Sinnlos, ins Bett zu gehen. Ich kann eh nicht schlafen. Morgen früh geht’s los. Meine Reise mit Micha und Sven von Berlin nach Amsterdam. Und von dort mit Michas Segelyacht DAPHNE über Markersmeer, IJsselmeer, Staande Mastroute und die Nordsee nach Norderney. Der Skipper hat Sven und mich eingeladen und wir haben uns nach einigem Zaudern schließlich breitschlagen lassen. Wasser hat nämlich keine Balken und Sven und ich sind in diesem Fall der Meinung: „Ohne Balken ist alles nichts.“ Gemischte Gefühle also. Ich freu mich auf den Trip mit meinen zwei besten Kumpels und alles andere wird sich hoffentlich dann schon zum Besten wenden.
23. August 2025, 5:30:
Ich nehme die Straßenbahn zum Hauptbahnhof, habe kaum geschlafen, aber vielleicht kann ich das ja nachholen, wenn ich im Flixtrain nach Berlin düse. Den Flixtrain hat mir ein Kollege empfohlen. „Preiswert und pünktlich“, sagte der. Apropos nach Berlin „düsen“: An Schlaf ist im Zug überhaupt nicht zu denken. Irgendjemand muss hier irgendwo tatsächlich ein „Düsentriebwerk“ angebaut haben, die anderthalb Stunden nach Berlin sind sprichwörtlich ohrenbetäubend. Allerdings komme ich wie versprochen pünktlich in Berlin an. Natürlich ist die im Februar gebuchte Zugverbindung vom Hauptbahnhof in Berlin nach Amsterdam schon vor Tagen von der Bahn storniert worden. Damit ist die Reservierung passé, denn der Zug fährt nun ab Bahnhof Gesundbrunnen zu einer anderen Zeit. Darauf wurden wir vor ein paar Wochen mit der Ankündigung einer Fahrplanänderung durch die Bahn zwar vorbereitet, allerdings nicht darauf, dass die Verbindung von Gesundbrunnen auch storniert worden ist, offensichtlich gerade jetzt und heute.
Micha und Sven sind inzwischen auch eingetroffen. Dann haben wir Glück: Der Zug fährt doch, hält irgendwo im Nirgendwo, dort steigen wir um in den nächsten und der bringt uns dann mehr oder weniger pünktlich nach Amsterdam.
In Amsterdam ist an diesem Wochenende die Amsterdam Sail. Die Stadt ist brechend voll. Bürgersteige und Straßen sind nicht zu erkennen. Wir kommen fast nicht aus dem Bahnhof heraus. Gegenüber dem Bahnhof befindet sich der Ausläufer des Nordseekanals, der die Stadt schiffstechnisch mit der großen weiten Welt verbindet, genannt „Het Ij“. Da müssen wir (und wie es scheint auch alle anderen Menschen aus Amsterdam) rüber, wollen hierfür die Fähre nehmen, die auch fast im Minutentakt fährt. Es dauert aufgrund der Menschenmassen allerdings dann doch trotzdem etwas und es ist spannend, beim Warten zu beobachten, wie die Fähren den Fluss queren und dabei nicht mit den unzähligen Schiffen, Yachten und Booten zusammenstoßen, die zum Wohlgefallen der Leute und aus Spaß an der Freude durch das hier sehr breite Kanalbecken hoch und runtercruisen.


Ziemlich genervt erreichen wir irgendwann auf der anderen Seite schließlich die Marina, in der Michas DAPHNE auf uns wartet. Wir schmeißen unser Reisegepäck an Bord und machen uns hungrig, auf den Weg zu einem Supermarkt. Micha hat im Vorfeld bereits ausprobiert, dass man hier in dem im Markt integrierten Imbiss auch günstig und gut essen kann. Dort angekommen bestellen wir jeweils einen Hamburger mit Pommes, und der Smutje, ein schräger Typ, halb Italiener oder Spanier, halb Holländer, der beim Zubereiten seiner Kost ständig irgendwas vor sich hinlabert, reicht Sven die Tüte mit seinem Hamburger, lässt sie aber los, bevor Sven richtig danach greifen kann. Zumindest sieht es für mich irgendwie so aus. Der Burger löst sich bei dieser verpatzten „Staffelübergabe“ in seine Bestandteile auf, welche schön verteilt auf dem Tresen und vor Svens Füße zum Liegen kommen. Wirklich irre ist, dass der „Spantaliener“ den von ihm verursachten Schaden auch noch bezahlt haben will. Da hat er aber Pech. Sven natürlich auch, denn einen neuen Burger will dieser runtergekommene Pizzabäcker auch nicht machen. Irgendwo finden wir danach in den umliegenden Supermarktregalen etwas Essbares für Sven, und auch eine Möglichkeit, es in einer Mikrowelle warmzumachen, die für solche Fälle im angepflanzten Speisesaal bereitgestellt wurde. Geschmackstechnisch hat Sven jetzt aber die Niete gezogen, wie er sagt, doch der Hunger treibt’s rein.
Micha und ich beteuern schmatzend, dass uns unsere Hamburger auch überhaupt nicht gut schmecken. Stimmt doch, Micha, oder?
Anschließend holen wir noch Bier für den Abend und machen zurück. Der erste Abend unserer Reise wird dann auch wirklich noch spektakulär: Die Leute sind ganz aus dem Häuschen oder dem Schiffchen – je nachdem, ob sie sich an Land befinden oder an Bord eines der unzähligen und verschiedensten Bootstypen.


Mit Einbruch der Dunkelheit sind die Schiffe plötzlich alle bis in die letzte Wante bunt illuminiert. Und vom Wasser oder vom Land, von überall her jedenfalls, schallt kakophonisch Musik. Wie eine riesengroße Loveparade, gleichzeitig auf und neben dem Wasser. Jeder hat gute Laune.
Außerdem riecht es hier irgendwie überall sooo gut, aber keiner ist hinter irgendjemandem her – halt alles alte Kiffer hier.
Mit diesen ganzen Eindrücken beseelt, fallen wir irgendwann nach Mitternacht total müde in unsere Kojen.
24. August, Amsterdam.
Heute am Sonntag endet die Sail mit einer riesengroßen Bootsparade. Die nehmen wir natürlich noch mit, aufbrechen wollen wir erst am Montag.
Micha schult uns indessen mit diversen Regeln, die wir unter seinem Kommando an Bord einzuhalten haben, wenn wir nicht Kiel geholt werden wollen.


