemeinschaftlich geplante Tat war, sicherlich nicht zum erstem Mal. Die allermeisten Menschen hier sind trotz schwieriger Lebensbedingungen ehrlich und freundlich. Die wenigen Kriminellen hingegen gefährden nicht nur ihre Opfer, sondern auch die insgesamt recht positive Entwicklung Kolumbiens der letzten Jahre.

So standen wir also auf einer belebten Kreuzung im Zentrum Bogotás inmitten von circa 50 Menschen die diese Szenerie interessiert verfolgten und fleißig mit ihren Smartphones filmten. Die Polizei war inzwischen mit einem Mannschaftswagen, zwei PKW, vier Motorrädern und circa 12 Einsatzkräften vertreten. Auch diese filmten zwischendurch immer wieder, ohne dass wir wussten, ob dies offiziellen Zwecken oder als Souvenir diente. Ich wollte jetzt einfach nur noch mein iPhone zurück und mich im Hotel ins Bett legen. Doch bis dahin sollte es noch eine Weile dauern. Inzwischen hatte die Polizei sich auch meinen Führerschein geben lassen – mein Reisepass lag im Hotel. Als nächstes fuhren wir im Mannschaftswagen zur nächsten Wachstation. Wir auf der Rückbank, die Übeltäterin im vergitterten Heckbereich des Transporters. Nachdem sich die Tür hinter ihr schloss, begann sie wild zu randalieren. Immer wieder warf sie sich gegen die Wände des Wagens und begann schließlich auch noch, sich selbst ins Gesicht zu schlagen. Die Polizisten zeigten sich unbeeindruckt und mir wurde klar, warum sie die Frau schon während der Festnahme ausgiebig gefilmt hatten. Als wir die Wache erreichten, sahen wir auch noch, wie sie versuchte einen Zettel – vermutlich eine Art Ausweis – zu zerkauen und herunterzuschlucken. Das Geschehen wurde immer bedrückender. Auch auf dem Weg vom Wagen zur Wache rief sie immer wieder flehentlich in unsere Richtung, während wir unsererseits versuchten aus ihrem Sichtfeld zu gelangen. Die Ironie der Geschichte war, dass ohne die Rückkehr ihres Komplizen mit dem iPhone, vermutlich nichts zu beweisen gewesen wäre und beide schon längst wieder frei wären. 

Als schließlich etwas Ruhe in die ganze Situation kam, ließen die sich Polizisten von mir ausgiebig den Tathergang schildern, was sich aufgrund meines rudimentären Spanischs und deren nicht besseren Englischs als recht umständlich gestaltete. Dank Google-Translator und der telefonischen Unterstützung einer Kollegin mit gutem Englisch haben wir es dann irgendwie geschafft. Am Ende der Schilderung kam die Frage ob ich eine Anzeige erstatten möchte. Ich war etwas überrascht, da ich davon ausging, dass bei solch einer Sachlage dies seitens der Polizei ohnehin erfolgen würde, Aber nein, ohne meine Anzeige würden sie die Diebin wieder laufen lassen. Ich war hin und her gerissen. Eigentlich wollte ich nur noch, dass alles schnell vorbei ist. Und die Frau hatte mit dem bisherigen Verlauf der Aktion vermutlich auch schon einen gehörigen Denkzettel bekommen. Andererseits konnte man davon ausgehen, dass sie im Falle, nur mit einem Schrecken davonzukommen, am nächsten Tag wieder ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen würde. Und es dann vielleicht ein wehrloseres Opfer erwischt oder sogar das Messer zum Einsatz kommt. Die Polizisten brauchte ich da nicht um Rat fragen. Sie wollten die „really bad person“ hinter Gitter sehen. Ich erinnerte mich an Berichte über die Zustände in südamerikanischen Gefängnissen. Und jetzt noch in Zeiten von Corona. Ich war kurz davor, es sein zu lassen. Letztendlich entschied ich mich dann aber doch für die Anzeige. Ich wollte weder Richter noch Samariter sein. Ich wurde bestohlen und gebissen. Die Beiden hatten ausreichend Zeit aufzugeben und mir das iPhone zurückzugeben bevor die Polizei dazu kam. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, wenn bei ihrer nächsten Straftat Schlimmeres passiert. Es blieb dennoch ein ungutes Gefühl und ich wünschte mir noch mehr als vorher, dass alles wäre nie passiert.

Während drinnen die Polizisten über eine Stunde lang Formulare ausfüllten, warteten wir vor dem tristen Gebäude und fingen langsam an zu frieren. Es begann zu dämmern. Wegen der Höhenlage sinken die Temperaturen nachts in Bogota in einstellige Bereiche. Zwischenzeitlich tauchten auch noch Verwandte der Täterin auf, die ebenfalls versuchten auf uns einzureden. Wir zogen uns in den Mannschaftswagen zurück und schlossen die Schiebetür. Nach einer gefühlten Ewigkeit, kamen alle wieder aus der Wache heraus. Die beiden Gefangenen mussten erneut in das hintere Wagenabteil und wir fuhren mit Blaulicht zu einem großen Polizeigebäude inmitten eines ansonsten menschenleeren Industriegebietes. Vor dem Gebäude drängelten sich Dutzende von Polizisten, Gefangene in Handschellen, Zeugen, Opfer, Anwälte. Das reinste Chaos. Anstatt in das Gebäude zu gehen, brachten uns die Polizisten zu einer Art Bistro auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Drinnen saßen an fast allen Tischen Kollegen und schrieben Berichte um diese dann auf dem Drucker der Inhaberin auszudrucken. Deren kleine Tochter hing am Rechner daneben vor einem Computerspiel. Die Szene war an Skurrilität kaum zu überbieten. Die Täterin versuchte indessen weiter auf uns einzureden, erntete aber auch von den Umherstehenden nur Kopfschütteln.

Nach einer Weile ging es dann endlich ins Polizeigebäude, natürlich wieder Seite an Seite mit den beiden Tätern. Hier mussten wir erneut  ca. eine Stunde warten bevor es endlich zur eigentlichen Vernehmung kam. Ein sehr sympathischer Polizist in Zivilkleidung nahm äußerst bemüht per Google-Translator noch einmal die ganze Geschichte sowie unsere Daten auf, während ein riesiger Stapel beschlagnahmten Marihuanas neben ihm seinen typischen Geruch verströmte.

Nach einer weiteren halben Stunde waren wir dann fertig, bekamen endlich Führerschein und iPhone zurück und unser Vernehmer entschuldigte sich, dass uns so etwas in seinem Land passiert sei. Ich bedankte mich und antwortete, dass so etwas auch in unserem Land passiert. Er grinste. Ein anderer Polizist begleitete uns noch durch die unheimliche Nachbarschaft bis wir ein Taxi fanden und gab dessen Fahrer den scheinbar notwendigen Rat, uns nicht zu viel abzuknöpfen. Um 22:30 Uhr, sieben Stunden nach dem Diebstahl, waren wir schließlich völlig genervt und durchgefroren im Hotel. Den nächsten Tag verbrachte ich entkräftet und appetitlos mit Fieber im Bett. Die dünne Höhenluft tat ihr Übriges zu meinem Zustand. Wir hatten schon Angst, dass es damit schwierig werden könnte, am Flughafen durch die obligatorischen Gesundheitskontrollen zu kommen, doch für den Rückflug nach Santa Marta am übernächsten Tag war ich dann wieder halbwegs fit.

Schade, dass ich Bogotá so in Erinnerung behalten werde. Denn das wenige was ich gesehen hatte, gefiel mir ansonsten eigentlich sehr gut.

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