Inzwischen kann ich mich nur noch an wenige erinnern, an eine aber schon: Man darf nämlich nicht pfeifen. Auch nicht auf dem letzten Loch, gar nicht, und nichts darf man pfeifen. An den Grund kann ich mich nicht erinnern, aber ich habe mich natürlich versucht, dran zu halten, nur einmal hätte ich auf der Tour irgendwann mal fast aus Versehen gepfiffen, konnte mich aber gerade noch zurückhalten. Glück gehabt.
Am Vormittag kam dann Willem vorbei, ein drahtiger, braun gebrannter, holländischer gut gelaunter Mitsechziger mit weißem Wuschelhaar, den Micha während seiner Weltumseglung irgendwann kennengelernt und der ihm diesen tollen Platz in der Marina besorgt hat. Wir verabreden uns für den Mittag im hiesigen Vereinshaus auf ein Bier. Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen der Bootsparade. Wir hatten einen verdammt guten Platz am Rand der Marina und konnten die großen und kleinen Segler bestaunen, wie sie so an uns vorbeiglitten. Am liebsten hätte ich anerkennend gepfiffen, habe das aber lieber gleich mal präventiv sein gelassen.
Gegessen haben wir am Abend dann auf DAPHNE. Micha hat Nudeln mit Tomatensoße, Auberginen, Paprika und anderem Gemüse gekocht. War lecker. Ich habe hinterher das Geschirr abgewaschen, Sven hat abgetrocknet. Diese Form der Arbeitsteilung sollte dann bis zum Ende unserer Tour im Wesentlichen erhalten bleiben.
25. August: Amsterdam – Markermeer – Hoorn.
Am Morgen von unserem Aufbruch war in der Marina schon einiges los. Die Sail war nun vorbei und viele wollten, wie wir, wieder weiterziehen. Allerdings war DAPHNE zugeparkt und wir mussten daher noch etwas Geduld haben. Um 10:00 Uhr befahl uns der Skipper dann endlich: „Leinen los!“
An Bord gibt es nämlich Leinen und keine Seile, wie ich lernen musste. Es gibt zwischen Seilen und Leinen praktisch nur einen Unterschied, nämlich, dass man an Bord nicht Seile sagen darf, auch dann nicht, wenn es sonst keinen Unterschied gibt. Das ist verboten. Genau wie zu pfeifen.
Kommandos soll man übrigens quittieren, zum Beispiel indem man ruft: „Leinen sind los.“ Dabei muss man sich umdrehen und den Skipper angucken, weil der einen sonst nicht hört. Wie ich festgestellt habe, lernt man solche Dinge an Bord dann am besten unterwegs. Und als Skipper braucht man für solcherart Unterricht bestimmt viel Geduld und gute Nerven. Insbesondere, wenn es sich bei den Schülern um gute Freunde handelt, die man nicht wie widerspenstige Matrosen gleich kielholen wird oder zumindest den Sold kürzt und die genau das, ganz genau wissen.
DAPHNE war kaum in Fahrt gekommen, da sollten wir auch schon nach einer Tankstelle Ausschau halten. Willem hatte uns die ungefähre Lage beschrieben, dennoch war es gar nicht einfach, sie in der Ferne und im spiegelnden Wasser auszumachen. So wären wir fast daran vorbeigefahren. Die Tankstelle wurde nämlich von einem großen Schlepper verdeckt, der dort gleichfalls gerade betankt wurde. Um diesen herumgeschippert, konnten wir uns endlich auf der Rückseite der Anlage schließlich selbst mit Diesel versorgen. Bei dieser Gelegenheit mussten Sven und ich das erste Mal dafür sorgen, DAPHNE am Kai anzuleinen. Ich fand ja, dass wir das gut hinbekommen haben, bin mir aber sicher, Micha wird sich seinerseits mit Blick auf den bevorstehenden Törn so seine Gedanken gemacht haben.
Mit frischem Diesel an Bord und bestem Wetter ging es danach endlich richtig los. Noch eine riesige Klappbrücke passieren und wir hatten Amsterdam hinter uns gelassen und fuhren unter Segeln über das Markermeer zu unserem ersten Etappenziel, dem Städtchen Hoorn, dessen Hafen wir dann am späten Nachmittag erreichen.
Hoorn ist eine Stadt in der Provinz Noord-Holland und die wichtigste Stadt der Region West-Friesland. Hoorn liegt am Hoornse Hop, einer Bucht im Markermeer. Beim Einfahren in den Hafen lernten wir vom Skipper, dass grüne Tonnen immer rechts sind (außer in den USA) und rote Tonnen immer links. Das mit den USA wusste ich tatsächlich nicht. Alles Übrige hatte mir mein Bruder Frank schon beim Paddeln auf dem Wannsee irgendwann in den Siebzigern beigebracht. Aber das behielt ich für mich.
Direkt am Kai konnten wir nicht anlegen, dort war alles zugeparkt. Wir lernten dabei: Wenn die Besitzer bereits am Kai liegender Boote ihre Fender seeseitig nicht einholen, bedeutet das, dass sie nichts dagegen haben, wenn man sein eigenes Boot an ihres anlegt. Natürlich gab es auch hier wieder besondere Regeln zu beachten, zum Beispiel die, dass man nicht mit Schuhen an den Füßen über das Deck des anderen Bootes laufen darf.
Diese Regel existiert vornehmlich deswegen, damit die Crew des anderen Bootes was zu lachen hat, wenn man mit dem eigenen Schuhwerk in der Hand versucht, die aneinanderliegenden Relinge beider Boote gleichzeitig zu übersteigen und dabei das Gleichgewicht verliert, weil man sich mit nur einer Hand nicht mehr richtig festhalten kann. Ganz soweit habe ich es glücklicherweise nicht kommen lassen. Aber an einem der vertikalen am Mast befestigten Stahlseile der anderen Yacht habe ich mir tatsächlich bei dieser Gelegenheit schön mein Schienbein aufgeschrammt. Aua.
Der anschließende Abend in Hoorn hat Spaß gemacht. Zunächst sind wir durch die pittoresken Gässchen zwischen den typisch niederländischen Häusern geschlendert und haben uns alles rund um das Zentrum herum angeschaut und uns schließlich in einem kultigen Restaurant am Marktplatz niedergelassen. Micha nutzte die Wartezeit auf das Essen für ein längeres Telefonat mit Uta. Sven und ich führten ein längeres Zwiegespräch mit unseren Bieren.
Zurück auf DAPHNE haben wir uns an diesem, wie auch an den folgenden Abenden, eine Folge aus der aktuellen Alienreihe auf Disney+ reingezogen.
26. August: Hoorn – Markermeer – IJsselmeer – Lemmer
Der Segeltörn heute führt uns durch die Schleuse bei Enkhuizen vom Markermeer ins IJsselmeer und weiter nach Lemmer, wo wir Ute, eine frühere Freundin von Micha und Kollegin von Sven, treffen wollen, die dort mit ihrem Mann gerade Urlaub macht.


Markermeer und IJsselmeer sind eigentlich riesengroße Süßwasserseen. Entstanden sind sie im Rahmen eines Großprojektes im 20. Jahrhundert, bei welchem zuerst die Meeresbucht Zuiderzee von der Nordsee getrennt wurde, wodurch aus der Meeresbucht das IJsselmeer entstanden ist. Außerdem hat man größere Teile des neu entstandenen Sees eingepoldert, das heißt mit Dämmen vom See getrennt und dann leergepumpt, um Land zu gewinnen.
Wir haben wieder gutes Segelwetter, der Wind kommt aus der richtigen Richtung und DAPHNE macht mal wieder richtig Fahrt. Für den Abend ist die Ankunft in Lemmer geplant, und diesen Zeitplan werden wir locker einhalten. Es macht mir Spaß, Micha dabei zu beobachten, wie er, den Geschwindigkeitsmesser fest im Blick, alles aus seiner „Rennschnecke“ herauskitzelt und mit anderen Seglern, die sich in die gleiche Richtung bewegen, um die Wette fährt. Die haben natürlich alle überhaupt keine Chance.
Für Sven und mich gibt es in solchen Phasen nicht allzu viel zu tun. Langeweile schleicht sich allerdings selten ein. So etwas erkennt der Skipper sofort und überbrückt diese Phasen u.a. mit allerlei oft gehörten alten Geschichten, zusätzlich gewürzt mit romantischem Seglerlatein.
Wenn Michael mal keine Lust hat, uns dergestalt zu unterhalten, bittet er uns anfangs noch freundlich darum, weiter Knoten legen zu üben. 10 Knoten müsst ihr legen können, wenn ihr mitfahren wollt, meinte er damals, so im Februar, als die Planung für unsere Reise konkreter wurde. Sven und ich haben diese, seine Erwartung offensichtlich noch nicht gänzlich (Sven) bis gar nicht (ich) erfüllt. Unsere Ausreden, warum das so ist, lässt er einfach nicht gelten, und naja, dann üben wir halt Knoten legen und gucken nicht aufs Wasser. Learning by doing ist sowieso durch nichts zu ersetzen. Und bis zum Ende der Tour funktioniert das Legen der notwendigsten Knoten dann auch ganz gut, auch wenn Micha uns hier kein abschließendes Bienchen gibt. Aber bekanntlich ist kein weiterer Tadel ja auch Lob genug.
Nach einem herrlichen Tag auf See erreichen wir Lemmer überpünktlich am Nachmittag und Micha legt DAPHNE direkt hinter der Einfahrt in den Binnenhafen perfekt in eine Lücke, die eigentlich kürzer ist, als DAPHNE lang. Kein Mensch weiß, wie er das mal wieder geschafft hat.
Auf Ute und ihren Mann Ronny müssen wir danach nicht lange warten. Nach dem Motto: lange nicht gesehen und doch wiedererkannt, stürzen sich Sven und Micha auf die ehemalige Freundin um sie zu umarmen, und ich kümmere mich so lange um Utes Mann Ronny, ein netter Kerl und ehemaliger Polizist bei der Fahrradstaffel. Da hatten wir dann gleich auch ein gemeinsames Thema: Fahrradfahren in der Stadt.
Wir essen alle gemeinsam in einer Kneipe direkt am Wasser und lassen den Abend danach an Bord von DAPHNE fröhlich ausklingen. Ich sag’ nur so viel: Rum hat dabei auch eine Rolle gespielt.
27. August: Lemmer - IJsselmeer - Makkumer Djip
Wir haben Ronny und Ute zum Frühstück auf DAPHNE eingeladen. Nun beladen wir dazu den kleinen Tisch an Deck hinter dem Steuerruder mit essbaren Sachen unserem Proviant, bis er fast bricht. Ute wollte Brötchen mitbringen, da möchte man ja was zum Belegen anbieten können.
Geht man unter Deck, befindet sich gleich links eine kleine, aber komplett eingerichtete Kombüse. Natürlich gibt es dort auch einen Kühlschrank, „Marke Füllhorn“. Der wird von oben beladen und ist gefühlt so tief wie der Stille Ozean. Das Problem: Solange man den nur entlädt, ist alles sehr unkompliziert. Aber wenn man etwas sucht, wie Milch zum Beispiel, dann kann es unter Umständen schon mal etwas länger dauern, bis man diese zutage gefördert hat. Na egal, wir haben alles Notwendige ja schon oben. Der Kühlschrank ist übrigens immer noch voll. Wie das funktioniert, versteht der Fuchs.
Ute und Ronny lassen auch nicht lange auf sich warten, denn genau wie wir, wollen die nach dem Frühstück auch aufbrechen. Auf diese Weise verbringen wir noch ein gutes Stündchen miteinander und dann zieht jeder – nach innigen gegenseitigen Umarmungen, denn wer weiß, wann man sich jemals wieder sieht – seiner Wege.
Micha schaut derweil immer mit einem Blick auf die unmittelbar hinter unserem Liegeplatz befindliche Schleuse, die den Binnenhafen vom IJsselmeer trennt. Sobald sich die Schleusentore auf unserer Seite öffnen, wollen wir los, meint er. Wir sind noch nicht ganz fertig mit Abräumen, Abwaschen und Klarschiffmachen, da kommt Bewegung in die Schleusentore und es heißt: Leinen los! Micha wirft den Motor an und was soll ich sagen, jeder Handgriff sitzt und 30 Sekunden später fahren wir in die Schleuse.
Wir haben wieder ordentlich Wind und auf unserem Kurs, zunächst nach West, die Küste entlang, und dann nach Nord, die Küste weiter im Blick. So ganz nebenbei erwartet Sven und mich das erste Mal eine tüchtige Schräglage. Mir macht das Spaß.


Unser Ziel ist Makkum. Der Ort ist nicht weit weg von der Schleuse, die uns dann am morgigen Tag für ein kurzes Stück ins Wattenmeer entlassen wird. Unsere Ankunft in Makkum ist für den frühen Abend vorgesehen, und mit dem Wind im Rücken schaffen wir auch diese Etappe locker. Auf dem Hinweg seiner Weltumsegelung hatte Micha auch diesen Kurs gewählt, nur eben andersherum, und so programmiert er heute sein Navi entsprechend auf genau dieser Kurslinie.
Micha und Uta haben damals auf dem Hinweg nicht in Makkum angelegt, sondern in der Bucht davor geankert. Daher meint Micha, wäre es vielleicht ganz nett, es diesmal tatsächlich direkt in Makkum zu versuchen und sich den Ort einmal anzuschauen. Sven und ich sind sofort einverstanden, vor Nächten auf dem offenen Wasser graut uns etwas.
Als wir am späten Nachmittag dort eintreffen, sind die Liegeplätze entweder alle belegt oder aber man möchte uns an dem einzig noch freien Platz nicht anlegen lassen. Wir haben keine Ahnung, warum. Es sieht eigentlich nicht schlecht dort aus, aber aufgrund verschiedener Gesten von Leuten auf den dort anliegenden Booten, machen wir schließlich lieber doch eine Kehrtwende. Vielleicht war’s ja dort insgesamt zu flach.
Und na klar, ganz genau wie auf seiner Hinreise wirft Micha schließlich den Anker in der Bucht vor Makkum an der gleichen Stelle. Wir werden also doch die Nacht auf offener See verbringen, aber immerhin komme ich auf diese Weise zu meinem ersten Bad. Während Micha DAPHNE zu einem Fitnessstudio umbaut, um dort seinen Körper zu stählen, stehle ich mich mit einem gewagten Sprung ins kalte Wasser und schwimme 20 Runden um DAPHNE herum, schnaufe dabei wie ein Walross, weil es auch ziemlich kalt ist. Micha oder Sven fotografieren das und ich stelle später beim Betrachten des Fotos fest, dass ich auch so aussehe wie ein Walross. Scheiße, wenn man alt wird. Da Micha auf Vorrat gekocht hat, essen wir am Abend die Reste von vor drei Tagen auf, ziehen uns wieder eine Folge Alien rein und entern danach unsere Kojen.
28. August: Makkum - Harlingen - Staande Mastroute - Franeker
Mann, war das eine Nacht. Vielleicht habe ich mir beim Schwimmen ein bisschen die Blase verkühlt, jedenfalls musste ich ein paarmal pinkeln. Das ist jedes Mal mit etwas Aufwand verbunden, weil ich meine Koje mittschiffs hinter dem Bordtisch nur recht umständlich in eine Richtung mit den Füßen voran und um den Tisch herum verlassen kann. Einmal pro Nacht ist schon lästig, aber mehrmals eklig. Eine der Unterweisungen am Anfang unserer Segeltörn bei deren Nichtbefolgung man nur deswegen nicht Kiel geholt werden würde, weil DAPHNE vorher gesunken wäre, betraf die Bedienung der Toilette. Diese hat nämlich keinen Spülknopf, sondern eine Pumpe mit einem dazugehörigen Hebel, der aufgrund seiner jeweiligen Stellung die Pumpe dazu bewegt, entweder Seewasser in die Schüssel zu pumpen oder das Wasser aus der Schüssel in den Fäkalientank zu befördern. Wenn man hierbei die richtige Reihenfolge nicht beachtet, sinkt das Schiff, trichterte Micha uns ein. Insbesondere sei wichtig, dass der Hebel immer arretiert ist bevor man die Toilette verlässt, sonst sinkt das Schiff ebenfalls.
Ich wollte nicht, dass man mich dafür verantwortlich macht und achtete jedes Mal penibel darauf, den Hebel am Ende zu arretieren. Sobald ich allerdings nach dem Toilettengang endlich wieder in meiner Koje lag, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das mit dem Hebel auch richtig gemacht hatte. In dieser Nacht war das jedes Mal so. Ich habe mich immer wieder aus der Koje heraus gequält um nochmal nach dem Hebel zu schauen. Der war jedes Mal richtig fest. Aber ich hätte nicht wieder einschlafen können, ohne mich nochmal davon zu überzeugen.
Nach dem Morgenkaffee war aber alles wieder schick, beziehungsweise von der persönlichen Sorge überdeckt, wie uns wohl die Nordsee empfängt, wenn wir das IJsselmeer heute Vormittag hinter uns lassen. Von unserem Ankerpunkt bis zur Schleuse Kornwerderzand ist es nämlich nur ein Katzensprung. Micha kann mich beruhigen, es wäre ja nur ein kurzes Stück Nordsee bis nach Harlingen und der Einfahrt in die Kanäle auf der Staande Mastroute, meint er.
Gegen 10:30 Uhr lichten wir den Anker mit Kurs auf die Schleuse. Vorbei geht es zunächst an einer Reihe von Bunkeranlagen (Kasematten), mit denen die Niederlande das deutsche Vordringen, während des Zweiten Weltkrieges in ihr Land zunächst erfolgreich verhindern konnte, die aber nichtsdestotrotz nach dem Fall von Rotterdam, dennoch an die Wehrmacht abgegeben werden mussten.
Wir haben wieder gutes Segelwetter. An der Schleuse warten schon einige andere Boote. Aber insgesamt ist nicht viel los. Es dauert also nicht lange und wir können die Schleuse passieren. Allerdings wartet danach das nächste Hindernis, nämlich eine große Schwenkbrücke für den Autoverkehr der A7. Um 11:45 können wir auch die passieren und fahren danach in ruhiger See an der Küste entlang unserem Ziel entgegen. Der Verkehr hat hier in der Fahrrinne ordentlich zugelegt, von Fischerbooten bis kleineren Frachtern ist alles dabei, was sich Landratten wie ich so zu sehen wünschen. Segler sind natürlich auch unterwegs. Micha beobachtet kritisch, wann die so ihre Segel setzen, um es Ihnen schließlich gleich tun zu können. Dabei beobachten wir eine französische Segelyacht, die schon früh ihre Segel gesetzt hat und nun gefährlich aufholt, denn Micha ist schon wieder im Regatta Modus. Ihm fällt auf, dass die Yacht sehr nah an den Begrenzungsbojen der Fahrrinne unterwegs ist und prompt gegen eine der Bojen fährt. Nach dem Motto, wer den Schaden hat spottet jeder Beschreibung, ist das natürlich ein Fest für uns. Dann passiert etwas Schönes: ich darf eine Zeit lang das Steuerruder übernehmen. Das macht Spaß.
So gegen 13:30 Uhr erreichen wir den Hafen von Harlingen. Hier gibt es etliche belebte Wasserstraßen, selbst Micha kann sich nicht mehr ganz genau erinnern, welche er jetzt nehmen muss. Und wir sind froh, dass wir der Kurslinie auf dem Navi folgen können um den richtigen Kanal für Staande Mastroute zu erreichen. Eine Dreiviertelstunde später haben wir es geschafft. Wir gleiten durch den Van Harixmakanal vorbei an unzähligen Wassergrundstücken mit ziemlich modernen Einfamilienhäusern und hübschen Gärten plus Stegen mit Wasserzugang. Sieht alles ganz schön wohlhabend aus, ist aber auch hübsch anzuschauen.
Die Staande Mastroute (niederländisch für „Route mit stehendem Mast“) ist eine Schifffahrtsroute für die Passage von Segelbooten mit stehendem Mast durch die Niederlande. Sie besteht aus einem nördlichen Teil, den wir gerade befahren und einem südlichen Teil. Insgesamt führen 40 bewegliche Brücken über die Route. Für das durchfahren der Brücken muss teilweise ein Brücken Geld entrichtet werden. Auf dem Weg nach Franeker, unserem Etappenziel für heute, passieren wir alleine schon mal drei Brücken, deren Passage allerdings kostenlos ist. Ein gutes Stück unseres Weges werden wir begleitet von einem Helikopter, der über das Land neben dem Kanal hoch und wieder runter fliegt und dabei einen riesengroßen mit einem Netzgitter bespannten Metallrahmen hinter sich herzieht. Wir googeln fleißig und finden heraus, dass es sich hierbei um eine besondere Form der Landvermessung handelt. Cool. Wir erreichen Franeker am späten Nachmittag. Und wenn ich mich richtig an Michas Erzählung erinnere, legt er DAPHNE - na klar - wieder an genau die gleiche Stelle an den Kai, wie am Anfang seiner Weltumsegelung.
Franeker ist eine historische Stadt in der niederländischen Provinz Friesland, bekannt für das älteste funktionierende Planetarium der Welt. Sie war früher Universitätsstadt und ist eine der elf friesischen Städte, die für die traditionelle Eisschnelllauf-Tour Elfstedentocht bekannt sind. Die malerische Innenstadt zeichnet sich durch etliche Grachten und historische Renaissance-Gebäude wie das Rathaus aus. Da es hier offensichtlich einiges zu erkunden gibt, beschließen wir erst in zwei Tagen wieder abzulegen.
Ich habe Hunger und dränge meine beiden Mitfahrer dazu, im Zuge unserer ersten Erkundungstour ein Restaurant aufzusuchen. Natürlich schauen wir dabei auch immer ein bisschen auf dem Preis. Insgesamt würde ich sagen, ist es hier nicht viel, aber schon etwas teurer als bei uns in Deutschland. Wir landen in einem mexikanisch angehauchten besseren Imbiss mit einem netten Freisitz mit Blick auf eine Kirche. Das Essen war okay, aber kein berichtenswertes Highlight.
In Bezug auf die Vollständigkeit meines Gästebucheintrags ist allerdings berichtenswert, dass Micha und Sven beim Warten auf die Bestellung eines ihrer berüchtigten Streitgespräche begannen, die insbesondere für die beiden, aber auch für den Chronisten dieser Reise, regelmäßig sehr anstrengend sind und meistens auch nicht zu einem einvernehmlichen Ende führen. Das Thema der Diskussion wird hier natürlich nicht verraten. Genau wie beim Fußball bleibt das, was in der Kabine besprochen wird, natürlich auch in der Kabine. Und verglichen mit ähnlichen Beispielen aus unserer jahrzehntelangen gemeinsamen Vergangenheit, lief die Geschichte insgesamt glücklicherweise ziemlich glimpflich ab und am nächsten Tag war auch schon wieder alles gut.
29. August: Franeker
Der Tag beginnt mit einem fürstlichen Frühstück, ich habe nämlich am Morgen das Boot schon recht früh verlassen und frische Brötchen und holländischen Käse geholt, sowie beim Fleischer Hackepeter und frische Eier gekauft. Hackepeter kennt der friedliebende Holländer normalerweise eigentlich nicht aber nachdem ich erklärt hatte, worum es dabei geht, hat die nette Verkäuferin extra für mich die Hacke hervorgeholt und in der Werkstatt hinter dem Verkaufsraum, den Peter um ein kleines Stück seines Körpers erleichtert und mir verkauft. Lecker.
Nach dem Frühstück war vor der Stadtbesichtigung. Weil wir Tag ein, Tag aus uns alle gegenseitig auf der Pelle sitzen, beschließen Sven und ich erst einmal jeder für sich alleine loszuziehen. Micha hat sich selbst einen Home-Office Vormittag auferlegt und will sich erst am Nachmittag auf den Weg in die Stadt machen.
Bevor ich aufbreche, beobachte ich noch das Manöver eines in Bezug auf die hiesigen Kanäle riesengroßen Dreimasters, der genau vor DAPHNE anlegen möchte. Spektakulär.


Ähnlich wie die anderen friesischen Städte, die wir in den letzten Tagen besucht haben, schaut eigentlich auch Franeker aus. Die Häuser stehen alle in einer Reihe mit dem Giebel nach vorne. Sie sind schmal und alles ist nah am Wasser gebaut. Irgendein Kanal oder irgendeine Gracht muss immer überquert werden. Die Straßen sind schmal, aber im Großen und Ganzen sieht alles piekfein und ordentlich aus, und ja, ist durchaus auch darauf ausgerichtet, dass Touristen sich hier wohl fühlen. Viele kleine Läden für maritimes shoppen, diverse Restaurants oder Eisdielen. Mir gefällt das.
Ein Geschäft fällt mir besonders ins Auge, weil es sich mit seinem Angebot deutlich von den anderen unterscheidet. Neben kleinen Möbeln, wie zum Beispiel witzigen Tischen, oder Figuren und Masken im Kolonialstil gibt es etliche Steam Punk Accessoires, die ich in dieser Form noch nicht gesehen hatte. Alles natürlich nicht ganz billig. Ich beschließe, hier Gabis Wunsch nach einem maritimen Mitbringsel zu erfüllen und kaufe ihr drei krasse Gänseschwestern mit Halskettchen. Außerdem kaufe ich mir noch ein Blechschild für den Eingang in meinen heimischen Rückzugsort (meiner Juchte), Spruch: „Official Man Cave. The Game is always on. Bring your own Beer …“


Auf dem Weg zurück treffe ich Sven und wir beschließen uns ein Mittagsbier zu genehmigen. Weil es so gut schmeckt, nehmen wir noch eins und noch eins. Interessiert schauen wir dabei einer Dame zu, die zwei ausgesprochen niedliche Möpse spazieren führt. Ich muss an Loriot denken, der ein Leben ohne Möpse sinnlos findet. Die Dame ist sicher der gleichen Meinung und wenn man sich die drei so anschaut, kann man das ganz gut verstehen. Danach freuen wir uns auf unsere Kojen. Wieder wach stelle ich fest, dass Micha inzwischen auch unterwegs ist. Nach einem Kaffee drehe ich draußen auch noch eine Runde und durchstöbere den örtlichen Supermarkt nach interessanten Sachen. Schließlich komme ich – wer hätte etwas anderes gedacht – mit ein paar Flaschen lokalem Bier zurück an Bord, gewürzt mit Ingwer und Koriander. Ich bin gespannt, wie das bei den Jungs ankommt.


Am Abend gehen wir in eine Pizzeria. Es ist noch ziemlich warm in der Abendsonne, leider sind daher draußen alle Plätze belegt. Wir haben aber Hunger und wollen nicht weitersuchen, also rein. Dort finden wir gleich neben der Tür auch etwas passendes. Hier drin ist es ganz schön stickig und wir bitten die Bedienung doch mal die Tür aufzumachen. Sie möchte dazu erst die anderen Gäste befragen, was ihr allerdings erst beim Bezahlen wieder einfällt. Wir haben es überlebt.
Zurück an Bord, bewaffnet mit frischem Knabberzeug freuen wir uns auf die nächste Alien Folge. Danach geht’s früh ins Bett. Morgen Vormittag wollen wir ja wieder los.
31. August: Franeker - Leeuwarden - Dokkum
Frühstück ist mir wichtig, Micha frühstückt mit und Sven ist Frühstück sozusagen wurst. Wir essen den restlichen Hackepeter, bevor er anfängt wegzulaufen und lösen dann die Seile, äh, Leinen. Es wird eine lange Fahrt mit vielen Brücken in schöner Landschaft. Es ist nicht viel Verkehr und Micha setzt tatsächlich das vordere Segel, ich glaube das heißt Vorschot, bin mir aber gerade nicht so sicher. Er macht den Motor aus und Ruhe kehrt ein. Micha freut sich, denn auf seiner Weltumsegelung möchte er natürlich so viel wie möglich ohne Motor unterwegs sein.
Kurz vor Leeuwarden passieren wir eine Klappbrücke, sowas hast du noch nicht gesehen. im Gegensatz zum gewöhnlichen Verfahren, bei dem das Stück Straße einfach im rechten Winkel nach oben geklappt wird, hängt hier das Brückenteil an einem riesigen Gelenkarm und wird von diesem gleichzeitig hoch und zur Seite bewegt. Das ist ziemlich beeindruckend, zumal am Ende des Vorganges des Brückenteil bestimmt 30 m in den Himmel ragt und aussieht wie ein überdimensionales Vorfahrtsschild. Ehrlich, das braucht kein Mensch.


Aufgrund einige anderer Zuflüsse hat der Verkehr langsam aber sicher zugenommen und bevor wir durch Leeuwarden fahren können, müssen wir noch auf eine Brückenöffnung warten. Auf jeder Seite des Kanals sind hier alle Warteplätze belegt und es will uns auch keiner an sein Boot lassen. Micha ärgert sich sehr darüber und fährt immer hoch und wieder runter in der Hoffnung, dass diese verdammte Brücke endlich mal aufgeht aber das dauert fast eine halbe Stunde.
Unser Kanal führt uns danach mitten durch die Stadt Leeuwarden und wir haben einiges vom Wasser aus zu bestaunen. Neben den kanaltypischen Industrie Ansiedlungen, wie zum Beispiel Schrottplätzen oder Sandhalden gibt es moderne Hotels oder Bürogebäude auf der einen Seite und gegenüber eine Containersiedlung, (vermutlich für Asylbewerber). Dann fahren durch angelegtes Stadtgrün, sehr hübsch, so am Wasser gelegen, mit großen Weiden am Ufer. Wir müssen jetzt aufpassen, dass DAPHNES Mast nicht aus Versehen einen Ast mitnimmt, der zu sehr übers Wasser ragt. Nach diversen Klappbrücken lassen wir die Stadt irgendwann hinter uns und es wird, nachdem uns noch ein großer Dreimaster überholt hat, endlich wieder ruhiger auf unserer Strecke. Je näher wir Dokkum kommen umso nobler werden wieder die Ansiedlungen am Rand unseres Kanals. Hier steckt man wieder viel Kohle in sein Wassergrundstück. Dokkum empfängt uns schließlich mit einer weithin sichtbaren holländischen Mühle.
Es ist jetzt 17:00 Uhr und hier ist alles voller Boote jeglicher Couleur. Trotzdem findet Micha einen guten Liegeplatz unmittelbar vor einer Klappbrücke ins Stadtinnere. Kaum dass DAPHNE sicher vertäut am Ufer liegt, baut Micha sein Schiff schon wieder um in ein Fitnessstudio. Sven und ich wissen, was jetzt gleich kommt und wir verziehen uns mit zwei Büchsen Bier über die Brücke auf die andere Seite des Kanals. Wir setzen uns in ein wie für uns gemachtes Wartehäuschen mit Blick über das Wasser und schauen dem Micha dabei zu, wie er das letzte aus sich herausholt und kommentieren die dargebotene Aufführung unseres Freundes im Statler und Waldorf-Style.
Nach dem Training ist vor dem Essen. Micha betätigt sich wieder als Smutje und zaubert einen großen Topf voll mit Nudeln und frischem Gemüse. Auch für Dokkum ist ein Tag Aufenthalt geplant und wir freuen uns schon darauf, morgen die Stadt zu erkunden.


Dokkum wird zum ersten Mal im Zusammenhang mit der Ermordung des Missionars Bonifatius im Jahr 754 urkundlich erwähnt. Durch ihre Lage mit Verbindung zur Nordsee war Dokkum früher von großer strategischer Bedeutung, aufgrund dessen sich sogar die Friesische Marine hier ansiedelte. Durch Landgewinnungsmaßnahmen und nach einem Bankrott der Stadt entwickelte sich Dokkum im Laufe der Zeit schließlich von einer Seestadt zu einer Stadt mit eher ländlicher Prägung.
Die historische Innenstadt wird festungsgleich von einer einzigen Gracht umspannt, an deren teilweise mit einem Deich befestigten Ufer man sie zu Fuß gut umrunden kann.
Und genau das machen Sven und ich dann am nächsten Vormittag. Micha ist derweil im Home-Office beschäftigt und will wieder erst am Nachmittag losziehen
Sven und ich schlendern auf dem Deich an der holländischen Mühle vorbei, durch hübsche Grünanlagen immer an der Gracht entlang einmal um die ganze Stadt. Das strengt natürlich unglaublich an und deswegen machen wir einen Schwenk ins Zentrum, wo rund um den Binnenhafen etliche Kneipen bereits gut besucht sind. Wir landen schließlich auf einem Kneipenschiff und genehmigen uns ein Mittagsbierchen. Sven, der wie erwähnt, kein Frühstücksfreund ist, hat inzwischen aber Hunger und bestellt sich hier auch gleich etwas zu essen.
Danach hören wir aus der Ferne das hypnotische Wispern unserer Namen aus Richtung DAPHNE. Das sind sicher die Kojen, deren Sehnsucht wir einfach Folge leisten müssen.
Am Nachmittag mache ich nochmal mit Micha eine Tour durch die Stadt und deren Grünanlagen. Auf dem Rückweg schaut Micha noch an einer Eisdiele vorbei. Abends essen wir dann alle gemeinsam in einem Restaurant am Binnenhafen und das war’s dann auch mit Dokkum.
1. September: Dokkum - Lauwersoog
Bevor wir heute nach dem Frühstück wieder aufbrechen, will Micha aus einer Tüte mit einem geheimnisvollen Pulver, welche er auf dem Rückweg seiner Weltreise in Portugal besorgt hat noch schnell eine Crème brûlée zaubern. Das ist gar nicht mal so leicht, da wir den Rezeptvorschlag auf der Tüte erst ins Deutsche übersetzen müssen und Google tut sich hier diesmal ganz schön schwer. Am Ende haben wir eine riesige Portion Schwabbelcreme. Na, es wird uns schon schmecken.
Dann machen wir uns auf den Weg. Wieder geht es auf dem Kanal durch eine malerische Landschaft, am Ufer immer wieder gesäumt von neuen und alten Häusern, Fabriken, rostigen Schiffen und nicht wenigen Radtouristen, bis wir so gegen 15:00 Uhr das Lauwersmeer erreichen, den letzten von der Nordsee abgetrennten großen Süßwassersee auf unserer Reise. Für die Durchfahrt und die anschließende Schleusung in den Hafen von Lauwersoog brauchen wir insgesamt gut 2 Stunden.
Während sich Micha nach dem Anlegen auf die Suche nach dem Hafenmeister macht, verziehe ich mich auf die Terrasse eines naheliegenden Hotels mit einem schönen Meerblick und genehmige mir erst mal ein Bier. Das Wetter ist schön und ich schlendere danach noch etwas durch den Hafen. Natürlich findet man auch hier einen Shop voller maritimer Klamotten und Accessoires. Alles ist hier noch teurer als im Landesinneren. Auf dem Weg zurück zur Segelyacht versuche ich noch erfolglos die Duschräume unserer Marina ausfindig zu machen. Darf nachher nicht vergessen, Micha und Sven danach zu fragen. Wir gehen heute zeitig ins Bett. Micha, der jetzt die Gezeiten in seine Kursberechnung mit aufnehmen muss, will morgen früher als sonst aufbrechen.
2. September: Lauwersoog -> Norderney
Heute ist mein Geburtstag. Um kurz nach fünf werde ich wach und öffne verschlafen die Glückwunschkarte, die mir Gabi vor meiner Abreise aus Leipzig in die Hand gedrückt hat.
Danach habe ich gleich gute Laune und mache mich auf dem Weg zum Sanitärkomplex der Marina. Wahrscheinlich habe ich bei der Wegbeschreibung, die mir Micha und Sven am Vorabend noch gegeben haben, nicht richtig aufgepasst. Sagen wir mal so. Als ich sie endlich finde, ist meine Laune nicht mehr so gut. Diese bessert sich jedoch schlagartig wieder, nachdem ich zurück an Bord, von Micha und Sven mit einem Geburtstagsfrühstück empfangen werde, wie ich mir das hätte nicht besser wünschen können. Sogar eine richtige mit brennenden Kerzen bestückte Torte haben die beiden besorgt. Fantastisch.


Trotzdem ist mir ein bisschen mulmig, und ich denke, Sven geht es ähnlich. Dann gleich müssen wir es mit der Nordsee aufnehmen. Hier im Hafen ist noch alles ruhig, ich kann gar nicht richtig einschätzen, was bald auf mich zukommt. Auf der Fahrt aus dem Hafen heraus ist alles noch ganz ruhig. Spannend ist allerdings der Blick auf den Tiefenmesser und die Bojen, die uns den Weg aus dem Wattenmeer weisen. Deren Standorte entsprechend nämlich nicht immer 100-prozentig den auf der Seekarte verzeichneten Bojen.
Das Wetter ist wieder auf unserer Seite, es regnet nicht und der Wind kommt genau richtig. Daphne ist während der ganzen heutigen Fahrt richtig schnell, häufig sogar mit der für diesen Bootstyp technisch möglichen Höchstgeschwindigkeit unterwegs, wie Micha uns versichert. Dabei haben wir vergleichsweise hohen Seegang und DAPHNE hat eine schöne Schräglage. Ich bin froh, die Schwimmweste angelegt zu haben. Micha ist glücklich und erzählt, das solcherart Windverhältnisse auf seiner Reise bisher nur selten vorgekommen sind. Ich versuche mich an Deck auf den Beinen zu halten, das macht mir am meisten Spaß und ist jedenfalls besser, als still herum zu sitzen und in seinen Körper hinein zu horchen. Sven geht es nicht ganz so gut. Er verkriecht sich unter Deck in seine Koje und lässt sich eine ganze Zeit lang nicht blicken. Trotz dem Geschaukel kommen wir weiter gut voran und erreichen Norderney schließlich so gegen 16:30 Uhr. Uff. Das Anlegen von DAPHNE ist diesmal für Sven und mich anders als sonst. Die flexiblen auf die unterschiedlichen Wasserstände durch die Gezeiten ausgelegten Stege liegen hier im Vergleich zu unserem Boot gerade ziemlich tief, was ich aber erst mitbekomme, als ich wie immer über die Reling springe und gerade noch verhindern kann unglücklich auf die Bretter zu knallen. Zum Glück hat das keiner bemerkt.
Schlechtwetter und stürmische Winde sind für die nächsten Tage angesagt, wir vertäuen DAPHNE diesmal doppelt und dreifach. Micha macht sich auf die Suche nach dem Hafenmeister und Sven und ich verschaffen uns ein Überblick über die Infrastruktur der Marina. Am Abend machen wir einen ausgedehnten Spaziergang über die Insel und landen in einer offensichtlich beliebten, vollen Klabautermann Kneipe, wo man uns nach einigem flehen drei Plätze an der Bar freimacht. Da mein Geburtstag ist, geht die Rechnung heute auf mich. Hier gibt es leckere Hausmannskost, wir stoßen noch mit einem „Kurzen“ an und Sven und ich hätten uns sicher gern noch an ein paar Bier festgehalten aber bei Micha machen sich dann doch die Anstrengungen der Überfahrt bemerkbar und so machen wir uns lieber alle gleich auf den Heimweg. Vor dem Rückzug in die Kojen gibt es, wer hätte das gedacht, noch eine weitere Folge aus der Alienreihe. Das war ein sehr schöner Geburtstag.
Am nächsten Tag macht jeder wieder so sein Ding. Ich versuche am Morgen einen Bäcker zu finden, was mir irgendwann auch gelingt, dadurch allerdings mit einer eher unfreiwilligen Stadtbesichtigung von Norderney verbunden ist. Ich weiß nicht, was die Leute alle mit dieser Insel haben. Mir gefällt es hier nicht besonders. Die Stadtbebauung ist geprägt von Mietshäusern und Einfamilienhäusern alle im frühen Siebzigerjahre Charme gebaut und dementsprechend schon ganz schön durch. Besonders sauber finde ich es hier auch nicht. Auf jeden Fall ist ein deutlicher Unterschied zu den hübsch sanierten und sauberen Städtchen in den Niederlanden festzustellen.
Nach dem Frühstück an Bord habe ich keine große Lust mehr, mich von hier weg zu bewegen und abgesehen von einem Abstecher mit Sven zum Fährhafen, von dem wir morgen früh die Insel verlassen wollen, bleibe ich die meiste Zeit an Bord. Micha allerdings macht sich auf einen großen Insel Rundgang, denn er will will die Spielstätten aus einer Science-Fiction Serie, in der ein Virus auf Norderney wütet, finden und fotografieren. Er erzählt schon die ganze Zeit davon. Jedenfalls ist er dann auch eine ganze Weile weg und am Ende des Tages hält sich seine Ausbeute aufgefundener Drehorte, glaube ich mich zu erinnern, insgesamt dann doch eher in Grenzen.
Am Nachmittag schlägt auch das Wetter um. Es wird deutlich windiger. Wir beobachten eine Segelyacht, die jetzt noch den Hafen verlässt, was uns ob der Wetteraussichten schon ziemlich verwundert. Den Hafenmeister offensichtlich auch, denn der kommt angerannt und ruft der Besatzung noch einiges hinterher, was ich nicht verstehen kann. Allerdings ist seine Gestik ziemlich unmissverständlich. Er hält sie für verrückt. Am Abend besuchen wir einen Griechen und das war dann auch das letzte gemeinsame Essen bevor Sven und ich uns am nächsten Tag von Micha trennen werden, der den Rest seiner Weltumsegelung mit dem Ziel Stralsund danach weitestgehend alleine zurücklegen wird.
4. September: Norderney - Leipzig
Und nun schließt sich der auch der Kreis meines Berichtes, denn genau wie vor der Hinreise habe ich in dieser Nacht auch nicht gut geschlafen. Ich weiß jetzt, warum Segelschiffe auch gerne Windjammer genannt werden. Der stürmische Wind heulte die ganze Nacht und jetzt auch immer noch infernalisch durch die Masten und Takelage der in der Marina befindlichen Segelboote und DAPHNE drückt er dabei auch noch weg vom Steg in eine deutlich zu spürende Schräglage, so dass auch die Leinen zum Zerreißen gespannt sind. Das war nicht schön. So beginnen Horrorfilme, denke ich und war froh, sowas erst am Ende des Törns erlebt zu haben.
Sven und ich machen uns früh auf den Weg zur Fähre und verlassen Norderney so gegen 7:00 Uhr in Richtung Norddeich Mole. Micha begleitet uns, der überlegt hier noch einen Tag länger zu bleiben. Der Abschied fällt wie immer kurz und knapp aus aber als wir nach dem ablegen der Fähre durch das Fenster beobachten wie Micha, auf dem Kai stehend, uns hinterher guckt, schaut er fast ein bisschen traurig aus. Aber irgendwie sind Sven und ich das ja auch. Für die Stimmung, die sich da einschleicht hatten wir früher einen Begriff aus zwei Worten, der all das aussagt, nämlich „Nie wieder!“ - was so viel heißen soll wie „nie wieder wird es so schön, wie es jetzt gerade war“.


Man glaubt es nicht: Von Norddeich Mole fährt mich der IC direkt zum Leipziger Hauptbahnhof. Sven muss in Bremen noch einmal umsteigen, ist aber Dank ICE schneller zu Hause als ich. Meine restliche Zugfahrt dauert lang, verläuft ansonsten aber ohne erzählenswerte Besonderheiten. Nachher bin ich dann doch froh, als mich meine Frau glücklich in ihre Arme schließt.
Hab Dank, Micha für dieses tolle Erlebnis. Du hast alles gegeben und es hat grossen Spaß gemacht. Aber am Ende bleibt mir die Erkenntnis, dass ich doch ganz zufrieden bin mit meinem zurück gewonnenen Status als Landratte.
























































